Tagesimpuls von Gudrun Marquardt über Selbstwert und Leistung und das Gefühl, an langsamen Tagen nicht genug geschafft zu haben.

Wenn du glaubst, ein langsamer Tag sei ein verlorener Tag

Ich habe Tage lange danach beurteilt, wie viel ich geschafft hatte.

War am Abend vieles erledigt, fühlte sich der Tag gut an.

War wenig geschafft, blieb schnell dieses unangenehme Gefühl zurück:

Heute war irgendwie nichts.

Dabei stimmte das meistens gar nicht.

Vielleicht hatte ich nachgedacht.

Vielleicht brauchte mein Körper mehr Ruhe.

Vielleicht hatte ich ein Gespräch geführt, das wichtig war.

Vielleicht war ich einfach langsamer als sonst.

Aber all das ließ sich nicht so schön abhaken wie eine erledigte Aufgabe.

Und deshalb bekam es in meiner eigenen Bewertung oft weniger Gewicht.

Wenn Leistung zum Maßstab für einen guten Tag wird

Es passiert erstaunlich leicht.

Wir stehen morgens auf und im Kopf läuft schon eine Liste.

Was muss heute erledigt werden?

Was sollte ich schaffen?

Was darf auf keinen Fall liegen bleiben?

Natürlich brauchen wir solche Listen.

Unser Alltag würde sonst kaum funktionieren.

Schwierig wird es erst, wenn aus einer Aufgabenliste etwas anderes wird:

ein Maßstab dafür, ob wir mit uns zufrieden sein dürfen.

Dann fühlt sich ein produktiver Tag gut an.

Ein langsamer Tag dagegen plötzlich wie ein persönliches Versagen.

Obwohl wir vielleicht gar nichts falsch gemacht haben.

Nicht jeder Tag hat dieselbe Kraft

Ich glaube, wir vergessen manchmal etwas sehr Einfaches:

Wir sind keine Maschinen.

Es gibt Tage, an denen vieles leichtgeht.

Und es gibt andere.

Vielleicht hast du schlecht geschlafen.

Vielleicht beschäftigt dich etwas.

Vielleicht bist du körperlich müde.

Vielleicht brauchst du länger für Dinge, die dir an einem anderen Tag leichtfallen.

Oder du hast einfach weniger Energie.

Früher hätte ich an solchen Tagen schnell gedacht:

Ich muss mich mehr zusammenreißen.

Heute frage ich mich eher:

Warum erwarte ich eigentlich, dass ich jeden Tag gleich funktionieren muss?

Auch das Unsichtbare zählt

Nicht alles, was wichtig ist, kann man am Ende eines Tages vorzeigen.

Manchmal hast du eine Grenze erkannt.

Eine Entscheidung nicht überstürzt getroffen.

Etwas verstanden.

Dir Zeit genommen.

Oder einfach verhindert, dass du dich noch weiter überforderst.

Von außen sieht das vielleicht nach wenig aus.

Innerlich kann trotzdem etwas in Bewegung gekommen sein.

Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger damit sein, Tage als „verschwendet“ zu bezeichnen.

Nur weil sie nicht voll waren.

Du bist nicht die Summe deiner erledigten Aufgaben

Das ist wahrscheinlich der Gedanke, den ich selbst am längsten lernen musste.

Was ich leiste, gehört zu meinem Leben.

Aber es ist nicht mein ganzer Wert.

Ich bin nicht plötzlich mehr wert, weil ich zehn Dinge erledigt habe.

Und ich verliere meinen Wert nicht, weil heute nur zwei davon gelungen sind.

Trotzdem kann sich genau das manchmal so anfühlen.

Besonders, wenn wir lange gelernt haben, Anerkennung über Leistung zu bekommen oder uns selbst hauptsächlich dann zufrieden anzuschauen, wenn wir etwas geschafft haben.

Dann kann ein langsamer Tag unbequem werden.

Nicht nur, weil weniger erledigt wurde.

Sondern weil plötzlich die Frage auftaucht:

Bin ich auch genug, wenn ich heute nicht viel geleistet habe?

Dein Gedanke für heute

Wenn heute Abend etwas liegen geblieben ist, versuche einmal, den Tag nicht sofort zu bewerten.

Frag dich stattdessen:

Was hat dieser Tag vielleicht gebraucht, statt was hätte ich noch schaffen müssen?

Vielleicht war er langsamer.

Vielleicht war er nicht besonders produktiv.

Vielleicht bist du nicht so weit gekommen, wie du wolltest.

Aber das bedeutet nicht automatisch, dass du zurückgefallen bist.

Ein langsamer Tag kann trotzdem ein Teil deines Weges sein.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

Wenn du dich selbst nicht länger nur nach dem beurteilen möchtest, was du leistest …

In meinen Büchern schreibe ich über Selbstwert, innere Erschöpfung und darüber, wie wir uns selbst im Alltag manchmal leise verlieren – und wie der Weg zurück zu uns beginnen kann.

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