„Das habe ich geschafft. Punkt.“ – Warum wir unsere eigenen Erfolge kleinreden
Vielleicht hast du gerade etwas geschafft, das dich viel Zeit und Mühe gekostet hat.
Eine schwierige Aufgabe ist endlich erledigt. Du hast etwas gelernt, das dir anfangs schwergefallen ist. Oder du hast ein Vorhaben abgeschlossen, an dem du lange gearbeitet hast.
Für einen kurzen Moment bist du zufrieden.
Doch dann kommt dieser Gedanke:
„Ja, aber so besonders war das jetzt auch wieder nicht.“
Vielleicht denkst du daran, wie lange du dafür gebraucht hast. Du erinnerst dich an die Fehler, die dir unterlaufen sind, und an die Menschen, die das vermutlich viel schneller oder besser geschafft hätten.
Und schon ist von deiner Freude kaum noch etwas übrig.
Dabei hat sich an dem, was du erreicht hast, überhaupt nichts verändert.
Du hast es geschafft.
Nur dein Blick darauf ist plötzlich ein anderer geworden.
Wenn auf jeden Erfolg sofort ein „Aber“ folgt
Manche Menschen können sich über das freuen, was ihnen gelungen ist. Sie nehmen einen Erfolg wahr, genießen den Moment und wenden sich irgendwann der nächsten Aufgabe zu.
Andere finden beinahe automatisch einen Einwand.
„Das habe ich geschafft, aber es hat viel zu lange gedauert.“
„Das ist ganz gut geworden, aber eigentlich hätte ich mehr machen müssen.“
„Darauf könnte ich stolz sein, aber andere können das viel besser.“
Vielleicht kennst du solche Gedanken.
Es ist, als würdest du dir selbst die Erlaubnis geben, dich zu freuen, und sie im nächsten Augenblick wieder zurücknehmen.
Das Schwierige daran ist, dass es sich oft gar nicht wie Selbstabwertung anfühlt.
Vielleicht glaubst du, einfach nur realistisch zu sein.
Du möchtest dich nicht überschätzen. Du siehst, was noch verbessert werden könnte, und willst dich weiterentwickeln.
Daran ist grundsätzlich nichts falsch.
Aber wenn du bei jedem Erfolg sofort nach dem suchst, was noch fehlt, bleibt irgendwann kaum etwas übrig, worüber du dich freuen kannst.
Vielleicht hast du gelernt, dass es immer noch besser geht
Manche von uns sind mit dem Gefühl aufgewachsen, dass gute Leistungen zwar erwartet, aber selten wirklich anerkannt wurden.
War etwas gelungen, hätte es noch besser sein können.
War eine Aufgabe erledigt, wartete bereits die nächste.
Vielleicht wurde häufiger darauf hingewiesen, was noch fehlte, als auf das, was bereits geschafft war.
Solche Erfahrungen können unseren Blick auf uns selbst beeinflussen.
Wir entwickeln hohe Erwartungen und lernen, unsere Leistungen vor allem danach zu beurteilen, was noch nicht perfekt ist.
Manchmal begleitet uns diese Haltung viele Jahre.
Dann ist es gar nicht so leicht, einen Erfolg einfach einmal stehen zu lassen.
Nicht, weil wir nichts erreichen.
Sondern weil wir uns angewöhnt haben, das Erreichte sofort wieder kleiner zu machen.
Du musst dich nicht mit anderen vergleichen
Vielleicht hast du schon einmal etwas Neues gelernt und warst zunächst richtig zufrieden mit dir.
Bis du gesehen hast, wie gut jemand anderes darin ist.
Plötzlich erschien dir dein eigener Fortschritt kaum noch erwähnenswert.
Dabei vergisst man in solchen Momenten leicht, dass jeder Mensch an einem anderen Punkt steht.
Vielleicht hat der andere mehr Erfahrung. Vielleicht hatte er andere Voraussetzungen. Vielleicht beschäftigt er sich schon seit Jahren mit etwas, das für dich noch neu ist.
