Warum du dir Ruhe erst erlaubst, wenn alles erledigt ist
Ich habe lange gedacht, ich könnte mich ausruhen, sobald alles erledigt ist.
Eigentlich klang das vernünftig.
Erst die Arbeit. Dann das, was zu Hause noch gemacht werden musste. Noch schnell etwas erledigen, um das ich mich kümmern wollte. Vielleicht noch jemandem helfen. Und wenn alles geschafft war, würde ich mich hinsetzen und endlich etwas für mich tun.
Nur gab es ein Problem:
Es war nie alles erledigt.
Kaum war eine Sache abgeschlossen, fiel mir die nächste ein. Manches musste tatsächlich gemacht werden. Anderes hätte wahrscheinlich warten können. Aber in meinem Kopf fühlte sich vieles dringend an.
Und so verschob sich die Ruhe immer weiter nach hinten.
Nicht absichtlich.
Sie bekam einfach den letzten Platz.
Erst leisten, dann darf ich
Irgendwann begann ich mich zu fragen, warum es mir eigentlich leichter fiel, noch etwas zu erledigen, als einfach einmal nichts zu tun.
Denn selbst wenn ich mich hinsetzte, war mein Kopf oft noch unterwegs.
Da wäre noch …
Eigentlich müsste ich …
Das könntest du schnell noch …
Vielleicht kennst du diese innere Liste.
Sie steht auf keinem Papier und trotzdem begleitet sie dich durch den Tag.
Und manchmal steckt dahinter mehr als nur ein voller Alltag.
Bei mir war da auch dieses Gefühl, dass Ruhe irgendwie verdient werden musste.
Wenn ich genug getan hatte, durfte ich mich ausruhen.
Wenn ich fleißig gewesen war, durfte ich mir Zeit nehmen.
Wenn alles andere versorgt war, durfte ich mich um mich kümmern.
Nur wer entscheidet eigentlich, wann es genug ist?
Wenn das eigene Bedürfnis immer zuletzt kommt
Vielleicht beginnt Selbstverlust manchmal viel unscheinbarer, als wir denken.
Nicht mit einer großen Entscheidung.
Sondern mit vielen kleinen Verschiebungen.
Ich trinke meinen Kaffee später.
Ich setze mich nachher hin.
Ich gehe morgen spazieren.
Ich kümmere mich darum, wenn ich mehr Zeit habe.
Heute geht es eben nicht.
Jede einzelne Entscheidung erscheint unwichtig.
Doch wenn aus „heute nicht“ irgendwann ein Lebensrhythmus wird, kann etwas verloren gehen:
das Gefühl, selbst auch in diesem Leben vorzukommen.
Ruhe ist kein Preis für gute Leistung
Diesen Gedanken musste ich selbst erst verändern.
Ruhe ist keine Belohnung dafür, dass ich vorher genug geleistet habe.
Mein Körper braucht Pausen nicht erst dann, wenn er völlig erschöpft ist.
Mein Kopf braucht Ruhe nicht erst dann, wenn nichts mehr geht.
Und ich muss nicht warten, bis niemand mehr etwas von mir möchte.
Denn dieser Moment kommt vielleicht nie.
Das bedeutet nicht, Verantwortung liegen zu lassen.
Es bedeutet auch nicht, dass wir nur noch tun sollten, worauf wir gerade Lust haben.
Unser Leben besteht nun einmal aus Verpflichtungen.
Aber vielleicht besteht der Unterschied darin, ob ich mich selbst zwischen all diesen Verpflichtungen überhaupt noch wahrnehme.
Es darf etwas liegen bleiben
Das ist für mich bis heute manchmal der schwierigere Teil.
Denn wenn ich mir Zeit nehme, obwohl noch etwas erledigt werden könnte, bleibt tatsächlich etwas liegen.
Die Welt räumt sich während meiner Pause nicht von selbst auf.
Die Liste wird nicht automatisch leer.
Und trotzdem kann die Pause richtig sein.
Vielleicht müssen wir aufhören, auf diesen vollkommenen Moment zu warten, an dem wirklich alles erledigt ist.
Denn das Leben wird wahrscheinlich immer noch etwas für uns bereithalten, das wir tun könnten.
Dein Gedanke für diesen Sonntag
Vielleicht ist heute ein guter Tag für eine kleine Frage:
Was würde ich mir heute erlauben, wenn ich es mir nicht erst verdienen müsste?
Vielleicht möchtest du einfach eine halbe Stunde sitzen.
Ein Buch lesen.
Spazieren gehen.
In Ruhe einen Kaffee trinken.
Oder nichts Besonderes tun.
Und wenn dabei der Gedanke auftaucht:
Eigentlich müsste ich noch …
dann darf er da sein.
Du musst nicht gegen ihn kämpfen.
Vielleicht antwortest du ihm heute einfach:
„Ja. Das kann ich später machen.“
Denn dein Leben besteht nicht nur aus dem, was du erledigst.
Du darfst auch darin vorkommen.
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