Tagesimpuls von Gudrun Marquardt über schlechtes Gewissen beim Nein-Sagen, Grenzen setzen und die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen.
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Warum du beim Nein-Sagen ein schlechtes Gewissen bekommst

Ich dachte lange, ein schlechtes Gewissen würde automatisch bedeuten, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Besonders dann, wenn ich Nein sagte.

Vielleicht hatte mich jemand um etwas gebeten und ich wollte oder konnte es nicht tun. Vielleicht wollte ich meine Ruhe. Vielleicht war mir etwas zu viel. Oder ich hatte einfach eine andere Vorstellung davon, wie ich meine Zeit verbringen wollte.

Eigentlich war die Entscheidung getroffen.

Und trotzdem begann danach etwas in mir zu arbeiten.

Hätte ich nicht doch helfen können?

War mein Grund wirklich wichtig genug?

Bin ich gerade egoistisch?

Vielleicht kennst du diese Gedanken.

Das Merkwürdige daran ist: Oft ist das Nein längst ausgesprochen, aber innerlich führen wir die Diskussion weiter.

Wenn ein Nein sich plötzlich falsch anfühlt

Lange habe ich dieses unangenehme Gefühl ernst genommen.

Wenn ich mich nach einer Entscheidung schlecht fühlte, musste doch etwas daran falsch gewesen sein.

Heute glaube ich, dass es nicht immer so einfach ist.

Denn Gefühle entstehen nicht nur aus dem, was heute geschieht. Sie hängen auch damit zusammen, was wir über Jahre gewohnt waren.

Wenn du lange gelernt hast, für andere da zu sein, Rücksicht zu nehmen oder dich anzupassen, kann es sich zunächst merkwürdig anfühlen, dich selbst stärker zu berücksichtigen.

Nicht unbedingt, weil du etwas Falsches tust.

Sondern weil du etwas Ungewohntes tust.

Und ungewohnt fühlt sich nicht automatisch gut an.

Andere Menschen dürfen enttäuscht sein

Vielleicht liegt hier noch etwas, das mir selbst nicht immer leichtfiel:

Wenn ich Nein sage, kann ein anderer Mensch enttäuscht sein.

Und ich kann diese Enttäuschung nicht immer verhindern.

Natürlich möchte ich niemanden absichtlich verletzen. Und wenn meine Entscheidung einen anderen Menschen unmittelbar betrifft, gehört Rücksicht für mich dazu.

Aber Rücksicht bedeutet nicht, dass niemand jemals enttäuscht von mir sein darf.

Denn wenn mein Nein nur dann erlaubt ist, wenn alle anderen damit zufrieden sind, ist es eigentlich kein freies Nein.

Dann brauche ich weiterhin ihre Zustimmung.

Ein schlechtes Gewissen ist nicht immer ein guter Ratgeber

Heute versuche ich deshalb, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden.

Habe ich tatsächlich gegen etwas gehandelt, das mir wichtig ist?

Habe ich jemanden unfair behandelt oder eine Verantwortung einfach abgeschoben?

Dann lohnt es sich natürlich hinzusehen.

Oder fühle ich mich nur schlecht, weil ich diesmal nicht automatisch das getan habe, was von mir erwartet wurde?

Das ist ein Unterschied.

Nicht jedes unangenehme Gefühl verlangt eine Korrektur.

Manchmal dürfen wir ein Gefühl auch einen Moment aushalten, ohne sofort unsere Entscheidung zurückzunehmen.

Grenzen können sich zuerst fremd anfühlen

Vielleicht erwarten wir manchmal zu viel von Veränderung.

Wir denken, eine richtige Entscheidung müsste sich sofort befreiend anfühlen.

Ein klares Nein.

Erleichterung.

Endlich frei.

Doch so funktioniert es nicht immer.

Manchmal sagen wir Nein und fühlen uns anschließend überhaupt nicht stark.

Wir zweifeln.

Wir überlegen.

Vielleicht möchten wir sogar zurückrudern.

Und trotzdem kann dieses Nein richtig gewesen sein.

Denn wenn wir etwas über viele Jahre anders gemacht haben, verändert sich dieses Muster nicht durch einen einzigen entschlossenen Satz.

Wir müssen erst erfahren, dass etwas Neues möglich ist.

Dass jemand enttäuscht sein kann und die Welt trotzdem weitergeht.

Dass wir Nein sagen können und deshalb kein schlechter Mensch sind.

Und dass unsere Bedürfnisse nicht erst dann wichtig werden, wenn alle anderen versorgt sind.

Dein Gedanke für heute

Wenn du das nächste Mal nach einem Nein ein schlechtes Gewissen bekommst, frag dich nicht sofort:

„War mein Nein falsch?“

Frag dich zunächst:

„Habe ich wirklich etwas Falsches getan – oder fühlt es sich nur ungewohnt an, mich selbst mit einzubeziehen?“

Vielleicht liegt die Antwort irgendwo dazwischen.

Aber du gibst dir damit etwas Wichtiges:

einen Moment, in dem nicht automatisch das schlechte Gewissen entscheidet.

Und vielleicht beginnt eine Grenze manchmal genau dort.

Nicht mit dem Moment, in dem sich ein Nein endlich leicht anfühlt.

Sondern mit dem Moment, in dem du bei ihm bleiben kannst, obwohl es sich noch ungewohnt anfühlt.

Wenn du tiefer gehen möchtest

Auch in meinem Buch „Nicht gut genug – Wie Selbstzweifel dein Leben prägen – und wie du wieder lernst, dir selbst zu vertrauen“ geht es darum, wie alte Zweifel unser Verhalten beeinflussen und warum es so schwer sein kann, den eigenen Bedürfnissen und Entscheidungen zu vertrauen.

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Herzlichst
Gudrun Marquardt