„Ach, das war doch nichts.“ – Warum wir Komplimente so schnell kleinreden
„Das hast du wirklich gut gemacht.“
Vielleicht kennst du diesen Moment. Jemand lobt dich für etwas, das dir gelungen ist, und noch bevor du dich darüber freuen kannst, hörst du dich antworten:
„Ach, das war doch nichts.“
Oder du sagst: „Das hätte jeder gekonnt.“ Vielleicht erklärst du auch sofort, was alles nicht so gut gelaufen ist und was du beim nächsten Mal besser machen möchtest.
Dabei hat dich niemand nach deinen Fehlern gefragt.
Ein Mensch wollte dir einfach nur sagen, dass er etwas gut findet, was du gemacht hast.
Und trotzdem fällt es dir schwer, das stehen zu lassen.
Warum wir das Gute sofort kleiner machen
Manchmal ist es einfach Gewohnheit.
Vielleicht hast du früh gelernt, bescheiden zu sein und nicht zu viel von dir zu halten. Vielleicht wurde dir vermittelt, dass Eigenlob unangenehm ist oder dass man sich auf seinen Erfolgen nicht ausruhen sollte.
Und vielleicht hast du irgendwann angefangen, jedes Lob ein wenig abzuschwächen, damit niemand denken könnte, du würdest dich für etwas Besseres halten.
Es gibt aber auch einen anderen Grund.
Wenn du lange an dir gezweifelt hast, kann ein Kompliment sich ungewohnt anfühlen.
Du siehst selbst vielleicht zuerst die Dinge, die nicht perfekt waren. Du weißt, wie oft du etwas überarbeitet hast, wie unsicher du zwischendurch warst und welche Fehler dir unterlaufen sind.
Der andere Mensch sieht dagegen das Ergebnis.
Und manchmal fällt es uns schwer, seiner Wahrnehmung genauso viel Gewicht zu geben wie unserer eigenen Kritik.
Bescheidenheit ist nicht dasselbe wie Selbstabwertung
Es ist nichts falsch daran, bescheiden zu sein.
Du musst deine Leistungen nicht ständig hervorheben. Du musst nicht jedem erzählen, was du alles kannst, und du brauchst auch keine Bewunderung.
Aber zwischen Bescheidenheit und Selbstabwertung liegt ein Unterschied.
Bescheidenheit bedeutet, dass du dich nicht über andere stellen musst.
Selbstabwertung beginnt dort, wo du das Gute an dir selbst nicht mehr gelten lässt.
Vielleicht hast du dir bei einer Aufgabe viel Mühe gegeben. Vielleicht hast du etwas geschafft, das dir wirklich schwergefallen ist. Oder du hast jemandem geholfen und dabei Zeit und Kraft investiert.
Warum sollte das plötzlich nichts mehr wert sein, nur weil du selbst es getan hast?
Manchmal behandeln wir unsere eigenen Leistungen so, als würden sie weniger zählen als die anderer Menschen.
Bei einer Freundin würden wir vielleicht sagen: „Darauf kannst du wirklich stolz sein.“
Bei uns selbst heißt es dagegen: „War doch selbstverständlich.“
Du musst einem Kompliment nicht widersprechen
Stell dir einmal vor, eine Freundin zeigt dir etwas, an dem sie lange gearbeitet hat.
Du findest es schön und sagst ihr das.
Aber sie beginnt sofort, dir sämtliche Fehler aufzuzählen. Sie erklärt, warum es eigentlich nichts Besonderes ist, und versichert dir, dass andere es viel besser könnten.
Vielleicht würdest du irgendwann sagen: „Jetzt freu dich doch einfach mal darüber.“
Warum fällt uns das bei anderen so leicht und bei uns selbst so schwer?
Vielleicht, weil wir daran gewöhnt sind, unsere eigene innere Kritik für besonders zuverlässig zu halten.
Wir glauben ihr manchmal schneller als einem freundlichen Wort von außen.
Doch nur weil du etwas an dir selbst kritisch siehst, bedeutet das nicht, dass der andere Mensch sich irrt.
Er darf etwas gut finden, auch wenn du es nicht perfekt findest.
Und du darfst seine Worte annehmen, ohne sie sofort überprüfen oder abschwächen zu müssen.
Ein kleines Wort kann etwas verändern
Vielleicht probierst du beim nächsten Kompliment einmal etwas anderes aus.
Du erklärst nichts.
Du zählst keine Fehler auf.
Du vergleichst dich nicht mit anderen.
Du sagst einfach:
„Danke. Das freut mich.“
Und dann lässt du diesen Satz stehen.
Vielleicht fühlt sich das beim ersten Mal ungewohnt an. Vielleicht möchtest du sofort ein „Aber“ hinzufügen.
Du musst daraus keine große Übung machen.
Vielleicht reicht es, diesen einen Moment wahrzunehmen.
Denn es geht nicht darum, dass du plötzlich alles an dir großartig finden musst.
Es geht darum, dass du aufhörst, jedem freundlichen Wort über dich automatisch zu widersprechen.
Das Gute an dir darf auch für dich sichtbar werden
Vielleicht hast du über viele Jahre gelernt, besonders aufmerksam auf deine Fehler zu achten.
Du erkennst sofort, was du noch verbessern könntest, was dir nicht gelungen ist oder wo du hinter deinen eigenen Erwartungen zurückgeblieben bist.
Diese Fähigkeit kann hilfreich sein. Sie kann uns dabei unterstützen, zu lernen und uns weiterzuentwickeln.
Aber wenn wir ausschließlich darauf schauen, was noch fehlt, verlieren wir irgendwann den Blick für das, was längst da ist.
Für unsere Fähigkeiten.
Für unsere Erfahrungen.
Für all die Dinge, die wir bewältigt haben.
Vielleicht darfst du deshalb heute einmal etwas anders machen.
Wenn jemand etwas Gutes in dir sieht, musst du nicht sofort nach einem Gegenargument suchen.
Du darfst dich darüber freuen.
Und vielleicht erkennst du mit der Zeit selbst ein wenig mehr von dem, was andere schon längst in dir sehen.
Du musst dich nicht größer machen, als du bist. Aber du musst dich auch nicht ständig kleiner machen.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Wenn dir heute jemand ein Kompliment macht, versuche einmal, es nicht sofort abzuschwächen.
Ein einfaches „Danke, das freut mich“ genügt.
Wenn du dich häufig selbst infrage stellst oder das Gefühl kennst, nie ganz gut genug zu sein, findest du in meinem Buch Nicht gut genug weitere Gedanken darüber, wie alte Zweifel entstehen und wie du lernen kannst, dir selbst wieder mehr zu vertrauen.