Was sich verändert, wenn du aufhörst, gegen dich selbst zu leben
Vielleicht gibt es einen Moment in deinem Leben, an dem du plötzlich bemerkst, wie anstrengend es geworden ist, du selbst zu sein.
Nicht, weil du ein besonders schwieriger Mensch wärst.
Sondern weil du bei fast allem, was du tust, gleichzeitig darüber nachdenkst, ob es richtig ist.
Du möchtest etwas sagen, aber überlegst vorher, wie es ankommen könnte. Du brauchst Ruhe, aber hast sofort ein schlechtes Gewissen. Jemand verletzt dich, und statt dich zu fragen, was eigentlich passiert ist, beginnst du darüber nachzudenken, ob du vielleicht zu empfindlich bist.
Du triffst eine Entscheidung und erklärst sie anschließend so ausführlich, als müsstest du dich dafür entschuldigen.
Vielleicht fällt dir gar nicht mehr auf, wie häufig du dich selbst infrage stellst.
Es ist zu einer Gewohnheit geworden.
Du bist nicht nur mit den Erwartungen anderer Menschen beschäftigt. Du hast begonnen, dich selbst mit ihren Augen zu betrachten.
Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum du manchmal so erschöpft bist.
Wenn du ständig gegen deine eigene Wahrnehmung arbeitest
Stell dir vor, du hast einen anstrengenden Tag hinter dir.
Du kommst nach Hause und merkst, dass du müde bist. Eigentlich möchtest du dich hinsetzen, etwas trinken und eine Weile nichts tun.
Doch kaum hast du diesen Gedanken, beginnt eine zweite Stimme in dir.
„Du kannst dich doch jetzt nicht einfach ausruhen.“
„Andere schaffen schließlich auch viel mehr.“
„Du musst erst noch alles erledigen.“
Also stehst du wieder auf.
Du machst weiter, obwohl du eigentlich eine Pause brauchst.
Vielleicht ist das nur eine Kleinigkeit. Vielleicht passiert es aber jeden Tag.
Und irgendwann merkst du, dass du kaum noch unterscheiden kannst, was du wirklich brauchst und was du glaubst, tun zu müssen.
Du hast gelernt, deine eigenen Bedürfnisse immer wieder zu übergehen.
Nicht unbedingt, weil andere Menschen dich heute dazu auffordern.
Sondern weil du selbst begonnen hast, ihre Erwartungen fortzuführen.
Wie alte Stimmen zu unseren eigenen Gedanken werden
Manche Menschen wachsen mit dem Gefühl auf, dass sie sich besonders anstrengen müssen, um Anerkennung zu bekommen.
Vielleicht wurden sie häufig kritisiert.
Vielleicht hat man ihre Gefühle belächelt oder ihnen vermittelt, dass ihre Wünsche weniger wichtig sind als die der anderen.
Vielleicht hörten sie immer wieder, dass sie nicht gut genug, zu empfindlich oder zu schwierig seien.
Solche Erfahrungen können unser Selbstbild beeinflussen.
Irgendwann brauchen wir vielleicht niemanden mehr, der uns kritisiert.
Wir übernehmen diese Aufgabe selbst.
Wir sehen sofort, was uns nicht gelungen ist.
Wir zweifeln an Entscheidungen, die wir eigentlich gut durchdacht haben.
Und wenn uns jemand lobt, finden wir einen Grund, warum das Lob übertrieben sein muss.
Vielleicht glauben wir sogar, besonders bescheiden oder vernünftig zu sein.
Dabei behandeln wir uns manchmal mit einer Härte, die wir einem anderen Menschen niemals zumuten würden.
Du musst nicht jeden Gedanken über dich glauben
Vielleicht denkst du manchmal: „Ich bin einfach nicht gut genug.“
Dieser Gedanke kann sich sehr vertraut anfühlen.
Vielleicht begleitet er dich schon so lange, dass du ihn kaum noch bemerkst.
Aber ein Gedanke ist nicht automatisch eine Tatsache.
Nur weil du etwas häufig über dich gedacht hast, muss es nicht stimmen.
Vielleicht hast du Fehler gemacht.
Vielleicht gibt es Dinge, die du noch lernen möchtest.
Vielleicht bist du in manchen Situationen unsicher.
Das alles gehört zum Menschsein.
Aber es macht dich nicht grundsätzlich weniger wertvoll.
Du darfst dich verbessern, ohne dich dafür abzuwerten, dass du noch nicht alles kannst.
Und du darfst dir selbst mit Verständnis begegnen, auch wenn dir etwas misslungen ist.
Vielleicht beginnt die Veränderung genau dort: nicht mehr jeden kritischen Gedanken sofort als Wahrheit anzunehmen.
Wenn du beginnst, dir selbst zuzuhören
Vielleicht hast du dich viele Jahre gefragt, was andere Menschen von dir erwarten.
Was sie brauchen.
Was sie denken könnten.
Ob sie enttäuscht sein werden.
