Sich selbst ausbremsen durch Selbstzweifel, Perfektionismus und die Angst weiterzugehen.

Warum wir uns selbst ausbremsen, kurz bevor sich etwas verändern könnte

Es gibt einen Moment, über den wir erstaunlich wenig sprechen.

Den Anfang kennen wir gut. Diese Energie, wenn wir uns endlich entschieden haben. Wenn wir denken: Jetzt mache ich es wirklich. Vielleicht beginnen wir ein Projekt, verändern etwas in unserem Leben, setzen eine Grenze oder wagen etwas, worüber wir schon lange nachgedacht haben.

Und natürlich kennen wir auch das Ziel. Zumindest in unserer Vorstellung. Wir malen uns aus, wie es sein könnte, wenn wir durchgehalten haben, wenn etwas funktioniert, wenn wir endlich dort angekommen sind, wo wir hinwollten.

Aber dazwischen liegt ein Teil, über den kaum jemand begeistert erzählt.

Der Moment, in dem das Neue nicht mehr neu ist.

Die erste Begeisterung lässt nach. Etwas funktioniert nicht. Wir machen Fehler. Niemand klopft uns auf die Schulter. Vielleicht sehen wir noch überhaupt kein Ergebnis.

Und genau dort beginnt etwas, das ich von mir selbst sehr gut kenne:

Plötzlich zweifeln wir nicht mehr nur an dem, was wir tun. Wir zweifeln wieder an uns selbst.

Wenn aus Begeisterung Alltag wird

Am Anfang trägt uns etwas.

Hoffnung. Neugier. Vielleicht auch die Erleichterung, endlich nicht mehr nur darüber nachzudenken.

Doch irgendwann verlangt der Weg etwas anderes von uns.

Geduld.

Dranbleiben.

Lernen.

Fehler aushalten.

Und vor allem: weitermachen, obwohl wir noch nicht wissen, ob sich unsere Mühe auszahlen wird.

Genau an dieser Stelle habe ich früher oft angefangen, meinen ganzen Weg infrage zu stellen.

Vielleicht kennst du das auch.

Aus „Das funktioniert gerade noch nicht“ wird plötzlich „Vielleicht funktioniert es überhaupt nicht.“

Aus „Ich muss noch lernen“ wird „Andere können das viel besser als ich.“

Und irgendwann landet der Gedanke dort, wo er vielleicht schon viele Male vorher gelandet ist:

Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug dafür.

Dann fühlt sich ein neuer Anfang plötzlich verlockend an.

Noch einmal von vorne – diesmal richtig

Das Schwierige daran ist: Aufgeben sieht nicht immer wie Aufgeben aus.

Manchmal sieht es sogar sehr vernünftig aus.

Wir überarbeiten noch einmal alles.

Wir suchen nach einer besseren Methode.

Wir kaufen vielleicht noch einen Kurs.

Wir lesen noch mehr.

Wir planen neu.

Wir beginnen noch einmal von vorne.

Diesmal mache ich es richtig.

Ich kenne diesen Gedanken.

Und natürlich ist es manchmal richtig, etwas zu verbessern. Lernen ist wichtig. Eine Strategie zu verändern kann klug sein.

Aber irgendwann müssen wir uns ehrlich fragen:

Verbessere ich gerade wirklich meinen Weg – oder gehe ich zurück in die Vorbereitung, weil mir das Weitergehen Angst macht?

Denn Vorbereitung hat einen großen Vorteil:

Dort können wir uns noch vorstellen, dass alles perfekt werden könnte.

Der Anfang ist manchmal sicherer als das Dazwischen

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Schließlich ist ein Anfang etwas Neues.

Aber am Anfang ist noch alles möglich.

Noch haben wir kaum Fehler gemacht. Noch können wir uns vorstellen, dass wir dieses Mal alles richtig machen. Noch gibt es diese schöne Version unserer Zukunft, in der alles funktioniert.

Im Dazwischen sieht es anders aus.

Jetzt haben wir Erfahrungen.

Manche davon sind enttäuschend.

Wir sehen, was wir noch nicht können.

Vielleicht vergleichen wir unsere ersten Schritte mit Menschen, die seit Jahren unterwegs sind.

Und plötzlich sehen wir nicht mehr, was wir schon gelernt haben.

Wir sehen nur noch, was fehlt.

Genau dann erscheint ein Neustart manchmal leichter als das Weitergehen.

Nur verlieren wir dabei etwas Entscheidendes:

Wir erfahren nie, was passiert wäre, wenn wir nicht wieder bei null angefangen hätten.

Nicht jeder Zweifel sagt die Wahrheit

Ein Gedanke kann sich unglaublich überzeugend anfühlen.

Das wird nichts.

Du kannst das nicht.

Andere sind besser.

Du bist zu spät dran.

Vielleicht solltest du es lassen.

Aber nur weil ein Gedanke laut ist, wird er nicht automatisch wahr.

Das bedeutet nicht, dass wir jeden Zweifel ignorieren sollten.

Zweifel können uns auf etwas hinweisen. Vielleicht müssen wir tatsächlich etwas verändern. Vielleicht brauchen wir Hilfe. Vielleicht passt ein Ziel nicht mehr zu uns.

Aber bevor wir alles infrage stellen, lohnt sich eine andere Frage:

Ist dieser Weg wirklich falsch für mich – oder fühlt er sich gerade nur ungewohnt an?

Das ist ein großer Unterschied.

Denn Wachstum fühlt sich nicht immer nach Wachstum an.

Manchmal fühlt es sich an wie Unsicherheit.

Wie Langsamkeit.

Wie ein Fehler.

Wie ein Tag, an dem wir glauben, überhaupt nicht voranzukommen.

