Frau am Fenster denkt über ihre eigenen Wünsche nach und beginnt, wieder auf ihre innere Stimme zu hören.

Wenn du nicht mehr weißt, was du selbst eigentlich willst

Manchmal kommt eine Frage völlig unerwartet.

„Was möchtest du eigentlich?“

Eigentlich ist sie einfach.

Und trotzdem kann es passieren, dass du keine Antwort darauf hast.

Nicht, weil du keine Wünsche hast. Nicht, weil dir dein Leben egal ist. Sondern weil du so lange damit beschäftigt warst, vernünftig zu sein, Verantwortung zu übernehmen und auf das zu reagieren, was gerade notwendig war, dass deine eigenen Wünsche irgendwann leiser geworden sind.

Vielleicht weißt du sehr genau, was andere von dir erwarten.

Du weißt, was erledigt werden muss. Du kennst deine Verpflichtungen. Du spürst schnell, wenn jemand enttäuscht sein könnte. Du kannst abschätzen, welche Entscheidung vernünftig wäre und welche vermutlich auf Unverständnis stoßen würde.

Aber was willst du?

Nicht das, was sinnvoll wäre.

Nicht das, was andere gut finden würden.

Nicht das, womit du niemanden enttäuschst.

Sondern das, was du wählen würdest, wenn du dich für einen Moment nicht erklären müsstest.

Genau an dieser Stelle wird es für viele Menschen erstaunlich still.

Die eigene Stimme verschwindet nicht – sie wird überlagert

Wir verlieren uns selten von einem Tag auf den anderen.

Es geschieht viel unscheinbarer.

Vielleicht hattest du als junge Frau Vorstellungen davon, wie du einmal leben möchtest. Manche davon haben sich erfüllt. Andere nicht. Dann kam das Leben dazwischen.

Arbeit.

Familie.

Verantwortung.

Geld.

Beziehungen.

Enttäuschungen.

Dinge, die dringend waren.

Und irgendwann ging es weniger darum, was du möchtest, sondern immer häufiger darum, was gerade getan werden muss.

Das ist zunächst nichts Schlechtes.

Ein erwachsenes Leben besteht nicht nur daraus, seinen Wünschen zu folgen. Wir tragen Verantwortung. Wir müssen Entscheidungen treffen, die manchmal unbequem sind.

Problematisch wird es erst, wenn das Müssen so laut wird, dass du dein Wollen nicht mehr hörst.

Dann gewöhnst du dich daran, deine eigenen Wünsche sofort zu prüfen.

Kann ich mir das leisten?

Was werden die anderen sagen?

Ist das vernünftig?

Bin ich nicht zu alt dafür?

Sollte ich nicht lieber zufrieden sein mit dem, was ich habe?

Und noch bevor ein Wunsch überhaupt richtig entstehen durfte, hast du ihn bereits wieder klein geredet.

Manchmal leben wir nach Entscheidungen, die wir nie selbst getroffen haben

Es gibt Vorstellungen darüber, wie ein richtiges Leben auszusehen hat.

Du solltest vernünftig sein.

Einen sicheren Beruf haben.

Dich kümmern.

Nicht zu viel verlangen.

Dankbar sein.

Nicht egoistisch werden.

Und irgendwann übernehmen wir solche Vorstellungen, ohne noch zu wissen, woher sie eigentlich kommen.

Sie werden zu einer inneren Stimme.

Das Schwierige daran ist: Sie klingt irgendwann wie unsere eigene.

Vielleicht sagst du:

„Das kann ich nicht.“

Aber vielleicht meinst du eigentlich:

„Ich habe Angst, dass andere mir das nicht zutrauen.“

Vielleicht sagst du:

„Dafür bin ich zu alt.“

Aber vielleicht hast du diesen Satz nur so oft gehört, dass du irgendwann begonnen hast, ihn selbst zu wiederholen.

Vielleicht sagst du:

„Ich brauche das nicht.“

Obwohl ein leiser Teil in dir schon lange sagt:

„Ich würde es mir wünschen.“

Und genau deshalb ist die Rückkehr zu sich selbst manchmal schwieriger als erwartet.

Du musst nicht nur herausfinden, was du willst.

Du musst zunächst erkennen, welche der vielen Stimmen in deinem Kopf überhaupt deine ist.

Der Satz „Ich weiß es nicht“ kann ein Anfang sein

Wir glauben oft, wir müssten sofort eine Antwort haben.

Was willst du mit deinem Leben anfangen?

Was möchtest du verändern?

Was macht dich glücklich?

Wo möchtest du in fünf Jahren stehen?

Doch vielleicht ist „Ich weiß es nicht“ manchmal die ehrlichste Antwort.

Und vielleicht müssen wir sie nicht sofort reparieren.

Wenn du dich jahrelang nach anderen gerichtet hast, kannst du nicht erwarten, dass deine eigene Stimme plötzlich laut und deutlich vor dir steht.

Vielleicht braucht sie etwas Zeit.

Wie ein Mensch, der lange nicht zu Wort gekommen ist.

