Warum entschuldigst du dich eigentlich so oft?
„Entschuldigung, darf ich dich kurz etwas fragen?“
„Tut mir leid, dass ich störe.“
„Entschuldige, aber ich sehe das ein bisschen anders.“
Vielleicht kennst du solche Sätze. Sie kommen uns manchmal so selbstverständlich über die Lippen, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken.
Wir entschuldigen uns, bevor wir eine Frage stellen. Bevor wir unsere Meinung sagen. Manchmal sogar dann, wenn wir einfach nur etwas brauchen.
Dabei haben wir noch gar nichts falsch gemacht.
Natürlich gehört es zu einem respektvollen Miteinander, Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen. Und wenn wir jemanden verletzt oder einen Fehler gemacht haben, ist eine ehrliche Entschuldigung wichtig.
Aber manchmal benutzen wir das Wort „Entschuldigung“ auch dort, wo eigentlich gar keine Schuld ist.
Wenn Höflichkeit zur Gewohnheit wird, sich kleinzumachen
Vielleicht hast du schon früh gelernt, anderen möglichst wenig Umstände zu bereiten.
Nicht zu laut sein. Nicht zu viel verlangen. Niemanden stören.
Vielleicht wurde es besonders geschätzt, wenn du unkompliziert warst, dich angepasst hast und deine eigenen Wünsche zurückstellen konntest.
Solche Erfahrungen können uns prägen.
Irgendwann achten wir vielleicht nicht mehr nur darauf, freundlich zu sein. Wir versuchen auch, möglichst wenig Raum einzunehmen.
Wir überlegen lange, bevor wir jemanden um Hilfe bitten. Wir erklären ausführlich, warum wir etwas brauchen. Und manchmal entschuldigen wir uns schon im Voraus dafür, dass unser Wunsch vielleicht unbequem sein könnte.
Dabei ist es ganz normal, Fragen zu haben, Hilfe zu brauchen oder anderer Meinung zu sein.
Du darfst etwas brauchen
Stell dir vor, du hast eine Frage, die dir wichtig ist.
Du möchtest etwas verstehen, eine Entscheidung besprechen oder jemanden um Unterstützung bitten.
Warum sollte das automatisch bedeuten, dass du störst?
Vielleicht hat der andere Mensch gerade keine Zeit. Vielleicht kann er dir nicht helfen. Vielleicht muss er selbst auf seine Grenzen achten.
Aber das macht deine Frage nicht falsch.
Wir dürfen einander um etwas bitten. Und wir dürfen auch Nein sagen.
Beides gehört zu einem respektvollen Umgang miteinander.
Schwierig wird es erst, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse schon als Zumutung empfinden, bevor überhaupt jemand darauf reagiert hat.
Dann machen wir uns manchmal kleiner, als wir sein müssten.
Auch deine Meinung darf einen Platz haben
Besonders deutlich wird diese Gewohnheit, wenn wir anderer Meinung sind.
Vielleicht sagst du: „Entschuldigung, aber ich sehe das anders.“
Du möchtest niemanden verletzen. Du möchtest keinen Streit. Und vielleicht hast du erlebt, dass Widerspruch nicht immer willkommen war.
Deshalb versuchst du, deine Meinung möglichst vorsichtig auszusprechen.
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wir müssen nicht laut oder verletzend werden, um unseren Standpunkt zu vertreten.
Aber vielleicht darfst du einmal darauf achten, wie du deine Sätze beginnst.
Du könntest auch sagen:
„Ich sehe das etwas anders.“
Oder:
„Ich habe dazu eine andere Meinung.“
Freundlich. Ruhig. Ohne Angriff.
Und ohne dich dafür zu entschuldigen, dass du anders denkst.
Nicht jede Unzufriedenheit eines anderen Menschen ist deine Schuld
Manchmal entschuldigen wir uns auch, weil jemand enttäuscht oder verärgert reagiert.
Vielleicht kannst du eine Bitte nicht erfüllen. Vielleicht hast du eine andere Entscheidung getroffen, als jemand erwartet hat.
Und obwohl du niemandem absichtlich geschadet hast, fühlst du dich verantwortlich dafür, dass der andere Mensch unzufrieden ist.
Natürlich dürfen wir mitfühlend sein.
Wir können sagen: „Ich verstehe, dass dich das enttäuscht.“
Aber Verständnis bedeutet nicht automatisch, dass wir etwas falsch gemacht haben.
Es ist möglich, die Gefühle eines anderen Menschen ernst zu nehmen und trotzdem bei der eigenen Entscheidung zu bleiben.
Gerade wenn du lange versucht hast, es allen recht zu machen, kann sich das zunächst ungewohnt anfühlen.
Doch du musst nicht jede Enttäuschung verhindern, um ein guter Mensch zu sein.
Vielleicht probierst du heute einen anderen Satz aus
Es geht nicht darum, das Wort „Entschuldigung“ aus deinem Leben zu streichen.
Manchmal ist es angebracht. Manchmal ist es auch einfach eine höfliche Redewendung.
Aber vielleicht lohnt es sich, hin und wieder genauer hinzuhören.
Entschuldigst du dich gerade für einen Fehler?
Oder dafür, dass du etwas möchtest, eine Frage hast oder eine Grenze setzt?
Vielleicht könntest du beim nächsten Mal einen anderen Satz wählen.
Statt „Entschuldigung, dass ich störe“ vielleicht: „Hast du gerade einen Moment Zeit?“
Statt „Tut mir leid, dass ich Hilfe brauche“ vielleicht: „Könntest du mir dabei helfen?“
Und statt „Entschuldigung, aber ich möchte das nicht“ vielleicht einfach: „Danke, aber das möchte ich nicht.“
Du musst diese Sätze nicht perfekt beherrschen.
Vielleicht reicht es, wenn du bemerkst, wie oft du dich selbst schon vor dem ersten Wort zurücknimmst.
Du bist kein Umstand
Ich glaube, viele Menschen haben irgendwann gelernt, besonders vorsichtig mit ihren eigenen Bedürfnissen umzugehen.
Sie möchten niemandem zur Last fallen. Sie wollen freundlich sein, Rücksicht nehmen und keine Schwierigkeiten verursachen.
Das sind verständliche Wünsche.
Aber Rücksicht auf andere sollte nicht bedeuten, dass du dich selbst ständig zurückstellen musst.
Du darfst Fragen stellen.
Du darfst Hilfe brauchen.
Du darfst anderer Meinung sein.
Und du darfst Nein sagen, ohne dich dafür schuldig zu fühlen.
Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du auch Bedürfnisse hast.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Achte heute einmal darauf, wann du „Entschuldigung“ sagst.
Nicht um dich dafür zu kritisieren, sondern um zu erkennen, ob du dich tatsächlich für einen Fehler entschuldigst oder nur dafür, dass du Raum einnimmst.
Wenn du häufig versuchst, es allen recht zu machen und dabei deine eigenen Bedürfnisse zurückstellst, findest du in meinem Buch Nicht gut genug weitere Gedanken darüber, wie alte Überzeugungen unser Verhalten beeinflussen.