Tagesimpuls von Gudrun Marquardt über die Angst, andere zu enttäuschen, Grenzen zu setzen und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
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Du bist nicht verantwortlich dafür, dass niemand von dir enttäuscht ist

Ich habe lange versucht, Enttäuschungen zu vermeiden.

Nicht unbedingt meine eigenen.

Vor allem die der anderen.

Wenn ich merkte, dass jemand mit einer Entscheidung von mir nicht zufrieden war, fiel es mir schwer, einfach dabei zu bleiben. Schon ein anderer Tonfall, ein enttäuschter Blick oder eine Bemerkung konnte reichen, damit ich begann, meine Entscheidung wieder infrage zu stellen.

Vielleicht hätte ich doch Ja sagen sollen.

Vielleicht hätte es mich gar nicht so viel gekostet.

Vielleicht bin ich zu empfindlich.

Vielleicht hätte ich mich einfach ein bisschen mehr anstrengen können.

Was ich dabei lange nicht bemerkte: Während ich sehr aufmerksam darauf achtete, wie es anderen mit meinen Entscheidungen ging, fragte ich viel seltener, wie es eigentlich mir damit ging.

Wenn Harmonie einen Preis bekommt

Es ist schön, wenn Menschen miteinander auskommen.

Ich mag Harmonie auch heute.

Aber ich sehe inzwischen einen Unterschied zwischen echter Harmonie und einer Ruhe, die nur deshalb entsteht, weil einer immer wieder nachgibt.

Von außen kann beides ähnlich aussehen.

Es gibt keinen Streit.

Niemand beschwert sich.

Alles läuft weiter.

Doch innerlich kann etwas ganz anderes geschehen.

Du sagst Ja und meinst Nein.

Du übernimmst noch etwas, obwohl du längst erschöpft bist.

Du schweigst, obwohl dich etwas verletzt.

Du gibst nach, weil du weißt, dass die andere Person sonst enttäuscht oder vielleicht sogar verärgert sein wird.

Und irgendwann merkst du vielleicht:

Alle anderen sind zufrieden – nur du selbst kommst in deinem eigenen Leben kaum noch vor.

Die Enttäuschung eines anderen ist nicht automatisch dein Fehler

Das war für mich ein wichtiger Gedanke.

Ein Mensch kann von meiner Entscheidung enttäuscht sein, obwohl meine Entscheidung vollkommen berechtigt ist.

Denn Enttäuschung bedeutet zunächst nur, dass etwas anders gekommen ist, als jemand gehofft oder erwartet hat.

Mehr nicht.

Wenn jemand darauf gehofft hat, dass ich Ja sage, kann mein Nein enttäuschen.

Wenn jemand gewohnt war, dass ich immer helfe, kann eine neue Grenze irritieren.

Wenn ich mich plötzlich anders verhalte als früher, kann das sogar Widerstand auslösen.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass ich etwas falsch gemacht habe.

Vielleicht bedeutet es nur:

Etwas verändert sich.

Warum es so schwer ist, bei sich zu bleiben

Wenn du lange gewohnt warst, die Stimmung anderer Menschen sehr genau wahrzunehmen, kann ihre Enttäuschung schwer auszuhalten sein.

Du spürst sofort, dass etwas anders ist.

Und vielleicht entsteht in dir der alte Impuls, es wieder in Ordnung bringen zu wollen.

Noch etwas erklären.

Nachgeben.

Dich entschuldigen.

Deine Entscheidung zurücknehmen.

Hauptsache, die Spannung verschwindet.

Ich kenne diesen Impuls.

Doch inzwischen frage ich mich häufiger:

Muss ich gerade wirklich etwas in Ordnung bringen – oder halte ich nur schwer aus, dass jemand meine Entscheidung nicht gut findet?

Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge.

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir jemanden verletzt haben und Verantwortung übernehmen sollten.

Aber Verantwortung bedeutet nicht, jede unangenehme Reaktion eines anderen Menschen verhindern zu müssen.

Ein Ja zu dir kann für jemand anderen ein Nein sein

Das klingt vielleicht zunächst hart.

Doch Grenzen funktionieren genau so.

Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit sind nicht unbegrenzt.

Wenn ich mir Ruhe erlaube, kann ich in diesem Moment vielleicht nicht für jemand anderen verfügbar sein.

Wenn ich eine Entscheidung für mein Leben treffe, kann sie einer Erwartung widersprechen.

Wenn ich beginne, meine Bedürfnisse ernst zu nehmen, werde ich möglicherweise nicht mehr jede Rolle genauso erfüllen wie früher.

Und genau dort kann Veränderung unbequem werden.

Nicht nur für uns.

Auch für Menschen, die an unsere alte Art gewöhnt waren.

Vielleicht müssen wir deshalb lernen, etwas auszuhalten, das wir früher unbedingt vermeiden wollten:

Jemand darf enttäuscht von mir sein – und ich darf trotzdem bei mir bleiben.

Dein Gedanke für heute

Vielleicht gibt es einen Bereich in deinem Leben, in dem du sehr viel dafür tust, dass niemand von dir enttäuscht ist.

Dann frag dich einmal:

Was kostet mich das?

Nicht nur an Zeit.

Auch an Kraft.

An Ruhe.

An Entscheidungen.

Vielleicht sogar an Nähe zu dir selbst.

Und dann eine zweite Frage:

Wie oft enttäusche ich mich selbst, damit andere nicht enttäuscht von mir sind?

Du musst daraus heute keine große Veränderung machen.

Vielleicht reicht es, diesen Unterschied überhaupt einmal wahrzunehmen.

Denn Rücksicht auf andere ist etwas Wertvolles.

Sich selbst dafür immer wieder zu verlassen, ist etwas anderes.

Wenn du tiefer gehen möchtest

In meinem Buch „Nicht gut genug – Wie Selbstzweifel dein Leben prägen – und wie du wieder lernst, dir selbst zu vertrauen“ geht es auch darum, warum wir uns so stark an den Erwartungen anderer orientieren können und wie wir dabei unsere eigene Stimme immer leiser werden lassen.

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Herzlichst
Gudrun Marquardt