Für wen versuchst du eigentlich immer noch, gut genug zu sein?
Vielleicht hast du in deinem Leben schon sehr viel geschafft.
Du hast gearbeitet, Verantwortung übernommen, schwierige Zeiten durchgestanden und Dinge geregelt, von denen andere Menschen kaum etwas wissen.
Du hast dich angestrengt, auch wenn du müde warst. Du hast weitergemacht, wenn etwas nicht funktioniert hat, und immer wieder versucht, dein Bestes zu geben.
Und trotzdem gibt es vielleicht Momente, in denen du das Gefühl hast, dass es noch immer nicht reicht.
Du möchtest etwas Neues anfangen, aber sofort kommt dieser Gedanke: „Was werden die anderen dazu sagen?“
Du erreichst etwas, auf das du eigentlich stolz sein könntest, und überlegst bereits, was noch fehlt.
Oder du triffst eine Entscheidung, die sich für dich richtig anfühlt, und fragst dich anschließend, ob ein bestimmter Mensch sie gutheißen würde.
Vielleicht ist dieser Mensch schon lange nicht mehr Teil deines Alltags.
Und trotzdem scheint seine Meinung noch immer eine Rolle zu spielen.
Wenn wir ein Leben lang auf Anerkennung warten
Manchmal beginnt dieser Wunsch sehr früh.
Vielleicht hast du als Kind erlebt, dass du besonders brav, fleißig oder hilfsbereit sein musstest, um Anerkennung zu bekommen.
Vielleicht wurden deine Leistungen mit denen deiner Geschwister verglichen.
Vielleicht war das, was du getan hast, selten wirklich gut genug.
Es gab immer noch etwas zu verbessern.
Eine bessere Note.
Eine ordentlichere Arbeit.
Ein freundlicheres Verhalten.
Vielleicht hast du irgendwann begonnen zu glauben, dass du dich nur noch ein wenig mehr anstrengen musst.
Dann würde man endlich sehen, was du kannst.
Dann würde jemand stolz auf dich sein.
Dann würdest du vielleicht das Lob bekommen, auf das du so lange gewartet hast.
Doch manchmal kommt dieser Moment nicht.
Und der Wunsch danach begleitet uns trotzdem weiter.
Wem möchtest du heute noch etwas beweisen?
Vielleicht hast du längst ein eigenes Leben aufgebaut.
Du bist erwachsen geworden, hast Entscheidungen getroffen und Erfahrungen gesammelt.
Und doch gibt es möglicherweise einen Menschen, dessen Urteil dich noch immer beschäftigt.
Vielleicht ist es deine Mutter oder dein Vater.
Vielleicht ein Geschwisterteil, ein früherer Partner oder jemand, der dich immer wieder unterschätzt hat.
Du möchtest zeigen, dass du es geschafft hast.
Dass du nicht so schwach bist, wie man damals behauptet hat.
Dass du sehr wohl etwas kannst.
Vielleicht stellst du dir sogar vor, wie dieser Mensch eines Tages erkennt, dass er sich in dir geirrt hat.
Und vielleicht merkst du gar nicht, wie viel Kraft dieser Wunsch noch immer beansprucht.
Denn solange du versuchst, jemandem etwas zu beweisen, bleibt seine Meinung ein Maßstab für dein Leben.
Selbst dann, wenn du dich längst von diesem Menschen entfernt hast.
Wenn selbst Erfolge nicht wirklich zufrieden machen
Stell dir vor, du hast etwas erreicht, für das du lange gearbeitet hast.
Vielleicht hast du eine Ausbildung abgeschlossen, ein schwieriges Projekt bewältigt oder eine persönliche Entscheidung getroffen, die viel Mut gebraucht hat.
Für einen kurzen Moment freust du dich.
Doch schon bald kommt der nächste Gedanke.
„Das hätte ich früher schaffen müssen.“
„Andere können das viel besser.“
„So besonders ist das eigentlich nicht.“
Vielleicht liegt das nicht daran, dass du zu wenig erreicht hast.
Vielleicht hast du gelernt, deinen Wert immer wieder an neuen Leistungen zu messen.
Sobald du ein Ziel erreichst, verschiebt sich der Maßstab.
Du bist nie wirklich angekommen.
Denn du wartest noch immer auf ein Gefühl, das dir eine weitere Leistung vielleicht gar nicht geben kann.
Auf das Gefühl, endlich anerkannt zu sein.
Endlich gesehen zu werden.
Endlich gut genug zu sein.
Was wäre, wenn diese Anerkennung niemals kommt?
Das ist keine angenehme Frage.
Vielleicht möchtest du sie zunächst gar nicht beantworten.
