Tagesimpuls von Gudrun Marquardt über das Gefühl, nie gut genug zu sein und den eigenen Fortschritt kaum wahrzunehmen.

Warum du immer zuerst siehst, was noch fehlt

Ich habe lange etwas getan, ohne es wirklich zu bemerken.

Ich konnte eine Aufgabe abschließen, etwas erreichen oder einen Schritt weiterkommen – und mein Blick wanderte fast sofort zu dem, was noch nicht erledigt war.

Eigentlich hätte ich zufrieden sein können.

Doch in meinem Kopf begann bereits die nächste Liste.

Das fehlt noch.

Da bin ich noch nicht weit genug.

Das müsste besser sein.

Andere sind schon weiter.

Und so entstand ein merkwürdiges Gefühl: Ich bewegte mich zwar, aber innerlich kam ich kaum irgendwo an.

Wenn das Erreichte sofort seinen Wert verliert

Vielleicht kennst du das.

Du hast einen anstrengenden Tag hinter dir und statt zu sehen, was du geschafft hast, fällt dir zuerst das auf, was liegen geblieben ist.

Du hast einen Fortschritt gemacht und denkst sofort daran, wie viel noch fehlt.

Du bekommst ein Kompliment und findest innerlich schon den Punkt, der trotzdem nicht gut genug ist.

Von außen kann einiges gelungen sein.

Innerlich fühlt es sich trotzdem nach „noch nicht“ an.

Ich glaube, genau hier kann ein altes Muster sehr leise weiterwirken.

Wenn du dich lange daran gewöhnt hast, dich über Leistung, Verbesserung oder Anerkennung zu bewerten, wird das Erreichte schnell selbstverständlich.

Das Fehlende dagegen bekommt deine ganze Aufmerksamkeit.

Vielleicht fehlt dir nicht ständig etwas

Manchmal habe ich mich gefragt, warum Zufriedenheit so kurz hielt.

Kaum war etwas geschafft, verlor es schon wieder an Bedeutung.

Ich dachte dann nicht:

Das habe ich geschafft.

Sondern:

Jetzt muss ich als Nächstes …

Dieses Denken kann antreiben.

Aber es kann auch müde machen.

Denn wenn der Maßstab sich nach jedem erreichten Schritt sofort weiter verschiebt, gibt es kaum einen Moment, in dem etwas wirklich genug sein darf.

Vielleicht liegt deshalb nicht immer das Problem darin, dass wir zu wenig erreicht haben.

Vielleicht sehen wir nur nicht lange genug hin.

Der Blick auf das Fehlende ist nicht immer Wahrheit

Unser Blick ist nicht neutral.

Wir bemerken besonders schnell das, worauf wir innerlich eingestellt sind.

Wenn du gewohnt bist, nach Fehlern zu suchen, findest du sie.

Wenn du ständig prüfst, ob du genug bist, findest du fast immer etwas, das noch besser sein könnte.

Das bedeutet nicht, dass wir uns alles schönreden sollten.

Natürlich dürfen wir wachsen.

Wir dürfen Ziele haben.

Wir dürfen etwas verbessern wollen.

Aber vielleicht können wir lernen, zwei Dinge gleichzeitig zu sehen:

Das, was noch entstehen darf – und das, was längst da ist.

Fortschritt braucht einen Moment, in dem er gesehen wird

Ich glaube inzwischen, dass wir unseren Fortschritt manchmal selbst unsichtbar machen.

Nicht weil er nicht da ist.

Sondern weil wir ihn sofort überspringen.

Ein Schritt.

Nächster Schritt.

Noch einer.

Noch besser.

Noch mehr.

Und irgendwann sind wir erschöpft und haben trotzdem das Gefühl, nichts geschafft zu haben.

Vielleicht wäre es manchmal wichtiger, einen Moment stehen zu bleiben.

Nicht für immer.

Nur lange genug, um wahrzunehmen:

Hier war ich früher noch nicht.

Das ist kein Stillstand.

Das ist Anerkennung.

Dein Gedanke für heute

Vielleicht fragst du dich heute nicht nur:

Was fehlt noch?

Sondern auch:

Was ist inzwischen da, das ich vor einiger Zeit noch nicht hatte?

Vielleicht ist es etwas Sichtbares.

Vielleicht aber auch etwas, das niemand von außen erkennt.

Eine Grenze, die du heute früher bemerkst.

Ein Gedanke, dem du nicht mehr sofort glaubst.

Eine Entscheidung, die du diesmal nicht wieder zurückgenommen hast.

Mehr Ruhe.

Mehr Klarheit.

Oder einfach die Tatsache, dass du dich selbst inzwischen öfter fragst, was du brauchst.

Manches davon lässt sich nicht abhaken.

Und trotzdem ist es Fortschritt.

Vielleicht musst du nicht jeden Tag beweisen, wie weit du gekommen bist.

Aber du darfst lernen, es selbst wieder zu sehen.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

Vertiefung

Hier würde ich morgen wieder dein Buch „Nicht gut genug“ dezent einbinden, weil der Zusammenhang wirklich stark ist:

In meinem Buch „Nicht gut genug – Wie Selbstzweifel dein Leben prägen – und wie du wieder lernst, dir selbst zu vertrauen“ schreibe ich auch darüber, warum das Gefühl, noch nicht weit genug zu sein, unser Leben so lange begleiten kann.

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