Wenn du immer erst für alle anderen da bist – und irgendwann selbst nicht mehr weißt, was du brauchst
Vielleicht kennst du diese Tage.
Du stehst morgens auf und noch bevor du richtig bei dir angekommen bist, beginnt dein Kopf bereits aufzuzählen, was heute alles erledigt werden muss.
Die Arbeit.
Der Haushalt.
Ein Anruf, den du nicht vergessen darfst.
Jemand braucht deine Hilfe.
Jemand wartet auf eine Antwort.
Etwas muss organisiert werden.
Und irgendwo zwischen all diesen Dingen gibt es auch noch dich.
Du bist nicht vergessen.
Zumindest nicht ganz.
Du hast dir vorgenommen, später etwas für dich zu tun.
Wenn alles erledigt ist.
Wenn niemand mehr etwas braucht.
Wenn endlich Ruhe ist.
Dann bist du dran.
Nur kommt dieser Moment erstaunlich selten.
Denn sobald eine Aufgabe erledigt ist, wartet meistens schon die nächste.
Und so kann aus einem einzelnen anstrengenden Tag langsam eine Art zu leben werden.
Du kümmerst dich.
Du organisierst.
Du funktionierst.
Und irgendwann merkst du, dass du zwar sehr genau weißt, was alle anderen brauchen – aber auf die einfache Frage, was du selbst gerade brauchst, keine schnelle Antwort mehr hast.
Sich selbst zu verlieren geschieht selten plötzlich
Vielleicht denken wir beim Wort Selbstverlust an einen dramatischen Moment.
An eine Krise.
An einen Zusammenbruch.
An einen Tag, an dem plötzlich nichts mehr geht.
Doch meistens beginnt es viel früher.
Es beginnt in kleinen, scheinbar unwichtigen Entscheidungen.
Du bist müde, machst aber trotzdem weiter.
Du möchtest Nein sagen und hörst dich Ja sagen.
Du möchtest etwas ansprechen und entscheidest dich dagegen, weil du keinen Streit möchtest.
Du kaufst etwas für alle anderen und denkst bei dir selbst: „Das brauche ich nicht unbedingt.“
Du verschiebst einen Wunsch.
Dann noch einen.
Und irgendwann hast du so oft auf später gewartet, dass du gar nicht mehr bemerkst, wie lange du selbst schon wartest.
Das Merkwürdige daran ist:
Von außen kann dieses Leben vollkommen normal aussehen.
Vielleicht sogar bewundernswert.
Andere erleben dich als zuverlässig.
Hilfsbereit.
Belastbar.
Als jemanden, auf den man zählen kann.
Und vielleicht bist du sogar ein wenig stolz darauf.
Denn gebraucht zu werden kann sich sehr ähnlich anfühlen wie geliebt zu werden.
Aber es ist nicht dasselbe.
Wenn Gebrauchtwerden zu einem Beweis für den eigenen Wert wird
Vielleicht liegt genau hier etwas, das wir uns nicht gerne eingestehen.
Es fühlt sich gut an, wichtig zu sein.
Wenn jemand uns braucht, haben wir einen Platz.
Wir wissen, was unsere Aufgabe ist.
Wir werden angerufen.
Gefragt.
Gesucht.
Und wenn irgendwo tief in uns der alte Zweifel lebt, nicht gut genug oder nicht wichtig genug zu sein, kann das Gebrauchtwerden plötzlich zu einer stillen Bestätigung werden:
Ich werde gebraucht, also bin ich wichtig.
Das funktioniert erstaunlich lange.
Bis wir irgendwann feststellen, dass wir zwar für viele Menschen wichtig geworden sind, aber in unserem eigenen Leben immer weniger vorkommen.
Dann kann etwas sehr Verwirrendes passieren.
Wir sehnen uns nach Ruhe – und können sie kaum genießen, wenn sie endlich da ist.
