Frau in warmer, ruhiger Landschaft als Symbol dafür, sich selbst neu kennenzulernen und herauszufinden, wer man heute ist.

Du darfst wieder herausfinden, wer du bist

Ich glaube, man kann sich selbst verlieren, ohne es überhaupt zu bemerken.

Nicht weil man eines Morgens aufwacht und plötzlich nicht mehr weiß, wer man ist. Es passiert viel leiser.

Man sagt einmal nichts, weil man keinen Streit möchte. Man entscheidet sich für etwas, weil es für alle anderen einfacher ist. Man schluckt eine Enttäuschung herunter. Man stellt die eigenen Pläne noch ein bisschen zurück. Man gewöhnt sich daran, zuerst zu schauen, was andere brauchen.

Jede einzelne dieser Entscheidungen wirkt klein.

Und vieles davon gehört auch zum Leben. Wir nehmen Rücksicht. Wir gehen Kompromisse ein. Wir sind für Menschen da, die uns wichtig sind.

Schwierig wird es erst, wenn aus manchmal irgendwann immer wird.

Wenn wir so lange nach außen schauen, dass eine ganz einfache Frage plötzlich erstaunlich schwer zu beantworten ist:

Was möchte eigentlich ich?

Wenn du dich selbst kaum noch hörst

Vielleicht kennst du das.

Jemand fragt dich, was du gerne machen möchtest, und deine erste Reaktion ist nicht: Darauf hätte ich Lust.

Du überlegst zuerst, was für die anderen passen würde.

Oder du hast tatsächlich einen Wunsch und korrigierst ihn im selben Moment wieder.

Zu teuer.

Zu aufwendig.

Unvernünftig.

Dafür habe ich keine Zeit.

Das kann ich später noch machen.

Und manchmal sagen wir unsere Wünsche so schnell wieder ab, dass niemand außer uns überhaupt mitbekommt, dass es sie gegeben hat.

Irgendwann kann daraus das Gefühl entstehen, sich selbst nicht mehr richtig zu kennen.

Aber vielleicht bedeutet das gar nicht, dass du dich verloren hast.

Vielleicht hast du einfach nur sehr lange nicht mehr nach dir gefragt.

Ich dachte lange, ich müsste zu mir zurückfinden

Dieser Gedanke begleitet mich schon lange: die Rückkehr zu sich selbst.

Und trotzdem sehe ich ihn heute etwas anders als früher.

Denn wenn wir sagen, wir möchten wieder zu uns zurückfinden, klingt es beinahe so, als gäbe es irgendwo eine frühere Version von uns, die wir nur wiederfinden müssten.

Aber möchte ich wirklich wieder genau die Frau sein, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren war?

Nein.

Denn auch die Jahre, die schwierig waren, gehören zu mir.

Die Entscheidungen, die ich heute anders treffen würde.

Die Umwege.

Die Enttäuschungen.

Die Dinge, die ich gelernt habe.

Und auch das, was ich erst sehr spät verstanden habe.

All das hat mich verändert.

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, zurückzugehen.

Vielleicht dürfen wir herausfinden, wer wir heute sind.

Wer bist du heute?

Diese Frage gefällt mir.

Nicht:

Wer solltest du sein?

Nicht:

Was erwarten andere von dir?

Und auch nicht:

Was hättest du aus deinem Leben machen müssen?

Sondern ganz einfach:

Wer bist du heute?

Vielleicht magst du heute Dinge, die dich früher überhaupt nicht interessiert haben.

Vielleicht brauchst du mehr Ruhe als früher.

Vielleicht möchtest du weniger Menschen um dich haben, dafür aber ehrlichere Beziehungen.

Vielleicht willst du noch einmal etwas lernen.

Etwas sehen.

Etwas ausprobieren.

Vielleicht möchtest du reisen.

Schreiben.

Malen.

Einen Garten anlegen.

Ein eigenes Projekt beginnen.

