Gemütlicher Sessel am Fenster mit einem Gedanken darüber, sich Ruhe ohne schlechtes Gewissen zu erlauben.

Warum du glaubst, dir Ruhe erst verdienen zu müssen

Es ist später Nachmittag. Du hast den ganzen Tag etwas erledigt, warst unterwegs, hast gearbeitet oder dich um Dinge gekümmert, die nicht warten konnten. Jetzt sitzt du endlich auf dem Sofa. Vielleicht hast du dir eine Tasse Tee gemacht und möchtest einfach einen Moment nichts tun.

Doch kaum bist du zur Ruhe gekommen, fällt dir ein, was noch alles erledigt werden müsste.

Die Wäsche liegt noch da. Eine Nachricht wartet auf Antwort. In der Küche steht etwas herum. Vielleicht wolltest du auch noch einkaufen oder eine Rechnung überweisen.

Und obwohl niemand von dir verlangt, sofort wieder aufzustehen, fühlst du dich unruhig.

Du sitzt da, aber innerlich bist du schon wieder bei der nächsten Aufgabe.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Es ist, als dürftest du dich erst entspannen, wenn du vorher genug geleistet hast.

Wenn Ausruhen ein schlechtes Gewissen macht

Manche Menschen können sich nach einem anstrengenden Tag hinsetzen und die freie Zeit genießen. Andere schauen sich um und sehen sofort, was noch nicht erledigt ist.

Dabei liegt der Unterschied nicht unbedingt darin, wie viel Arbeit tatsächlich vor ihnen liegt.

Manchmal ist es die innere Vorstellung davon, wann Ruhe erlaubt ist.

Vielleicht hast du früh gelernt, dass Fleiß etwas Gutes ist und dass man sich seine Freizeit verdienen muss. Vielleicht wurde gelobt, wer immer beschäftigt war, während Untätigkeit schnell als Faulheit galt.

Solche Vorstellungen können uns lange begleiten.

Später brauchen wir niemanden mehr, der uns antreibt. Wir übernehmen diese Aufgabe selbst.

Wir vergleichen, was wir geschafft haben, mit dem, was noch offen ist. Und weil immer etwas offen bleibt, finden wir selten einen Zeitpunkt, an dem wir mit gutem Gewissen aufhören können.

So wird selbst ein freier Nachmittag zu einer Liste von Dingen, die wir eigentlich noch erledigen sollten.

Dein Körper führt keine Leistungsliste

Das Merkwürdige daran ist, dass Müdigkeit nicht immer mit der Menge unserer erledigten Aufgaben zusammenhängt.

Es gibt Tage, an denen wir körperlich viel geleistet haben und uns trotzdem zufrieden fühlen. Und es gibt Tage, an denen scheinbar wenig passiert ist, wir uns aber vollkommen erschöpft fühlen.

Vielleicht warst du angespannt, hast schlecht geschlafen oder musstest dich mit schwierigen Gedanken beschäftigen. Vielleicht hast du dir Sorgen gemacht oder dich den ganzen Tag auf etwas konzentriert.

Auch das kann Kraft kosten.

Doch wenn wir unsere Müdigkeit nur danach beurteilen, was wir sichtbar geschafft haben, nehmen wir sie manchmal nicht ernst.

Dann sagen wir uns: Ich habe heute doch gar nicht so viel gemacht. Warum bin ich schon wieder müde?

Aber dein Körper muss dir seine Erschöpfung nicht anhand einer erledigten Aufgabenliste beweisen.

Er braucht manchmal Ruhe, auch wenn der Tag von außen betrachtet unspektakulär war.

Warum Pausen keine Belohnung sein sollten

Natürlich gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen. Verantwortung gehört zum Leben. Und es kann ein gutes Gefühl sein, etwas geschafft zu haben.

Schwierig wird es erst, wenn wir daraus die Regel machen, dass wir nur dann gut zu uns sein dürfen, wenn wir vorher ausreichend produktiv waren.

Denn damit verbinden wir unseren Umgang mit uns selbst an eine Bedingung.

