Was wäre, wenn du dir selbst nicht mehr ständig widersprichst?
Vielleicht kennst du diese Situation.
Du hast mit jemandem gesprochen. Während des Gesprächs ist etwas gefallen, das dich verletzt oder zumindest unangenehm berührt hat.
Im ersten Moment hast du deutlich gespürt, dass etwas nicht in Ordnung war.
Doch kaum bist du wieder allein, beginnt dein Kopf, nach Erklärungen zu suchen.
„Vielleicht habe ich das falsch verstanden.“
„So war das bestimmt nicht gemeint.“
„Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.“
Und irgendwann bist du dir nicht mehr sicher, ob du deinem ersten Gefühl überhaupt trauen kannst.
Dabei hast du zunächst etwas ganz deutlich wahrgenommen.
Erst danach hast du begonnen, es infrage zu stellen.
Wenn wir unseren eigenen Gefühlen nicht mehr glauben
Natürlich können wir Situationen falsch einschätzen. Wir können etwas missverstehen oder auf eine Bemerkung empfindlicher reagieren, als es der andere Mensch erwartet hat.
Es ist deshalb sinnvoll, über unsere Wahrnehmung nachzudenken.
Aber vielleicht kennst du auch das andere Extrem.
Du hinterfragst nicht nur eine Situation. Du hinterfragst sofort dich selbst.
War ich zu empfindlich? Habe ich übertrieben? Darf mich das überhaupt verletzen?
Manchmal beschäftigen uns solche Fragen länger als das eigentliche Gespräch.
Wir versuchen herauszufinden, ob unsere Reaktion berechtigt war, als müssten wir erst einen Beweis dafür finden, dass wir etwas fühlen dürfen.
Doch Gefühle brauchen keine Erlaubnis.
Sie sagen uns nicht immer zuverlässig, was ein anderer Mensch beabsichtigt hat. Aber sie zeigen uns, dass etwas in uns eine Reaktion ausgelöst hat.
Und das dürfen wir ernst nehmen.
Vielleicht hast du gelernt, zuerst an dir selbst zu zweifeln
Manche Menschen haben früh erlebt, dass ihre Gefühle nicht besonders ernst genommen wurden.
Vielleicht hörten sie häufig Sätze wie:
„Stell dich nicht so an.“
„Du bist viel zu empfindlich.“
„Das bildest du dir nur ein.“
Wenn solche Reaktionen immer wieder vorkommen, kann es passieren, dass wir unserer eigenen Wahrnehmung zunehmend misstrauen.
Wir lernen, zuerst zu prüfen, ob andere unsere Gefühle nachvollziehen können.
Und wenn jemand widerspricht, nehmen wir vielleicht sofort an, dass wir selbst falschliegen.
Dabei können zwei Menschen dieselbe Situation unterschiedlich erleben.
Was für den einen eine harmlose Bemerkung war, kann beim anderen eine schmerzhafte Erinnerung auslösen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass einer von beiden recht und der andere unrecht hat.
Aber es bedeutet auch nicht, dass du deine Gefühle zurücknehmen musst, nur weil jemand anderes sie nicht versteht.
Du musst nicht alles sofort erklären können
Vielleicht hast du manchmal das Gefühl, dass etwas nicht zu dir passt.
Eine Bitte, eine Entscheidung oder eine Situation, in der du dich unwohl fühlst.
Du kannst noch gar nicht genau sagen, warum.
Und trotzdem beginnst du, dir deine Wahrnehmung auszureden.
„Eigentlich gibt es keinen Grund, mich so zu fühlen.“
„Andere hätten damit bestimmt kein Problem.“
„Vielleicht sollte ich mich einfach zusammenreißen.“
Aber nicht jedes Gefühl lässt sich sofort in Worte fassen.
Manchmal brauchen wir Zeit, um zu verstehen, was uns beschäftigt.
Vielleicht erinnert uns etwas an eine frühere Erfahrung. Vielleicht wurde eine Grenze berührt, die uns bisher selbst nicht bewusst war.
Oder vielleicht sind wir einfach erschöpft und brauchen Ruhe.
Du musst nicht sofort wissen, warum etwas in dir eine Reaktion auslöst.
