Smartphone und Notizbuch auf einem Tisch im Novemberlicht mit einem Gedanken über Ja sagen und Nein meinen.

Warum du Ja sagst, obwohl du eigentlich Nein meinst

Vielleicht kennst du diese Situation: Du hast dir für den Nachmittag etwas vorgenommen. Nichts Besonderes, vielleicht nur ein paar Stunden für dich. Du möchtest etwas erledigen, das dir wichtig ist, oder endlich einmal einen ruhigen Tag verbringen.

Dann klingelt das Telefon.

Jemand braucht deine Hilfe. Vielleicht sollst du kurzfristig etwas übernehmen, irgendwo mitkommen oder dich um eine Angelegenheit kümmern, für die du eigentlich keine Zeit hast.

Noch während die andere Person spricht, weißt du, dass du lieber ablehnen würdest.

Du hast bereits genug zu tun. Du bist müde. Oder du möchtest diesen Nachmittag einfach für dich behalten.

Doch statt das auszusprechen, hörst du dich sagen: „Ja, das bekomme ich schon irgendwie hin.“

Kaum hast du aufgelegt, ärgerst du dich.

Nicht unbedingt über den Menschen, der dich gefragt hat.

Sondern über dich selbst.

Weil du wieder zugesagt hast, obwohl du genau wusstest, dass du es nicht möchtest.

Warum ein einfaches Nein manchmal so schwerfällt

Von außen betrachtet scheint die Lösung unkompliziert: Wenn du etwas nicht möchtest, sag einfach Nein.

Doch wer sich über viele Jahre daran gewöhnt hat, für andere da zu sein, erlebt solche Situationen oft anders.

Ein Nein ist dann nicht nur eine Antwort auf eine Bitte.

Es kann sich anfühlen, als würde man jemanden enttäuschen. Als wäre man plötzlich unzuverlässig, unfreundlich oder egoistisch.

Vielleicht hast du früh gelernt, dass Harmonie besonders wichtig ist. Dass man anderen hilft, wenn man gebraucht wird. Dass es besser ist, keinen Streit auszulösen und möglichst unkompliziert zu sein.

Diese Vorstellungen können wertvoll sein. Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft gehören zu einem guten Miteinander.

Aber sie werden schwierig, wenn du glaubst, immer helfen zu müssen, unabhängig davon, wie es dir selbst geht.

Dann entsteht aus einer freiwilligen Entscheidung langsam eine innere Verpflichtung.

Du fragst dich nicht mehr zuerst, ob du helfen möchtest und kannst.

Du überlegst sofort, wie du es möglich machen könntest.

Der Moment zwischen einer Bitte und deiner Antwort

Vielleicht liegt ein wichtiger Schlüssel in den wenigen Sekunden, bevor du antwortest.

Jemand fragt dich um Hilfe. Du spürst bereits, dass es dir nicht passt. Doch bevor du darüber nachdenken kannst, sagst du Ja.

Manchmal ist diese Reaktion so vertraut, dass wir sie kaum bemerken.

Erst später, wenn wir allein sind, tauchen die eigenen Gedanken wieder auf.

Warum habe ich zugesagt? Ich wollte doch etwas anderes machen. Eigentlich habe ich dafür gar keine Kraft.

Vielleicht müssen wir deshalb nicht damit beginnen, besonders entschlossen Nein zu sagen.

Vielleicht beginnt Veränderung schon damit, dass wir uns etwas mehr Zeit für eine Antwort nehmen.

Du könntest sagen: „Ich muss erst schauen, ob ich das einrichten kann.“

Oder: „Ich überlege es mir und gebe dir später Bescheid.“

Das klingt unspektakulär.

Aber es schafft einen kleinen Abstand zwischen der Bitte eines anderen Menschen und deiner eigenen Entscheidung.

Und in diesem Abstand kannst du dich fragen, was du tatsächlich möchtest.

Hilfsbereitschaft ist etwas anderes als Selbstüberforderung

Es gibt Menschen, denen es große Freude macht, anderen zu helfen. Sie sind aufmerksam, zuverlässig und haben ein gutes Gespür dafür, wenn jemand Unterstützung braucht.

Daran ist nichts falsch.

Problematisch wird es erst, wenn du dich selbst dabei regelmäßig übergehst.

Vielleicht sagst du zu, obwohl du bereits erschöpft bist. Vielleicht verschiebst du deine eigenen Termine, weil jemand kurzfristig Hilfe braucht. Oder du übernimmst Aufgaben, die andere durchaus selbst erledigen könnten.

Am Anfang fällt dir das möglicherweise kaum auf.

Doch mit der Zeit kann sich Unzufriedenheit entwickeln.

Du fühlst dich ausgenutzt, obwohl du selbst zugestimmt hast. Du bist enttäuscht, wenn andere deine Hilfsbereitschaft für selbstverständlich halten. Und manchmal ärgerst du dich darüber, dass niemand erkennt, wie viel dir alles abverlangt.

