Wann hast du angefangen, weniger von dir zu zeigen?
Vielleicht warst du früher einmal jemand, der gern erzählt hat.
Du hattest Ideen, hast dich für vieles begeistert und manchmal einfach ausgesprochen, was dir durch den Kopf ging.
Vielleicht hast du gern gelacht, Fragen gestellt oder von Dingen geschwärmt, die andere Menschen nicht besonders interessant fanden.
Und irgendwann hast du begonnen, vorsichtiger zu werden.
Nicht von einem Tag auf den anderen.
Vielleicht gab es zunächst nur eine Bemerkung.
„Musst du immer so viel reden?“
Oder jemand verdrehte die Augen, wenn du wieder einmal begeistert von etwas erzählt hast.
Vielleicht wurdest du ausgelacht, wenn du eine Idee hattest. Oder man gab dir das Gefühl, dass deine Gefühle übertrieben und deine Wünsche anstrengend seien.
Irgendwann hast du begonnen, genauer darauf zu achten, wie andere Menschen auf dich reagieren.
Du hast weniger erzählt.
Weniger gefragt.
Und vielleicht auch seltener gezeigt, wie sehr du dich über etwas freust.
Wenn wir lernen, uns selbst zurückzuhalten
Natürlich verändern wir uns im Laufe unseres Lebens.
Wir werden älter, sammeln Erfahrungen und entwickeln andere Interessen.
Vielleicht sind wir heute ruhiger als früher, weil uns Ruhe inzwischen guttut.
Daran ist nichts falsch.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen einer Veränderung, die sich für uns richtig anfühlt, und einer Veränderung, die aus Angst vor Ablehnung entsteht.
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du eigentlich etwas sagen möchtest, dich aber sofort zurückhältst.
Du sitzt mit mehreren Menschen zusammen. Ein Thema interessiert dich, und du hättest etwas dazu beizutragen.
Doch bevor du sprichst, fragst du dich, ob dein Gedanke überhaupt interessant genug ist.
Vielleicht könnte jemand widersprechen.
Vielleicht hält man dich für unwissend.
Also sagst du lieber nichts.
Und später ärgerst du dich darüber, dass du dich wieder nicht getraut hast.
Manchmal ist es nicht die Meinung anderer Menschen, die uns unmittelbar zurückhält.
Es ist die Erwartung, wie sie reagieren könnten.
Vielleicht hast du dich angepasst, um dazuzugehören
Wir alle möchten irgendwo dazugehören.
Wir wünschen uns Menschen, bei denen wir willkommen sind und uns nicht ständig erklären müssen.
Wenn wir aber wiederholt erleben, dass bestimmte Seiten von uns abgelehnt werden, beginnen wir möglicherweise, genau diese Seiten zu verstecken.
Vielleicht hast du gelernt, deine Begeisterung zurückzuhalten, weil jemand sie kindisch fand.
Vielleicht hast du aufgehört, offen über deine Gefühle zu sprechen, weil man dir sagte, du seist zu empfindlich.
Oder du hast deine Meinung immer seltener geäußert, weil daraus häufig Streit entstand.
Solche Erfahrungen können dazu führen, dass wir uns immer stärker danach richten, was andere Menschen von uns erwarten.
Wir werden vorsichtiger.
Angepasster.
Vielleicht sogar so unauffällig, dass kaum noch jemand bemerkt, was uns wirklich beschäftigt.
Und irgendwann stellen wir fest, dass wir selbst nicht mehr genau wissen, welche Seiten von uns wir eigentlich gern zeigen würden.
Du musst nicht für jeden Menschen angenehm sein
Vielleicht hast du viele Jahre versucht, möglichst unkompliziert zu sein.
Du wolltest niemanden enttäuschen.
Du hast darauf geachtet, nicht zu laut, nicht zu empfindlich und nicht zu anspruchsvoll zu wirken.
Vielleicht hast du sogar begonnen, dich für Dinge zu schämen, die eigentlich zu deiner Persönlichkeit gehören.
Dabei werden Menschen unterschiedlich wahrgenommen.
Was der eine an dir schätzt, kann einen anderen stören.
Vielleicht findet jemand deine Offenheit angenehm, während ein anderer lieber weniger persönliche Gespräche führt.
Vielleicht mag jemand deine Begeisterung, während ein anderer damit wenig anfangen kann.
