Warum es uns so schwerfällt, stolz auf uns selbst zu sein
Ich konnte mich über andere Menschen oft ganz selbstverständlich freuen.
Wenn jemand etwas geschafft hatte, einen schwierigen Schritt gegangen war oder nach einer anstrengenden Zeit wieder aufstand, konnte ich sehen, was darin steckte.
Ich hätte niemals gesagt:
Das war doch nichts Besonderes.
Andere können das viel besser.
Du hättest noch mehr schaffen müssen.
Bei mir selbst war ich mit solchen Sätzen erstaunlich schnell.
Wenn mir etwas gelang, dauerte es manchmal nicht lange, bis mein Kopf bereits einen Grund gefunden hatte, warum es eigentlich gar nicht so besonders war.
Es war doch nur …
Das hätte ich schon viel früher schaffen müssen.
Andere sind viel weiter.
Da fehlt trotzdem noch einiges.
Und damit war der Moment schon wieder vorbei.
Warum wir unsere eigenen Erfolge so schnell kleinreden
Vielleicht kennst du dieses Verhalten.
Jemand macht dir ein Kompliment und du antwortest sofort:
„Ach, das war doch nichts.“
Jemand sagt, dass du etwas gut gemacht hast, und du erklärst ihm, was trotzdem noch nicht stimmt.
Du erreichst etwas, auf das du lange hingearbeitet hast, und statt einen Moment dort zu bleiben, suchst du bereits das nächste Ziel.
Von außen wirkt das vielleicht bescheiden.
Aber manchmal steckt etwas anderes dahinter.
Vielleicht haben wir uns so sehr daran gewöhnt, nach dem zu suchen, was an uns noch verbessert werden müsste, dass Anerkennung fast unangenehm geworden ist.
Anerkennung muss nicht Überheblichkeit bedeuten
Ich glaube, auch das habe ich lange miteinander verwechselt.
Sich selbst anzuerkennen bedeutet nicht:
Ich bin besser als andere.
Es bedeutet auch nicht, sich alles schönzureden oder keine Fehler mehr sehen zu wollen.
Es kann etwas viel Schlichteres bedeuten:
Ich sehe, was dieser Weg mich gekostet hat.
Ich sehe, was ich gelernt habe.
Ich sehe, wo ich heute anders handle als früher.
Ich sehe, dass ich weitergegangen bin, obwohl manches schwierig war.
Dafür muss ich niemanden übertreffen.
Warum das Kleine so leicht verschwindet
Wir warten oft auf die großen Dinge.
Das fertige Projekt.
Das erreichte Ziel.
Die sichtbare Veränderung.
Den Erfolg, den auch andere erkennen.
Dabei besteht unser Leben zum größten Teil aus viel kleineren Schritten.
Vielleicht hast du diesmal Nein gesagt, obwohl es dir schwerfiel.
Vielleicht hast du eine Entscheidung nicht wieder zurückgenommen, nur weil jemand anderer Meinung war.
Vielleicht hast du gemerkt, dass du Ruhe brauchst – und tatsächlich eine Pause gemacht.
Vielleicht hast du heute anders mit dir gesprochen als früher.
Keiner dieser Schritte wird wahrscheinlich Applaus bekommen.
Aber vielleicht sind genau sie die Schritte, durch die sich ein Leben langsam verändert.
Wir müssen nicht warten, bis andere es sehen
Wenn wir unsere eigene Entwicklung erst dann ernst nehmen, wenn sie von außen bestätigt wird, bleiben wir abhängig von etwas, das wir nicht kontrollieren können.
Vielleicht sieht niemand, wie viel Kraft dich etwas gekostet hat.
Vielleicht versteht niemand, warum ein kleiner Schritt für dich so groß war.
Vielleicht kommt kein Lob.
Und trotzdem darfst du wissen:
Für mich war das wichtig.
Das ist keine Überheblichkeit.
Vielleicht ist es einfach eine Form von Selbstachtung.
Dein Gedanke für heute
Frag dich heute einmal nicht, was du noch besser machen solltest.
Frag dich:
Worauf könnte ich heute ein wenig stolz sein, wenn ich es nicht sofort wieder kleinreden würde?
Vielleicht fällt dir zunächst nichts Großes ein.
Dann suche nicht nach etwas Großem.
Vielleicht bist du drangeblieben.
Vielleicht hast du etwas ausgesprochen.
Vielleicht hast du dich um etwas gekümmert, das du lange aufgeschoben hast.
Oder du hast einen schwierigen Tag einfach geschafft.
Und wenn dein Kopf sofort antwortet:
Das zählt doch nicht …
dann hör diesen Satz einmal bewusst.
Vielleicht musst du ihm nicht jedes Mal glauben.
Denn es geht nicht darum, aus jedem kleinen Schritt einen großen Erfolg zu machen.
Es geht darum, deine eigenen Schritte nicht ständig verschwinden zu lassen.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Passende Buchverbindung
Morgen passt „Nicht gut genug“ wieder sehr natürlich:
In meinem Buch „Nicht gut genug – Wie Selbstzweifel dein Leben prägen – und wie du wieder lernst, dir selbst zu vertrauen“ geht es auch darum, warum wir unseren Blick so schnell auf das richten, was an uns noch nicht genügt – und dabei übersehen, was längst gewachsen ist.