Frau blickt auf ihrem Weg zurück als Symbol dafür, eigene Fortschritte und persönliche Entwicklung wahrzunehmen.

Vielleicht übersiehst du gerade, wie weit du schon gekommen bist

Es gibt etwas Merkwürdiges an Fortschritt:

Sobald wir etwas können, vergessen wir erstaunlich schnell, dass wir es einmal nicht konnten.

Was uns vor einem Jahr noch Mut gekostet hat, fühlt sich heute vielleicht selbstverständlich an.

Eine Entscheidung, über die wir früher tagelang nachgedacht hätten, treffen wir heute schneller.

Ein Nein, das uns einmal ein schlechtes Gewissen gemacht hätte, kommt inzwischen etwas leichter über die Lippen.

Eine Situation, die uns früher völlig aus der Bahn geworfen hätte, beschäftigt uns vielleicht noch – aber nicht mehr drei Tage.

Und weil all das irgendwann normal wird, passiert etwas Eigenartiges:

Wir hören auf, es als Fortschritt zu sehen.

Wir schauen wieder nach vorne.

Auf das, was noch fehlt.

Auf das, was wir noch nicht können.

Auf das Ziel, das wir noch nicht erreicht haben.

Und irgendwann entsteht dieses Gefühl:

Ich komme überhaupt nicht voran.

Aber stimmt das wirklich?

Manchmal würde ich gerne mein heutiges Ich neben die Frau stellen, die ich vor einigen Jahren war.

Nicht um zu vergleichen, wer „besser“ ist.

Sondern um zu sehen, was sich verändert hat.

Was würde diese frühere Version von mir heute bemerken?

Vielleicht würde sie Dinge sehen, die für mich längst selbstverständlich geworden sind.

Entscheidungen, die ich heute anders treffe.

Grenzen, die ich heute früher spüre.

Gedanken, denen ich nicht mehr alles glaube.

Dinge, die ich angefangen habe, obwohl ich nicht wusste, ob sie funktionieren.

Fehler, nach denen ich nicht mehr vollkommen zusammenbreche.

Vielleicht würde sie mich anschauen und sagen:

„Du merkst gar nicht, was du inzwischen alles kannst.“

Und vielleicht würde sie recht haben.

Wir gewöhnen uns an unser eigenes Wachstum

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum wir uns so selten wirklich weiterentwickelt fühlen.

Fortschritt kommt nicht jeden Morgen mit einem Schild um den Hals:

Schau her, du bist gewachsen!

Er schleicht sich in unseren Alltag.

Ein Gedanke verändert sich.

Eine Reaktion verändert sich.

Wir sagen etwas, das wir früher verschwiegen hätten.

Wir gehen irgendwohin, obwohl wir uns unsicher fühlen.

Wir fangen etwas an.

Wir bleiben bei etwas.

Wir stehen nach einer Enttäuschung etwas schneller wieder auf.

Kleine Dinge.

Bis sie irgendwann selbstverständlich sind.

Und genau dann hören wir oft auf, sie zu zählen.

Dabei sind sie vielleicht der deutlichste Beweis dafür, dass wir uns längst bewegen.

Vielleicht schaust du nur in die falsche Richtung

Wenn du heute das Gefühl hast, nicht weit genug zu sein, dann schau für einen Moment nicht auf das Ziel.

Dreh dich um.

Nicht um zurückzugehen.

Sondern um zu sehen, von wo du gekommen bist.

Was war vor einem Jahr noch schwer für dich?

Was traust du dich heute, das du früher vermieden hast?

Worüber denkst du heute anders?

Was hast du gelernt?

Welche Entscheidung hast du getroffen?

Wo hast du dich nicht mehr ganz so klein gemacht?

Wo bist du bei dir geblieben?

Und vielleicht gibt es sogar etwas, das du heute völlig selbstverständlich tust und von dem du früher gedacht hast:

Das könnte ich niemals.

Lass diesen Gedanken einmal stehen.

Denn vielleicht stimmt die Geschichte, die du dir gerade erzählst – Ich komme nicht voran – überhaupt nicht.

Vielleicht bist du nur so sehr damit beschäftigt zu sehen, wie weit es noch ist, dass du vergessen hast zu sehen, wie weit es schon war.

Und dann geh weiter

Du musst dich nicht auf deinen bisherigen Schritten ausruhen.

Du darfst Wünsche haben.

Du darfst größere Ziele haben.

Du darfst neugierig darauf sein, was noch kommt.

Aber du musst dich dafür nicht ständig kleinreden.

Du darfst nach vorne schauen und gleichzeitig anerkennen:

Ich habe schon etwas geschafft.

Vielleicht noch nicht alles.

Vielleicht anders, als du es dir vorgestellt hast.

Vielleicht langsamer.

Aber du bist nicht mehr dieselbe Frau, die einmal am Anfang stand.

Und vielleicht ist genau das heute deine Motivation für den nächsten Schritt.

Nicht:

Ich muss endlich besser werden.

Sondern:

Ich bin schon gewachsen. Mal sehen, wie weit ich noch kommen kann.

Das fühlt sich anders an.

Da ist kein Druck.

Da ist Neugier.

Und vielleicht sogar ein bisschen Vorfreude.

Also geh weiter.

Aber vergiss hin und wieder nicht, dich umzudrehen.

Nicht um zurückzugehen – sondern um zu sehen, wie weit du schon gekommen bist.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

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