Du darfst erst einmal wahrnehmen, dass sie da ist.
Selbstvertrauen beginnt nicht damit, immer recht zu haben
Vielleicht denken wir bei Selbstvertrauen an Menschen, die klare Entscheidungen treffen und kaum an sich zweifeln.
Doch ich glaube, es geht um etwas anderes.
Selbstvertrauen bedeutet nicht, dass du dich niemals irrst.
Es bedeutet auch nicht, dass du jeder spontanen Vermutung folgen musst.
Vielleicht beginnt es damit, dass du deine eigene Wahrnehmung nicht sofort verwirfst.
Dass du sagen kannst:
„So habe ich das erlebt.“
Oder:
„Das hat mich verletzt, auch wenn es vielleicht nicht so gemeint war.“
Du kannst offen dafür bleiben, eine Situation später anders zu verstehen.
Du kannst nachfragen, zuhören und deine Meinung verändern.
Aber du musst dich dabei nicht grundsätzlich selbst infrage stellen.
Deine Gefühle ernst zu nehmen und deine Gedanken zu überprüfen, schließt sich nicht aus.
Beides darf nebeneinander bestehen.
Ein kleiner Unterschied, der viel verändern kann
Stell dir vor, jemand sagt etwas, das dich trifft.
Bisher hättest du vielleicht sofort gedacht: „Ich bin bestimmt wieder zu empfindlich.“
Vielleicht versuchst du beim nächsten Mal einen anderen Gedanken.
„Diese Bemerkung hat mich verletzt. Ich möchte erst einmal verstehen, warum.“
Merkst du den Unterschied?
Im ersten Satz bewertest du dich selbst.
Im zweiten nimmst du wahr, was geschehen ist.
Du musst daraus nicht sofort einen Streit machen. Du musst dem anderen Menschen auch nicht automatisch böse Absichten unterstellen.
Aber du gibst dir die Möglichkeit, deine Reaktion zu verstehen, statt sie sofort abzuwerten.
Vielleicht kannst du später in Ruhe darüber sprechen.
Vielleicht erkennst du, dass ein Missverständnis vorlag.
Oder du stellst fest, dass jemand tatsächlich eine Grenze überschritten hat.
Was auch immer dabei herauskommt: Du hast dir zunächst selbst zugehört.
Du darfst dir selbst wieder glauben
Vielleicht hast du viele Jahre damit verbracht, dich an den Meinungen anderer Menschen zu orientieren.
Du hast überlegt, wie du wirken könntest, ob du richtig reagiert hast und ob deine Wünsche überhaupt angemessen sind.
Vielleicht ist es deshalb ungewohnt, die eigene Wahrnehmung nicht sofort zu korrigieren.
Aber du musst nicht von heute auf morgen vollkommen sicher werden.
Vielleicht reicht es, wenn du bemerkst, wie oft du dir selbst widersprichst.
Wenn du etwas fühlst und sofort einen Grund suchst, warum du es nicht fühlen solltest.
Wenn du eine Meinung hast und sie zurücknimmst, sobald jemand anders denkt.
Oder wenn du eigentlich weißt, was du möchtest, aber erst darauf wartest, dass jemand anderes es bestätigt.
Vielleicht darfst du dann einen Moment innehalten.
Nicht um dir einzureden, dass du immer recht hast.
Sondern um dir selbst dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, die du anderen Menschen entgegenbringst.
Vielleicht fehlt dir nicht das Selbstvertrauen. Vielleicht hast du nur sehr lange geübt, dir selbst nicht zu glauben.
Und vielleicht kannst du heute damit beginnen, dir wieder zuzuhören.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Wenn du heute bemerkst, dass du deine eigenen Gefühle sofort infrage stellst, frage dich einmal:
„Was habe ich eigentlich wahrgenommen, bevor ich begonnen habe, an mir zu zweifeln?“
Du musst darauf nicht sofort eine Antwort finden. Vielleicht reicht es, wenn du dir selbst einen Moment zuhörst.
In meinem Buch Nicht gut genug geht es auch darum, wie alte Zweifel unser Leben beeinflussen und wie wir lernen können, unserer eigenen Wahrnehmung wieder mehr zu vertrauen.