Notizbuch und Stift als Symbol dafür, nicht immer wieder von vorne anzufangen, sondern auf dem bereits Erreichten weiter aufzubauen.

Du musst nicht immer wieder von vorne anfangen

Ich habe lange etwas für eine Stärke gehalten, das mich in Wirklichkeit immer wieder ausgebremst hat.

Ich wollte es besser machen.

Eigentlich klingt das doch gut.

Wer möchte nicht dazulernen? Wer möchte nicht aus Fehlern lernen und beim nächsten Mal etwas besser machen?

Nur hatte dieses „besser“ bei mir manchmal eine unangenehme Nebenwirkung:

Ich sah plötzlich hauptsächlich das, was noch nicht gut war.

Eine Idee konnte mich anfangs begeistern. Ich fing an, arbeitete daran, lernte dazu – und genau dadurch sah ich irgendwann all die Dinge, die ich am Anfang noch gar nicht sehen konnte.

Und dann kam dieser Gedanke:

Ich müsste eigentlich noch einmal von vorne anfangen.

Mit dem Wissen von heute könnte ich es doch viel besser machen.

Also wurde überarbeitet.

Neu geplant.

Verworfen.

Noch einmal angefangen.

Und für einen Moment fühlte sich das sogar richtig gut an.

Ein neuer Anfang hat etwas Verführerisches.

Alles ist wieder offen.

Noch ist kein Fehler passiert.

Noch kann alles perfekt werden.

Aber irgendwann habe ich etwas bemerkt

Mit jedem neuen Anfang geschah auch etwas anderes:

Ich nahm mir selbst den Beweis dafür, dass ich etwas zu Ende bringen kann.

Denn statt auf dem aufzubauen, was bereits da war, betrachtete ich das Vorhandene irgendwann nur noch durch die Augen dessen, was daran noch fehlte.

Vielleicht kennst du das.

Du hast bereits zehn Schritte gemacht – und plötzlich siehst du nur noch, dass Schritt elf nicht perfekt ist.

Du hast etwas gelernt – und ärgerst dich darüber, was du noch nicht kannst.

Du hast etwas geschaffen – und statt kurz zu denken Das habe ich gemacht, fällt dein Blick sofort auf die Stelle, die noch besser sein könnte.

Und irgendwann fühlt sich selbst Fortschritt wieder wie Versagen an.

Dabei ist etwas ganz anderes passiert:

Du bist besser geworden.

Gerade deshalb siehst du heute Dinge, die du am Anfang noch nicht sehen konntest.

Das ist kein Beweis dafür, dass dein Anfang schlecht war.

Es ist ein Beweis dafür, dass du inzwischen mehr kannst.

Du darfst auf dem aufbauen, was schon da ist

Dieser Gedanke hat für mich vieles verändert.

Nicht:

Alles noch einmal.

Sondern:

Was davon ist bereits gut – und was verbessere ich jetzt?

Das ist ein völlig anderes Gefühl.

Plötzlich wird aus einem Fehler kein Abrisskommando mehr.

Er wird eine Information.

Aus einer Schwachstelle wird nicht der Beweis, dass das Ganze nichts taugt.

Sie wird die nächste Stelle, an der ich weiterarbeiten kann.

Und aus:

Ich hätte es von Anfang an besser machen müssen

wird:

Natürlich kann ich es heute besser. Ich habe seitdem schließlich etwas gelernt.

Genau so soll es doch sein.

Stell dir vor, du würdest diesmal nicht alles einreißen

Vielleicht ist da etwas in deinem Leben, das noch nicht so geworden ist, wie du es dir vorgestellt hast.

Dann schau heute nicht zuerst darauf, was fehlt.

Schau einmal auf das, was bereits steht.

Was hast du gelernt?

Was funktioniert schon?

Was würdest du heute anders machen?

Und vor allem:

Was davon musst du wirklich neu machen – und wo reicht es, einfach weiterzubauen?

Vielleicht brauchst du keinen neuen Plan.

Vielleicht brauchst du keine neue Methode.

Vielleicht musst du auch nicht noch einmal ganz von vorne anfangen.

Vielleicht darfst du etwas viel Mutigeres tun:

Dem vertrauen, was du bereits geschaffen hast.

Gut genug ist nicht das Ende

Ich glaube, genau davor haben wir manchmal Angst.

Wenn ich sage: Das ist gut genug, klingt es schnell nach:

Mehr wird daraus nicht.

Dabei kann „gut genug“ etwas vollkommen anderes bedeuten.

Gut genug, um weiterzumachen.

Gut genug, um es zu zeigen.

Gut genug, um daraus zu lernen.

Gut genug für den nächsten Schritt.

Gut genug, damit es überhaupt eine Chance bekommt, sich weiterzuentwickeln.

Du musst nicht warten, bis etwas perfekt ist, bevor es einen Wert haben darf.

Und du musst deine früheren Versuche nicht kleinmachen, nur weil du heute mehr weißt.

Vielleicht waren sie genau das, was du gebraucht hast, um heute hier zu stehen.

Dein Gedanke für heute

Schau heute einmal auf etwas, das du bereits begonnen hast.

Nicht mit der Frage:

Was stimmt damit noch nicht?

Sondern:

Was davon ist schon da?

Vielleicht mehr, als du denkst.

Dann such dir eine Sache, die du verbessern möchtest.

Nicht zehn.

Eine.

Und dann geh weiter.

Nicht zurück zum Anfang.

Weiter.

Denn vielleicht brauchst du heute keinen neuen Anfang.

Vielleicht brauchst du den Mut, auf dem weiterzubauen, was du bereits geschaffen hast.

Und wer weiß, was daraus entsteht, wenn du diesmal nicht wieder alles einreißt, nur weil du inzwischen gelernt hast, wie du es noch besser machen kannst.

Du bist nicht mehr dort, wo du angefangen hast.

Also fang auch nicht jedes Mal wieder dort an.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

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