Und vielleicht ist dabei eine andere Frage immer seltener geworden:
„Was möchte ich eigentlich?“
Diese Frage kann ungewohnt sein.
Vielleicht fällt dir zunächst gar keine Antwort ein.
Du weißt, was erledigt werden muss. Du weißt, worauf andere Menschen sich verlassen. Du kennst deine Verpflichtungen.
Aber was dir selbst guttut, hast du möglicherweise lange nicht mehr bewusst wahrgenommen.
Dann musst du nicht sofort dein ganzes Leben verändern.
Vielleicht beginnst du mit einer kleinen Entscheidung.
Du möchtest heute nicht mehr telefonieren.
Du möchtest einen Spaziergang machen.
Du möchtest eine Einladung ausschlagen oder einen Nachmittag für etwas nutzen, das dir Freude bereitet.
Vielleicht merkst du dabei, wie schnell du nach Gründen suchst, warum du das eigentlich nicht darfst.
Dann könntest du einmal innehalten.
Nicht jede persönliche Entscheidung braucht eine Rechtfertigung.
Und nicht jedes Bedürfnis muss warten, bis alle anderen zufrieden sind.
Du darfst Grenzen setzen, ohne ein schlechter Mensch zu sein
Vielleicht fällt es dir schwer, Nein zu sagen.
Du möchtest niemanden verletzen oder enttäuschen.
Du weißt, wie unangenehm es sein kann, wenn jemand sich zurückgewiesen fühlt.
Deshalb sagst du vielleicht häufig Ja, obwohl du eigentlich Nein meinst.
Anschließend bist du erschöpft oder ärgerst dich über dich selbst.
Doch Grenzen setzen bedeutet nicht, dass dir andere Menschen gleichgültig werden.
Es bedeutet, dass auch deine Zeit, deine Kraft und deine Bedürfnisse eine Rolle spielen.
Natürlich gehören Rücksichtnahme und Verlässlichkeit zu einem guten Miteinander.
Wenn wir Verantwortung übernommen haben, können wir nicht jede Verpflichtung einfach beiseiteschieben.
Aber wir müssen auch nicht jede Bitte erfüllen.
Manchmal dürfen wir sagen:
„Heute schaffe ich das nicht.“
Oder:
„Das möchte ich nicht übernehmen.“
Vielleicht wird nicht jeder Mensch darüber glücklich sein.
Aber du darfst freundlich bleiben und trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben.
Du musst nicht mehr um jede Anerkennung kämpfen
Vielleicht gibt es einen Menschen, dessen Meinung dich noch immer besonders beschäftigt.
Jemanden, der dich früher häufig kritisiert oder unterschätzt hat.
Vielleicht möchtest du ihm noch heute beweisen, dass du etwas kannst.
Dass du stark bist.
Dass du es geschafft hast.
Vielleicht hoffst du, dass dieser Mensch eines Tages erkennt, wie falsch er dich eingeschätzt hat.
Aber was ist, wenn dieser Moment niemals kommt?
Was ist, wenn du längst viel erreicht hast und trotzdem keine Anerkennung bekommst?
Dann wäre es traurig, wenn dein eigenes Leben weiterhin von diesem fehlenden Urteil bestimmt würde.
Du darfst stolz auf etwas sein, auch wenn ein anderer Mensch es nicht anerkennt.
Du darfst Entscheidungen treffen, die für dich richtig sind, obwohl sie jemand anderem nicht gefallen.
Und du darfst aufhören, dich immer wieder an Menschen zu messen, die möglicherweise nie bereit waren, dich wirklich zu sehen.
Wie du beginnen kannst, wieder auf deiner eigenen Seite zu stehen
Vielleicht klingt das alles zunächst nach einer großen Veränderung.
Aber es muss nicht damit beginnen, dass du plötzlich selbstbewusst bist und nie wieder zweifelst.
Vielleicht beginnt es mit einer einzigen Situation.
Du hast einen Fehler gemacht.
Früher hättest du vielleicht sofort gedacht: „Typisch. Ich bekomme einfach nichts richtig hin.“
Heute könntest du versuchen, genauer hinzusehen.
Was ist tatsächlich passiert?
Was kannst du daraus lernen?
Und was sagt dieser Fehler wirklich über dich aus?
Vielleicht stellst du fest, dass dir etwas misslungen ist, ohne dass deshalb gleich du als Mensch misslungen bist.
Oder jemand kritisiert dich.
Früher hättest du vielleicht sofort angenommen, dass der andere recht hat.
Heute könntest du erst einmal prüfen, ob die Kritik berechtigt ist.
Vielleicht enthält sie etwas, das dir weiterhilft.
Vielleicht ist sie aber auch ungerecht oder übertrieben.
Du musst nicht alles glauben, nur weil jemand es mit großer Überzeugung sagt.
Vielleicht bemerkst du auch, dass du müde bist.
Statt dich dafür zu kritisieren, könntest du überlegen, welche Aufgaben wirklich heute erledigt werden müssen und was warten kann.
Es sind kleine Veränderungen.