Oder vielleicht sehnst du dich gerade überhaupt nicht nach etwas Großem.

Vielleicht möchtest du morgens einfach wieder aufwachen und das Gefühl haben:

Dieser Tag gehört auch mir.

Das reicht.

Du darfst dich neu kennenlernen

Wir sprechen oft davon, uns selbst zu verbessern.

Mehr Disziplin.

Mehr Selbstvertrauen.

Bessere Gewohnheiten.

Mehr Erfolg.

Aber vielleicht brauchen wir manchmal gar kein weiteres Verbesserungsprojekt.

Vielleicht brauchen wir etwas viel Freundlicheres:

Neugier.

Was bringt mich heute zum Lachen?

Bei welchen Menschen werde ich ruhig?

Was interessiert mich?

Wann vergesse ich die Zeit?

Was möchte ich nicht mehr?

Wovon wünsche ich mir mehr?

Nicht jede dieser Fragen braucht sofort eine Antwort.

Manchmal ist es schon viel, sie überhaupt wieder zu stellen.

Denn damit geschieht etwas Entscheidendes:

Du beginnst wieder, dich selbst in deinem eigenen Leben mitzudenken.

Dein Leben darf sich mit dir verändern

Vielleicht hast du früher etwas ausgehalten, das du heute nicht mehr aushalten möchtest.

Vielleicht war dir etwas wichtig, das heute kaum noch Bedeutung hat.

Vielleicht möchtest du plötzlich etwas, das überhaupt nicht in den Plan passt, den du einmal für dein Leben hattest.

Das ist erlaubt.

Wir verändern uns.

Und vielleicht entsteht ein großer Teil unseres inneren Drucks gerade dadurch, dass wir versuchen, einer alten Vorstellung von uns treu zu bleiben, obwohl wir längst jemand anderes geworden sind.

Du musst nicht für immer dieselben Dinge wollen.

Du darfst deine Meinung ändern.

Du darfst neue Grenzen haben.

Du darfst andere Prioritäten setzen.

Und du darfst etwas beginnen, obwohl niemand in deinem Umfeld versteht, warum es dir wichtig ist.

Nicht jede Veränderung bedeutet, dass du dich verloren hast.

Manche Veränderungen zeigen, dass du wieder anfängst, dich zu spüren.

Vielleicht beginnt heute etwas ganz Kleines

Du musst heute nicht herausfinden, wer du „wirklich“ bist.

Das wäre schon wieder eine Aufgabe.

Vielleicht reicht es, dich bei einer kleinen Entscheidung einmal nicht zuerst zu fragen, was vernünftig wäre oder was andere davon halten.

Frag dich:

Was würde mir gefallen?

Und dann hör einen Moment hin, bevor der Kopf beginnt, die Antwort zu korrigieren.

Vielleicht kommt nichts.

Vielleicht kommt nur ein ganz kleiner Gedanke.

Aber genau dort können wir anfangen.

Nicht mit einem neuen Leben.

Sondern mit einem kleinen Stück Ehrlichkeit im alten.

Dein Gedanke für heute

Du bist nicht zu spät.

Du musst auch nicht wieder die Frau werden, die du einmal warst.

Du hast gelebt.

Du hast gelernt.

Du hast dich verändert.

Und vor dir liegt nicht nur die Aufgabe, all das aufzuräumen, was hinter dir liegt.

Vor dir liegt auch noch die Möglichkeit, dich überraschen zu lassen.

Von deinem Leben.

Von deinen Entscheidungen.

Und vielleicht sogar von dir selbst.

Vielleicht beginnt dein nächstes Stück Leben mit der Neugier auf die Frau, die du heute bist.

Nicht die, die andere brauchen.

Nicht die, die alles richtig macht.

Sondern du.

Und vielleicht ist die schönste Rückkehr zu dir selbst gar keine Rückkehr.

Vielleicht ist sie eine Begegnung.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

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