Warum sollte das deinen eigenen Fortschritt weniger wert machen?
Wenn du heute etwas kannst, das du vor einem Jahr noch nicht konntest, dann ist das eine Entwicklung.
Wenn du eine schwierige Situation bewältigt hast, obwohl du daran gezweifelt hast, dann darfst du das anerkennen.
Und wenn du für etwas länger gebraucht hast als andere, bedeutet das nicht, dass deine Leistung weniger zählt.
Du musst nicht die Beste sein, damit du stolz auf dich sein darfst.
Stolz bedeutet nicht, eingebildet zu sein
Vielleicht fällt dir schon das Wort „stolz“ schwer.
Manche Menschen verbinden damit Überheblichkeit oder das Bedürfnis, sich über andere zu stellen.
Aber darum geht es hier nicht.
Du musst niemandem beweisen, wie gut du bist.
Du musst deine Leistungen nicht ständig erwähnen oder Anerkennung dafür einfordern.
Es geht um etwas viel Einfacheres.
Du darfst selbst wahrnehmen, was du geschafft hast.
Du darfst dich darüber freuen, wenn dir etwas gelungen ist.
Und du darfst anerkennen, dass manche Dinge Mühe, Geduld und Durchhaltevermögen gebraucht haben.
Das nimmt keinem anderen Menschen etwas weg.
Es macht dich nicht eingebildet.
Es bedeutet nur, dass du aufhörst, deine eigenen Anstrengungen so zu behandeln, als wären sie selbstverständlich und deshalb nichts wert.
Lass den Erfolg einen Moment stehen
Vielleicht probierst du heute einmal etwas aus.
Wenn dir etwas gelungen ist, füge nicht sofort ein „Aber“ hinzu.
Erkläre nicht, warum es eigentlich nichts Besonderes war.
Denke nicht gleich daran, was du als Nächstes noch alles erledigen musst.
Vielleicht sagst du einfach zu dir selbst:
„Das habe ich geschafft.“
Und dann lässt du diesen Satz einen Moment stehen.
Du musst ihn nicht rechtfertigen.
Du musst ihn nicht mit den Leistungen anderer vergleichen.
Und du musst auch nicht so tun, als wäre alles perfekt gewesen.
Natürlich kannst du später überlegen, was du beim nächsten Mal anders machen möchtest.
Aber vielleicht darf zwischen dem Erreichen eines Ziels und der nächsten Verbesserung einmal ein Augenblick liegen, in dem du einfach zufrieden bist.
Was du geschafft hast, darf zählen
Ich glaube, wir übersehen manchmal, wie viel wir im Laufe unseres Lebens bereits bewältigt haben.
Wir erinnern uns an Fehler, an schwierige Entscheidungen und an Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie wir es uns gewünscht hätten.
Aber wie oft denken wir an das, was uns gelungen ist?
An Aufgaben, die wir trotz Unsicherheit übernommen haben.
An Probleme, für die wir Lösungen gefunden haben.
An Zeiten, in denen wir weitergemacht haben, obwohl vieles schwierig war.
Vielleicht hast du mehr geschafft, als du dir selbst zugestehst.
Nicht alles davon war sichtbar. Nicht alles wurde von anderen anerkannt.
Aber das bedeutet nicht, dass es weniger wert ist.
Vielleicht darfst du heute einmal auf etwas zurückblicken und sagen:
„Das habe ich geschafft. Punkt.“
Ohne Aber.
Ohne Vergleich.
Und ohne deine eigene Leistung sofort wieder kleinzureden.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Überlege heute einmal, worauf du eigentlich stolz sein könntest, wenn du nicht sofort nach einem Grund suchen würdest, warum es nicht zählt.
Wenn du das Gefühl kennst, nie ganz gut genug zu sein, findest du in meinem Buch Nicht gut genug weitere Gedanken darüber, wie alte Zweifel unser Selbstbild prägen und wie wir lernen können, uns selbst wieder mehr zu vertrauen.