Dabei wissen andere Menschen nicht immer, was deine Zusage dich kostet.

Vielleicht gehen sie davon aus, dass du gerne hilfst, weil du nie etwas anderes sagst.

Das bedeutet nicht, dass jede Bitte angemessen ist. Manche Menschen überschreiten tatsächlich Grenzen oder setzen andere unter Druck.

Aber es bedeutet, dass deine eigenen Antworten eine wichtige Rolle spielen.

Wenn du deine Grenze selbst nicht aussprichst, können andere sie nicht immer erkennen.

Du darfst jemanden enttäuschen, ohne ihn abzulehnen

Vielleicht ist das einer der schwierigsten Gedanken beim Grenzen setzen.

Wenn du Nein sagst, kann ein anderer Mensch enttäuscht sein.

Vielleicht hatte er gehofft, dass du Zeit hast. Vielleicht muss er nun eine andere Lösung finden.

Diese Enttäuschung ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass du falsch gehandelt hast.

Wir alle erleben Situationen, in denen unsere Wünsche nicht erfüllt werden. Das gehört zu Beziehungen und zum Zusammenleben.

Du kannst jemanden mögen, ihn respektieren und trotzdem eine Bitte ablehnen.

Ein Nein zu einer Aufgabe ist nicht zwangsläufig ein Nein zu einem Menschen.

Vielleicht hilft es dir, diesen Unterschied bewusster wahrzunehmen.

Denn solange du glaubst, dass jede Ablehnung eine Beziehung gefährdet, wirst du deine eigenen Grenzen nur schwer ernst nehmen können.

Nicht jedes Nein braucht eine lange Erklärung

Manche Menschen beginnen sofort, sich zu rechtfertigen, sobald sie eine Bitte ablehnen möchten.

Sie erklären ausführlich, warum sie keine Zeit haben. Sie zählen alle Aufgaben auf, die noch erledigt werden müssen, und versuchen zu beweisen, dass ihre Ablehnung berechtigt ist.

Vielleicht hoffst du, dass die andere Person dann Verständnis zeigt.

Doch nicht jede Entscheidung braucht eine ausführliche Begründung.

Manchmal genügt ein freundlicher Satz.

„Heute passt es mir leider nicht.“

Oder: „Ich kann das diesmal nicht übernehmen.“

Du musst dabei nicht unfreundlich werden. Und du musst auch nicht so tun, als wäre dir der andere Mensch gleichgültig.

Du kannst freundlich bleiben und trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben.

Vielleicht fühlt sich das am Anfang ungewohnt an.

Besonders dann, wenn du bisher dafür bekannt warst, immer eine Lösung zu finden.

Aber ungewohnt bedeutet nicht falsch.

Eine kleine Veränderung für heute

Vielleicht möchtest du heute noch gar nicht üben, eine große Bitte abzulehnen.

Beginne mit etwas Einfacherem.

Nimm dir vor, auf die nächste unerwartete Anfrage nicht sofort zu antworten.

Sage stattdessen, dass du kurz darüber nachdenken möchtest.

Und dann frage dich ehrlich:

Habe ich die Zeit dafür? Habe ich die Kraft dafür? Möchte ich das wirklich übernehmen?

Vielleicht lautet deine Antwort Ja.

Dann kannst du helfen, weil du dich bewusst dafür entschieden hast.

Vielleicht lautet sie Nein.

Dann darfst du auch das aussprechen.

Es geht nicht darum, grundsätzlich weniger für andere Menschen zu tun.

Es geht darum, dass deine Hilfsbereitschaft wieder eine Entscheidung wird und nicht etwas, das du automatisch von dir erwartest.

Manchmal ärgerst du dich nicht über die Menschen, die dich um etwas bitten. Sondern darüber, dass du wieder Ja gesagt hast, obwohl du Nein meintest.

Vielleicht kannst du beim nächsten Mal einen Moment innehalten, bevor du antwortest.

Und dir selbst dieselbe Aufmerksamkeit schenken, die du anderen Menschen so selbstverständlich entgegenbringst.

Herzlichst
Gudrun Marquardt


Ein Gedanke für heute: Bei welcher Bitte hast du zuletzt Ja gesagt, obwohl du lieber abgelehnt hättest? Was hättest du gebraucht, um ehrlich antworten zu können?

Wenn du lernen möchtest, deine eigenen Grenzen ernst zu nehmen

Grenzen setzen beginnt oft damit, dass wir uns selbst wieder vertrauen und unsere eigenen Empfindungen ernst nehmen.

Mit diesen Themen beschäftige ich mich auch in meinem Buchprojekt Nicht gut genug, in dem es um alte Selbstzweifel, Anpassung und den Weg zurück zum eigenen Selbstwert geht.

Weitere Gedanken und meine Bücher findest du auf www.gudrunmarquardt.com.