Wir wünschen uns, dass niemand etwas von uns möchte – und fühlen uns gleichzeitig merkwürdig leer, wenn tatsächlich niemand etwas von uns möchte.
Denn wenn dein Wert lange daran hing, etwas für andere zu tun, kann Nichtstun plötzlich eine unangenehme Frage aufwerfen:
Wer bin ich eigentlich, wenn gerade niemand etwas von mir braucht?
Vielleicht hast du früh gelernt, dass Anpassung Nähe schafft
Ein Kind überlegt nicht bewusst, wie Beziehungen funktionieren.
Es beobachtet.
Es spürt.
Es lernt.
Vielleicht wurde es besonders gelobt, wenn es vernünftig war.
Wenn es geholfen hat.
Wenn es keine Schwierigkeiten gemacht hat.
Vielleicht gab es mehr Ruhe, wenn es seine eigenen Wünsche zurückstellte.
Oder es bemerkte früh, dass die Stimmung anderer Menschen wichtiger war als die eigene.
Dann entsteht daraus keine bewusste Entscheidung.
Es entsteht ein Muster.
Du wirst gut darin, Menschen zu lesen.
Du merkst, wenn jemand schlechte Laune hat.
Du spürst Spannungen im Raum.
Du überlegst automatisch, was du tun könntest, damit es wieder harmonisch wird.
Und irgendwann bist du erwachsen und kannst die Bedürfnisse eines ganzen Raumes wahrnehmen – nur deine eigenen kaum noch.
Das ist keine Schwäche.
Vielleicht war es einmal eine erstaunlich kluge Art, mit deiner Umgebung zurechtzukommen.
Doch ein Muster, das dich früher geschützt hat, muss nicht für immer dein Leben bestimmen.
Das Schwierige beginnt, wenn du dich wieder wichtig nimmst
Man könnte glauben, es müsste sich sofort gut anfühlen, endlich mehr auf sich selbst zu achten.
Doch oft passiert zunächst das Gegenteil.
Du bekommst ein schlechtes Gewissen.
Du fragst dich, ob du egoistisch wirst.
Du möchtest eine Grenze setzen und formulierst im Kopf schon fünf Erklärungen, warum du dazu berechtigt bist.
Vielleicht sagst du Nein und denkst anschließend stundenlang darüber nach, ob der andere jetzt enttäuscht von dir ist.
Das kann sich so unangenehm anfühlen, dass du beim nächsten Mal lieber wieder Ja sagst.
Nicht weil du es möchtest.
Sondern weil das alte Verhalten vertrauter ist.
Genau hier verwechseln wir Vertrautheit oft mit Richtigkeit.
Nur weil sich etwas ungewohnt anfühlt, bedeutet es nicht, dass es falsch ist.
Vielleicht fühlt sich eine Grenze zunächst falsch an, weil du jahrzehntelang keine gesetzt hast.
Vielleicht fühlt sich Ruhe unangenehm an, weil du deinen Wert immer mit Leistung verbunden hast.
Vielleicht fühlt sich eine Entscheidung für dich egoistisch an, weil du gelernt hast, dich selbst zuletzt zu berücksichtigen.
Das bedeutet nicht, dass du zurückgehen solltest.
Vielleicht bedeutet es nur, dass du gerade etwas Neues lernst.
Du musst nicht vom einen Extrem ins andere gehen
Es geht nicht darum, plötzlich niemandem mehr zu helfen.
Es geht auch nicht darum, nur noch an dich selbst zu denken.
Liebe, Hilfsbereitschaft und Verantwortung sind wertvolle Teile unseres Lebens.
Wir brauchen einander.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
Ich bin für dich da.
und
Ich gebe mich auf, damit du zufrieden bist.
Dieser Unterschied ist manchmal schwer zu erkennen.
Vielleicht hilft eine kleine Frage:
Wenn ich keine Angst hätte, jemanden zu enttäuschen – würde ich trotzdem Ja sagen?
Manchmal lautet die Antwort Ja.
Dann kommt deine Hilfe aus deinem Herzen.