Vielleicht möchtest du gar nicht wirklich aufgeben

Vielleicht möchtest du nur, dass dieses unangenehme Gefühl aufhört.

Auch diesen Unterschied finde ich wichtig.

Denn Aufgeben kann kurzfristig unglaublich erleichternd sein.

Plötzlich müssen wir nicht mehr herausfinden, ob wir es schaffen.

Wir müssen uns nicht mehr vergleichen.

Wir können nicht mehr scheitern.

Wir müssen niemandem erklären, warum etwas noch nicht funktioniert.

Für einen Moment ist Ruhe.

Aber manchmal kommt später eine andere Frage:

Was wäre gewesen, wenn ich noch ein Stück weitergegangen wäre?

Diese Frage kann sehr lange bleiben.

Und inzwischen denke ich anders darüber.

Ich möchte nicht mehr bei jedem Zweifel automatisch wieder an den Anfang zurückgehen.

Ich möchte erst herausfinden, ob ich wirklich aufhören will – oder ob gerade nur der alte Teil in mir laut wird, der glaubt, alles müsse schnell, richtig und möglichst fehlerfrei funktionieren.

Vielleicht wächst Selbstvertrauen ganz anders

Wir sprechen oft darüber, dass wir mehr Selbstvertrauen brauchen.

Als wäre es etwas, das wir erst besitzen müssten, bevor wir handeln können.

Aber vielleicht entsteht Selbstvertrauen gerade in diesen unspektakulären Momenten.

Du hast dir gesagt, dass du etwas tun wirst.

Und du tust es.

Du zweifelst.

Und gehst trotzdem noch einen Schritt.

Du machst einen Fehler.

Und benutzt ihn diesmal nicht als Beweis gegen dich.

Du merkst, dass etwas nicht funktioniert.

Aber statt alles wegzuwerfen, veränderst du eine Sache.

Dann vielleicht noch eine.

Und irgendwann entsteht eine neue Erfahrung:

Ich muss nicht immer wieder bei null anfangen. Ich kann mit mir weitergehen.

Vielleicht bedeutet Selbstvertrauen deshalb gar nicht:

Ich weiß, dass alles funktionieren wird.

Vielleicht bedeutet es:

Was auch passiert – ich traue mir zu, damit umzugehen.

Das ist für mich ein viel stärkerer Gedanke.

Denn dafür brauche ich keine Garantie.

Ich brauche nur die Bereitschaft, mich selbst nicht beim ersten Problem wieder zu verlassen.

Weitergehen bedeutet nicht, niemals aufzuhören

Auch das gehört zu diesem Thema.

Nicht jeder Weg muss bis zum Ende gegangen werden.

Nicht jede Beziehung muss gerettet werden.

Nicht jedes Projekt muss erfolgreich werden.

Nicht jeder Traum bleibt für immer unser Traum.

Manchmal erkennen wir sehr klar:

Das möchte ich nicht mehr.

Dann kann Aufhören eine starke und richtige Entscheidung sein.

Weitergehen um jeden Preis ist kein Selbstvertrauen.

Deshalb hilft mir eine andere Frage:

Gehe ich, weil ich wirklich nicht mehr dort sein möchte – oder fliehe ich gerade vor dem Gefühl, noch nicht gut genug zu sein?

Die Antwort darauf kennt am Ende niemand besser als wir selbst.

Wenn wir bereit sind, ehrlich hinzuhören.

Gib deinem Weg Zeit, eine Antwort zu werden

Nicht alles zeigt nach wenigen Tagen oder Wochen, wohin es führen wird.

Manche Dinge brauchen Zeit.

Nicht nur, um erfolgreich zu werden.

Sondern weil wir selbst uns unterwegs verändern.

Wir lernen.

Wir werden klarer.

Wir merken, was funktioniert und was nicht.

Wir treffen andere Entscheidungen.

Und manchmal landen wir an einem Ort, den wir am Anfang überhaupt nicht hätten planen können.

Genau deshalb möchte ich mir nicht mehr jede Möglichkeit nehmen, nur weil ich das Ende noch nicht sehen kann.

Vielleicht gibt es auch in deinem Leben gerade etwas, das du begonnen hast.

Etwas, an dem du zweifelst.

Schau heute einmal darauf.

Nicht auf dein ganzes Leben.

Nur auf diese eine Sache.

Und bevor du entscheidest, dass es nicht funktioniert, frag dich:

Habe ich ihm wirklich eine Chance gegeben?

Vielleicht lautet deine Antwort Nein.

Dann weißt du etwas.

Vielleicht lautet sie aber auch:

Eigentlich bin ich nur ungeduldig.

Oder:

Eigentlich habe ich Angst.

Oder sogar:

Eigentlich möchte ich weitermachen. Ich möchte nur endlich wissen, ob es sich lohnt.

Diese Garantie kann dir niemand geben.

Aber vielleicht brauchst du sie auch nicht.

Denn möglicherweise ist dein Zweifel gerade kein Zeichen zum Umkehren.

Vielleicht stehst du an genau der Stelle, an der du lernen darfst, dir selbst nicht mehr davonzulaufen.

Und dann brauchst du vielleicht keinen neuen Anfang.

Vielleicht brauchst du einfach nur den nächsten Schritt.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

Wenn „nicht gut genug“ immer wieder mitentscheidet

Manchmal geben wir nicht auf, weil uns etwas unwichtig geworden ist. Wir geben auf, weil ein alter Zweifel wieder auftaucht:

Vielleicht kann ich es einfach nicht.

In meinem Buch „Nicht gut genug“ gehe ich diesem Gefühl tiefer nach – woher es kommen kann, wie es unser Leben beeinflusst und warum wir wieder lernen dürfen, unserer eigenen Wahrnehmung und uns selbst zu vertrauen.

→ Mehr über „Nicht gut genug“ erfahren