Tagesimpuls von Gudrun Marquardt darüber, warum wir uns ständig rechtfertigen und unsere Entscheidungen vor anderen erklären.
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Warum wir glauben, uns ständig erklären zu müssen

Ich habe mich lange erklärt, obwohl mich manchmal noch nicht einmal jemand um eine Erklärung gebeten hatte.

Warum ich etwas so entschieden habe. Warum ich etwas nicht wollte. Warum ich einen anderen Weg gehen wollte. Warum mir etwas zu viel war oder warum ich bei etwas nicht mitmachen wollte.

Oft kamen die Erklärungen fast automatisch.

Als müsste ich meine Entscheidung erst verständlich machen, bevor sie wirklich gelten durfte.

Lange habe ich darin nichts Besonderes gesehen. Ich dachte, es sei höflich, anderen meine Beweggründe zu erklären. Und natürlich ist es das manchmal auch. Es gibt Situationen, in denen eine Erklärung wichtig ist, weil unsere Entscheidungen andere Menschen betreffen.

Doch irgendwann bemerkte ich, dass ich mich auch dort erklärte, wo eigentlich gar keine Rechtfertigung nötig gewesen wäre.

Und dahinter steckte bei mir eine andere Frage:

Darf ich das wirklich so entscheiden?

Wenn eine Erklärung eigentlich nach Zustimmung sucht

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Erklärung und einer Rechtfertigung.

Eine Erklärung sagt: Das sind meine Gründe.

Eine Rechtfertigung fragt insgeheim: Sind meine Gründe gut genug, damit du meine Entscheidung akzeptierst?

Diesen Unterschied habe ich lange nicht gesehen.

Ich glaubte, ich würde anderen nur erklären, warum ich etwas tue. In Wirklichkeit hoffte ich manchmal darauf, dass sie anschließend sagen würden:

Ja, das kann ich verstehen.

Ja, das ist richtig.

Ja, das würde ich genauso machen.

Diese Zustimmung gab mir Sicherheit.

Blieb sie aus, begann ich schnell wieder nachzudenken.

Vielleicht hätte ich mich anders entscheiden sollen.

Vielleicht war mein Grund nicht gut genug.

Vielleicht bin ich zu empfindlich.

Vielleicht verlange ich zu viel.

Und schon war ich wieder bei mir selbst angekommen – nicht mit Vertrauen, sondern mit Zweifel.

Nicht jeder muss deine Gründe überzeugend finden

Heute sehe ich etwas klarer:

Ein anderer Mensch kann meine Gründe hören und trotzdem anders darüber denken.

Das macht meine Entscheidung nicht automatisch falsch.

Denn jeder Mensch hört eine Entscheidung durch seine eigenen Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen.

Was für den einen selbstverständlich ist, kann für einen anderen unverständlich sein.

Was der eine niemals tun würde, kann für einen anderen genau der richtige Schritt sein.

Wenn ich also darauf warte, dass jeder meine Entscheidung nachvollziehen kann, gebe ich etwas aus der Hand, das eigentlich zu mir gehört:

die Verantwortung für mein eigenes Leben.

Das bedeutet nicht, rücksichtslos zu werden.

Es bedeutet auch nicht, keine anderen Meinungen mehr anzuhören.

Aber zwischen Rücksicht und Rechtfertigung liegt ein wichtiger Unterschied.

Ich kann einen anderen Menschen ernst nehmen, ohne ihm die Entscheidung darüber zu überlassen, was für mich richtig sein darf.

Manchmal reicht ein Nein

Besonders deutlich wird das beim Nein-Sagen.

Wie häufig sagen wir nicht einfach:

„Nein, das möchte ich nicht.“

Stattdessen folgt sofort eine ganze Erklärung.

Weil ich morgen früh raus muss.

Weil ich gerade so viel zu tun habe.

Weil ich mich nicht gut fühle.

Weil dies.

Weil das.

Manchmal sind diese Erklärungen natürlich vollkommen normal.

Aber manchmal spüren wir selbst, dass wir eigentlich versuchen, unser Nein so gut zu begründen, dass der andere gar nicht mehr enttäuscht von uns sein kann.

Doch genau das können wir nicht kontrollieren.

Jemand darf enttäuscht sein.

Jemand darf unsere Entscheidung nicht verstehen.

Jemand darf sogar glauben, dass er anders entschieden hätte.

Und trotzdem dürfen wir bei unserem Nein bleiben.

Das musste ich selbst erst lernen.

Die eigene Entscheidung aushalten

Vielleicht ist das sogar ein Teil von Selbstvertrauen, über den wir viel zu selten sprechen.

Nicht nur eine Entscheidung zu treffen.

Sondern sie auch dann auszuhalten, wenn jemand anderes sie nicht bestätigt.

Nicht sofort eine lange Erklärung hinterherzuschicken.

Nicht beim ersten Stirnrunzeln zurückzurudern.

Und auch nicht aus jeder anderen Meinung wieder einen Zweifel an uns selbst zu machen.

Heute versuche ich deshalb öfter innezuhalten, bevor ich mich erkläre.

Nicht, weil ich nie wieder etwas begründen möchte.

Sondern weil ich unterscheiden möchte:

Möchte ich gerade etwas erklären – oder möchte ich mir die Erlaubnis für meine eigene Entscheidung holen?

Das ist für mich ein großer Unterschied.

Dein Gedanke für heute

Beobachte heute einmal, wann du dich erklärst.

Vielleicht bemerkst du einen Moment, in dem du sofort mehrere Gründe nennst, obwohl ein einfacher Satz eigentlich reichen würde.

Dann frag dich:

Möchte ich gerade verstanden werden – oder brauche ich die Zustimmung des anderen, damit sich meine Entscheidung richtig anfühlt?

Du musst dein Verhalten nicht sofort verändern.

Es reicht zunächst, diesen Moment zu erkennen.

Denn vielleicht beginnt Selbstvertrauen manchmal mit einem ganz unscheinbaren Satz:

„Das ist für mich so richtig.“

Und dann darf dieser Satz auch einmal stehen bleiben.

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Herzlichst
Gudrun Marquardt