Das bedeutet nicht automatisch, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Natürlich dürfen wir Rücksicht nehmen. Wir können lernen, anderen zuzuhören, Grenzen zu respektieren und unser Verhalten zu hinterfragen.
Aber wir müssen nicht jede Eigenschaft an uns verändern, nur weil sie einem anderen Menschen nicht gefällt.
Was hast du irgendwann aufgegeben?
Vielleicht lohnt es sich, heute einmal darüber nachzudenken, welche Dinge du früher gern gemacht hast.
Gab es Interessen, von denen du begeistert erzählt hast?
Hattest du Ideen, die du irgendwann nicht mehr weiterverfolgt hast?
Gab es etwas, das dir Freude gemacht hat, bis jemand es belächelte?
Vielleicht fällt dir ein ganz bestimmter Moment ein.
Vielleicht ist es aber auch nur ein allgemeines Gefühl, dass du früher offener oder unbeschwerter warst.
Du musst deshalb nicht versuchen, wieder genauso zu werden wie damals.
Das wäre möglicherweise gar nicht mehr passend.
Aber vielleicht gibt es etwas, das du vermisst.
Eine Eigenschaft.
Ein Interesse.
Eine Art, dich auszudrücken.
Und vielleicht hast du diese Seite von dir nicht verloren.
Vielleicht hast du nur lange keinen Raum mehr dafür geschaffen.
Fang nicht damit an, dich vollkommen verändern zu wollen
Wenn du merkst, dass du dich häufig zurückhältst, musst du nicht plötzlich besonders mutig oder extrovertiert werden.
Vielleicht reicht es, wenn du beim nächsten Gespräch einen Gedanken aussprichst, den du sonst für dich behalten hättest.
Oder wenn du jemandem von etwas erzählst, das dich wirklich interessiert.
Vielleicht probierst du ein altes Hobby wieder aus.
Nicht weil du darin besonders gut sein musst.
Sondern weil es dir Freude macht.
Vielleicht entscheidest du dich auch bewusst, mit bestimmten Menschen weniger Persönliches zu teilen.
Denn sich selbst zu zeigen bedeutet nicht, jedem Menschen Zugang zu den eigenen Gedanken und Gefühlen zu geben.
Du darfst auswählen, wem du vertraust.
Der Unterschied ist, ob du diese Entscheidung aus innerer Klarheit triffst oder weil du grundsätzlich davon ausgehst, dass andere Menschen dich ablehnen werden.
Du darfst wieder mehr von dir zeigen
Vielleicht hast du dich über viele Jahre an die Erwartungen anderer Menschen angepasst.
Vielleicht war das manchmal notwendig, um Streit zu vermeiden oder schwierige Situationen zu bewältigen.
Du musst dich dafür nicht verurteilen.
Aber vielleicht darfst du heute überprüfen, ob du dich noch immer genauso zurückhalten musst.
Vielleicht gibt es Menschen in deinem Leben, die sich freuen würden, mehr von deinen Gedanken zu erfahren.
Vielleicht gibt es Dinge, die du gern tun würdest, obwohl andere sie nicht besonders interessant finden.
Und vielleicht musst du nicht mehr jede Reaktion eines anderen Menschen als Urteil über deinen Wert verstehen.
Du darfst eigene Interessen haben.
Du darfst begeistert sein.
Du darfst anderer Meinung sein.
Und du darfst auch ruhig und zurückhaltend bleiben, wenn das deinem Wesen entspricht.
Es geht nicht darum, möglichst viel Raum einzunehmen.
Es geht darum, dass du selbst entscheiden darfst, wie du leben und dich zeigen möchtest.
Vielleicht warst du nie zu viel. Vielleicht warst du nur irgendwann dort, wo weniger von dir bequemer für andere war.
Und vielleicht darfst du heute wieder ein wenig mehr von dir selbst kennenlernen.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Frage dich heute einmal:
„Was würde ich gern wieder tun oder aussprechen, wenn ich nicht ständig darüber nachdenken würde, wie andere darauf reagieren?“
Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit. Aber möglicherweise erinnert sie dich an etwas, das dir einmal viel bedeutet hat.
In meinem Buch Nicht gut genug geht es auch darum, wie die Erwartungen anderer Menschen unser Selbstbild beeinflussen und warum wir manchmal beginnen, uns selbst zurückzuhalten.