Manchmal lautet sie Nein.
Und genau dort lohnt es sich hinzusehen.
Nicht um sofort alles zu verändern.
Sondern um wieder zu bemerken, was in dir geschieht.
Die Rückkehr zu dir beginnt nicht mit einer großen Entscheidung
Vielleicht erwartest du jetzt, dass du dein Leben neu ordnen musst.
Mehr Zeit für dich.
Neue Routinen.
Meditation.
Sport.
Grenzen.
Ein vollkommen neues Leben.
Doch vielleicht wäre genau das wieder dasselbe alte Muster.
Wieder eine Aufgabe.
Wieder etwas, das du richtig machen musst.
Wieder ein neues Projekt namens:
„Jetzt werde ich endlich gut zu mir.“
Vielleicht beginnt es viel kleiner.
Du bemerkst heute einmal, dass du müde bist.
Und nimmst es ernst.
Du sagst bei einer kleinen Sache Nein, ohne eine lange Rechtfertigung hinterherzuschicken.
Du trinkst deinen Kaffee zu Ende, bevor du aufspringst, weil jemand etwas von dir möchte.
Du fragst dich am Morgen nicht nur:
„Was muss ich heute erledigen?“
Sondern auch:
„Was brauche ich heute?“
Vielleicht hast du darauf zunächst keine Antwort.
Das ist in Ordnung.
Wenn du deine eigene Stimme lange überhört hast, wird sie nicht sofort wieder laut.
Du musst sie auch nicht zwingen.
Du kannst anfangen, ihr zuzuhören.
Dein Leben darf dich enthalten
Vielleicht ist das einer der merkwürdigsten Sätze überhaupt.
Denn natürlich bist du in deinem Leben.
Du stehst morgens darin auf.
Du arbeitest darin.
Du kümmerst dich darin.
Du erledigst darin tausend Dinge.
Und trotzdem kann ein Leben entstehen, in dem du selbst kaum noch vorkommst.
Deine Pflichten sind darin.
Die Erwartungen anderer.
Deine Verantwortung.
Deine Termine.
Nur deine Wünsche stehen irgendwo ganz hinten.
Für später.
Wenn mehr Zeit ist.
Wenn die Kinder dich nicht mehr brauchen.
Wenn die Arbeit ruhiger wird.
Wenn das Haus fertig ist.
Wenn mehr Geld da ist.
Wenn endlich alles geregelt ist.
Doch vielleicht ist das Leben nicht die Zeit, die danach kommt.
Vielleicht ist es genau die Zeit, die gerade vergeht.
Und vielleicht musst du deshalb nicht warten, bis irgendwann genug Raum für dich übrig bleibt.
Vielleicht darfst du anfangen, dir selbst wieder einen Platz darin zu geben.
Nicht den ganzen Raum.
Aber deinen.
Du darfst Menschen lieben, ohne dich dabei zu verlieren.
Du darfst helfen, ohne dich dafür aufzubrauchen.
Du darfst Verantwortung übernehmen und trotzdem Grenzen haben.
Und du darfst wichtig sein, auch wenn gerade niemand etwas von dir braucht.
Denn dein Wert beginnt nicht dort, wo du für andere nützlich wirst.
Er war längst da.
Vielleicht hast du ihn nur so lange im Außen gesucht, dass du vergessen hast, wo du ihn finden kannst.
Und vielleicht beginnt die Rückkehr zu dir genau dort:
Nicht indem du aufhörst, für andere da zu sein.
Sondern indem du aufhörst, dich selbst dabei zu verlassen.
Zum Nachdenken
Wenn heute niemand etwas von dir erwarten würde – was würdest du mit diesem Tag anfangen?
Vielleicht fällt dir sofort etwas ein.
Vielleicht auch nicht.
Beides erzählt dir etwas.
Und vielleicht ist genau diese Antwort ein guter Ort, um wieder ein wenig näher bei dir selbst anzufangen.
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