Aber sie haben etwas gemeinsam.
Du hörst auf, dich bei jeder Gelegenheit selbst abzuwerten.
Du wirst nicht plötzlich ein anderer Mensch
Vielleicht ist das besonders wichtig.
Wenn du beginnst, freundlicher mit dir selbst umzugehen, wirst du nicht automatisch immer mutig sein.
Du wirst weiterhin Fehler machen.
Du wirst manchmal unsicher sein, dich ärgern oder dich nach der Meinung anderer Menschen richten.
Alte Gewohnheiten verschwinden selten von heute auf morgen.
Vielleicht bemerkst du sogar erst jetzt, wie tief manche davon in deinem Alltag verankert sind.
Aber du musst deshalb nicht enttäuscht von dir sein.
Es geht nicht darum, eine neue, perfekte Version von dir selbst zu werden.
Es geht darum, dich nicht mehr ständig gegen dich selbst zu stellen.
Du darfst zweifeln und trotzdem eine Entscheidung treffen.
Du darfst Angst haben und trotzdem etwas Neues versuchen.
Du darfst traurig sein, ohne dich dafür zu verurteilen.
Und du darfst einen Fehler machen, ohne daraus ein Urteil über deinen ganzen Wert abzuleiten.
Vielleicht beginnt die Rückkehr zu dir ganz unspektakulär
Vielleicht erwartest du von einer Veränderung, dass sie sich deutlich bemerkbar macht.
Dass du eines Morgens aufwachst und plötzlich genau weißt, wer du bist und was du möchtest.
Doch vielleicht geschieht es viel leiser.
Du sagst einmal Nein, obwohl du früher Ja gesagt hättest.
Du nimmst ein Kompliment an, ohne es sofort abzuschwächen.
Du sprichst einen Gedanken aus, obwohl du nicht weißt, ob alle zustimmen werden.
Oder du gönnst dir einen ruhigen Nachmittag, ohne dich dafür schuldig zu fühlen.
Vielleicht bemerkt niemand anderes diese Veränderung.
Aber du selbst merkst, dass du dich ein kleines Stück weniger übergehst.
Dass du nicht mehr automatisch davon ausgehst, mit deinen Gefühlen falschzuliegen.
Und dass du beginnst, deine eigenen Entscheidungen ernst zu nehmen.
Das ist keine Garantie dafür, dass dein Leben plötzlich leicht wird.
Aber es kann etwas verändern, das dich bisher viel Kraft gekostet hat.
Du musst nicht mehr bei jedem Zweifel gegen dich selbst argumentieren.
Du darfst auf deiner eigenen Seite stehen
Vielleicht hast du einen großen Teil deines Lebens damit verbracht, anderen Menschen gerecht zu werden.
Du hast versucht, ihre Erwartungen zu erfüllen, ihre Enttäuschungen zu vermeiden und ihre Anerkennung zu gewinnen.
Vielleicht hast du dabei manchmal vergessen, dass du selbst auch jemand bist, dem du gerecht werden darfst.
Nicht mit noch mehr Leistung.
Nicht mit einer weiteren Aufgabe.
Sondern mit Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und einem freundlicheren Blick auf dich selbst.
Du musst dich nicht plötzlich vollkommen lieben.
Du musst auch nicht jeden Zweifel überwinden.
Vielleicht reicht es für den Anfang, wenn du dich nicht mehr automatisch auf die Seite der Stimmen stellst, die dich kleinmachen.
Wenn du beginnst, deine Gefühle ernst zu nehmen.
Deine Entscheidungen zu respektieren.
Und dich selbst nicht nur an dem zu messen, was dir noch nicht gelungen ist.
Du wirst vielleicht weiterhin zweifeln. Der Unterschied ist: Du musst dich nicht mehr jedes Mal auf die Seite deiner Zweifel stellen.
Vielleicht beginnt genau dort die Rückkehr zu dir selbst.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke zum Abschluss
Vielleicht möchtest du heute einmal auf die vergangene Woche zurückblicken.
Gab es einen Moment, in dem du dich selbst kritisiert hast, obwohl du eigentlich Verständnis gebraucht hättest?
Oder eine Situation, in der du deine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt hast, obwohl es auch anders möglich gewesen wäre?
Du musst nichts nachholen und auch nichts wiedergutmachen.
Vielleicht reicht es, wenn du beim nächsten Mal bemerkst, dass du eine Wahl hast.
Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst
In meinem Buch Nicht gut genug geht es darum, wie alte Zweifel entstehen und warum wir manchmal noch als Erwachsene versuchen, Anerkennung zu bekommen, die uns früher gefehlt hat.
Mein Buch Achtsamkeit – Die Rückkehr zu dir begleitet den Gedanken, wieder bewusster wahrzunehmen, was in uns geschieht und was wir wirklich brauchen.
Beide Bücher findest du auf meiner Website.
→ Meine Bücher entdecken: gudrunmarquardt.com
Vielleicht ist heute ein guter Tag, um dir selbst wieder ein wenig näherzukommen.