Denn es kann schmerzhaft sein, sich einzugestehen, dass ein Mensch uns möglicherweise nie so sehen wird, wie wir es uns wünschen.
Vielleicht wird deine Mutter niemals sagen, dass sie stolz auf dich ist.
Vielleicht wird ein Geschwisterteil deine Leistungen weiterhin kleinreden.
Vielleicht wird ein früherer Partner nie anerkennen, wie viel du getragen hast.
Das bedeutet nicht, dass dein Wunsch nach Anerkennung falsch war.
Es bedeutet auch nicht, dass du so tun musst, als hätten dich diese Erfahrungen nicht verletzt.
Aber vielleicht darfst du irgendwann aufhören, dein Leben auf einen Moment auszurichten, der möglicherweise nicht eintreten wird.
Du darfst traurig darüber sein, was dir gefehlt hat.
Und trotzdem beginnen, dich davon zu lösen.
Du musst dein Leben nicht mehr als Beweis führen
Vielleicht hilft dir eine andere Frage.
Nicht: „Was muss ich noch erreichen, damit dieser Mensch mich endlich anerkennt?“
Sondern:
„Was würde ich tun, wenn ich niemandem mehr etwas beweisen müsste?“
Würdest du weniger arbeiten?
Würdest du dir mehr Ruhe erlauben?
Würdest du eine Entscheidung treffen, die du schon lange vor dir herschiebst?
Oder würdest du vielleicht etwas ausprobieren, das dich interessiert, obwohl du nicht weißt, ob du darin besonders gut sein wirst?
Vielleicht würdest du manche Dinge genauso machen wie bisher.
Aber aus einem anderen Grund.
Nicht mehr, um Anerkennung zu bekommen.
Sondern weil sie dir wichtig sind.
Weil du Freude daran hast.
Weil du selbst etwas erreichen möchtest.
Das ist ein Unterschied, den andere Menschen vielleicht gar nicht bemerken.
Aber du könntest ihn spüren.
Vielleicht darfst du heute einen alten Maßstab hinterfragen
Du musst nicht plötzlich aufhören, dir die Anerkennung anderer Menschen zu wünschen.
Wir alle freuen uns darüber, wenn jemand unsere Arbeit schätzt oder sieht, wie viel Mühe wir uns gegeben haben.
Daran ist nichts falsch.
Schwierig wird es, wenn unser eigener Wert davon abhängig bleibt.
Wenn wir nur zufrieden sein können, solange andere zufrieden mit uns sind.
Wenn wir unsere Entscheidungen immer wieder danach ausrichten, was ein bestimmter Mensch darüber denken könnte.
Vielleicht darfst du heute einmal innehalten und dich fragen, für wen du dich eigentlich noch immer so sehr anstrengst.
Und ob dieser Mensch überhaupt erkennen würde, was du ihm beweisen möchtest.
Vielleicht ist es Zeit, deinen eigenen Maßstab zu finden.
Nicht den deiner Eltern.
Nicht den eines früheren Partners.
Nicht den der Menschen, die dich einmal unterschätzt haben.
Sondern einen, der zu deinem heutigen Leben passt.
Du bist nicht mehr verpflichtet, dich zu beweisen
Vielleicht hast du viele Jahre versucht, endlich gut genug zu sein.
Du hast dich angepasst, mehr geleistet, dich zurückgenommen oder versucht, möglichst wenige Fehler zu machen.
Vielleicht war das damals deine Möglichkeit, mit einer schwierigen Situation umzugehen.
Aber du darfst heute anders entscheiden.
Du darfst etwas tun, weil es dir Freude macht.
Du darfst erfolgreich sein, ohne jemandem deinen Erfolg vorzuführen.
Du darfst Fehler machen, ohne darin einen Beweis für deinen mangelnden Wert zu sehen.
Und du darfst ein Leben führen, das nicht ständig vor den Augen der Menschen bestehen muss, die dich früher beurteilt haben.
Manchmal führen wir unser Leben noch vor einer Jury, die längst nach Hause gegangen ist.
Vielleicht darfst du heute beginnen, nicht mehr auf ihr Urteil zu warten.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Frage dich heute einmal:
„Was würde ich in meinem Leben anders machen, wenn ich niemandem mehr beweisen müsste, dass ich gut genug bin?“
Vielleicht verändert diese Frage nicht sofort dein Leben. Aber sie kann dir zeigen, welche Entscheidungen du wirklich für dich triffst.
In meinem Buch Nicht gut genug beschäftige ich mich genau mit diesen alten Zweifeln: wie sie entstehen, warum sie uns so lange begleiten und wie wir lernen können, uns selbst wieder mehr zu vertrauen.