Erst arbeiten, dann ausruhen. Erst für alle anderen sorgen, dann etwas für sich tun. Erst alles erledigen, dann zufrieden sein.

Doch wann ist wirklich alles erledigt?

Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen, könnten diese Frage vermutlich kaum beantworten.

Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Vorstellung von Erholung.

Nicht als Belohnung für besonders gute Leistung, sondern als normalen Bestandteil unseres Alltags.

So selbstverständlich wie Essen, Trinken oder Schlafen.

Eine Pause bedeutet nicht, dass du deine Aufgaben vergessen hast. Sie bedeutet zunächst nur, dass du für einen Moment aufhörst, etwas zu leisten.

Achtsamkeit beginnt manchmal auf dem Sofa

Wenn wir von Achtsamkeit sprechen, denken viele an Meditation, Atemübungen oder einen besonders ruhigen Lebensstil.

Doch Achtsamkeit kann viel einfacher beginnen.

Vielleicht sitzt du auf dem Sofa und bemerkst, wie schnell deine Gedanken wieder bei den unerledigten Aufgaben sind.

Statt sofort aufzustehen, könntest du einen Moment bleiben.

Du könntest wahrnehmen, dass du müde bist. Dass dein Rücken sich entspannen möchte. Dass du vielleicht schon seit Stunden angespannt bist.

Und du könntest dich fragen, ob wirklich alles sofort erledigt werden muss.

Nicht jede Aufgabe lässt sich verschieben. Aber manche schon.

Vielleicht reicht es, die Wäsche später zusammenzulegen. Vielleicht kann die Nachricht noch eine Stunde warten. Vielleicht musst du nicht jeden freien Moment nutzen, um etwas von deiner Liste zu streichen.

Achtsamkeit bedeutet in solchen Augenblicken nicht, dass du keine Gedanken mehr hast.

Es bedeutet, dass du bemerkst, was gerade in dir vorgeht, bevor du automatisch darauf reagierst.

Du darfst müde sein, ohne dich zu rechtfertigen

Vielleicht fällt es dir am Anfang schwer, einfach sitzen zu bleiben.

Du wirst möglicherweise weiterhin an Dinge denken, die erledigt werden müssen. Vielleicht meldet sich sogar ein schlechtes Gewissen.

Das muss nicht bedeuten, dass du etwas falsch machst.

Es kann einfach zeigen, wie vertraut dir die alte Gewohnheit geworden ist, ständig beschäftigt zu sein.

Veränderung beginnt nicht immer damit, dass sich etwas sofort leicht anfühlt.

Manchmal beginnt sie damit, dass wir eine alte Regel erkennen und uns fragen, ob wir weiterhin nach ihr leben möchten.

Vielleicht möchtest du heute ausprobieren, dir eine kleine Pause zu erlauben, ohne vorher zu prüfen, ob du sie verdient hast.

Zehn Minuten mit einer Tasse Tee. Ein paar Seiten in einem Buch. Ein kurzer Blick aus dem Fenster.

Nicht, weil du heute besonders fleißig warst.

Sondern weil du ein Mensch bist, der Ruhe braucht.

Du musst dir Ruhe nicht verdienen. Auch an Tagen, an denen du wenig geschafft hast, darfst du müde sein.

Und vielleicht ist genau das eine Form von Selbstachtung: dass du lernst, mit dir selbst nicht nur dann freundlich umzugehen, wenn du etwas geleistet hast.

Herzlichst
Gudrun Marquardt


Ein Gedanke für heute: Kannst du dir heute eine kleine Pause erlauben, ohne sie vorher durch eine erledigte Aufgabe rechtfertigen zu müssen?

Wenn du wieder lernen möchtest, auf dich selbst zu hören

In meinem Buch Achtsamkeit – Die Rückkehr zu dir geht es darum, den eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Nicht, um jeden Tag vollkommen ruhig oder ausgeglichen zu sein. Sondern um bewusster wahrzunehmen, wie es dir geht und was du brauchst.

Du findest weitere Informationen zu meinem Buch auf meiner Website:

www.gudrunmarquardt.com