Wenn du ihn endlich fragst, was er denkt, beginnt er möglicherweise nicht sofort zu erzählen.

Er muss erst merken, dass du diesmal wirklich zuhören möchtest.

Mit dir selbst kann es ähnlich sein.

Fang nicht mit der größten Frage deines Lebens an

Vielleicht musst du nicht sofort wissen, welchen Weg du in Zukunft gehen möchtest.

Beginne kleiner.

Was tut mir heute gut?

Vielleicht möchtest du zehn Minuten allein sein.

Vielleicht möchtest du spazieren gehen.

Vielleicht möchtest du jemanden anrufen.

Vielleicht möchtest du gerade mit niemandem sprechen.

Vielleicht möchtest du etwas lernen, das keinen unmittelbaren Nutzen hat.

Vielleicht möchtest du einen Gedanken aufschreiben, der schon lange in deinem Kopf herumgeht.

Das klingt unspektakulär.

Aber genau dort beginnt etwas.

Du triffst eine kleine Entscheidung und bemerkst:

Das habe ich gewählt.

Nicht aus Pflicht.

Nicht aus Angst.

Nicht damit jemand zufrieden mit mir ist.

Sondern weil es sich für mich richtig angefühlt hat.

So entsteht Selbstvertrauen.

Nicht nur dadurch, dass wir große Dinge schaffen.

Sondern indem wir wieder lernen, unserer eigenen Wahrnehmung Bedeutung zu geben.

Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?

Vielleicht liegt genau darunter die größte Angst.

Solange andere entscheiden oder wir uns an ihren Erwartungen orientieren, haben wir einen gewissen Schutz.

Wenn etwas schiefgeht, können wir sagen:

Ich habe getan, was man von mir erwartet hat.

Doch wenn wir selbst entscheiden, tragen wir auch die Verantwortung dafür.

Das kann Angst machen.

Besonders dann, wenn du lange an dir gezweifelt hast.

Dann möchtest du vielleicht erst absolute Sicherheit.

Du möchtest wissen, dass die Entscheidung richtig ist, bevor du sie triffst.

Aber diese Sicherheit gibt es im Leben selten.

Manchmal erkennen wir erst unterwegs, ob etwas zu uns passt.

Wir dürfen korrigieren.

Wir dürfen lernen.

Wir dürfen unsere Meinung ändern.

Eine Entscheidung ist nicht automatisch falsch, nur weil sie später angepasst werden muss.

Vielleicht war sie genau der Schritt, den du gebraucht hast, um etwas über dich herauszufinden.

Deine eigene Stimme muss nicht laut sein

Vielleicht erwartest du einen großen inneren Ruf.

Eine plötzliche Gewissheit.

Das ist mein Weg.

Doch die eigene Stimme ist häufig viel leiser.

Sie sagt:

Das möchte ich eigentlich nicht mehr.

Oder:

Das würde ich gerne einmal ausprobieren.

Oder einfach:

So möchte ich nicht weitermachen.

Wir überhören diese Sätze leicht, weil sie nicht spektakulär sind.

Aber vielleicht beginnt genau dort Veränderung.

Nicht mit der Antwort auf die Frage, was du für den Rest deines Lebens möchtest.

Sondern mit der Erkenntnis:

Das hier stimmt für mich nicht mehr.

Auch das ist eine Richtung.

Du musst dein neues Leben nicht heute kennen

Vielleicht bist du gerade an einem Punkt, an dem das Alte nicht mehr richtig passt und das Neue noch nicht sichtbar ist.

Dieser Zwischenraum kann sich unangenehm anfühlen.

Wir möchten Klarheit.

Einen Plan.

Eine Richtung.

Doch vielleicht müssen wir diesen Raum manchmal eine Weile aushalten.

Nicht jede Leere muss sofort gefüllt werden.

Vielleicht entsteht darin zum ersten Mal seit langer Zeit Platz für etwas, das wirklich von dir kommt.

Du musst heute nicht wissen, wer du in fünf Jahren sein wirst.

Du musst nicht dein gesamtes Leben neu erfinden.

Vielleicht reicht es, wenn du beginnst, dir bei kleinen Entscheidungen wieder zuzuhören.

Was möchte ich?

Was möchte ich nicht mehr?

Was fühlt sich für mich richtig an?

Nicht jede Antwort muss sofort umgesetzt werden.

Aber jede ehrliche Antwort bringt dich ein kleines Stück näher zu dir.

Denn die Rückkehr zu dir beginnt nicht damit, dass du plötzlich ein anderer Mensch wirst.

Sie beginnt damit, dass du wieder bemerkst, wer du unter all den Erwartungen immer gewesen bist.

Und vielleicht hörst du irgendwann eine Stimme, die dir zunächst fremd vorkommt.

Ruhig.

Nicht fordernd.

Nicht darauf bedacht, es allen recht zu machen.

Deine eigene.

Vielleicht musst du ihr noch nicht vollkommen vertrauen.

Aber du kannst anfangen, ihr zuzuhören.

Und manchmal beginnt genau dort ein Leben, das sich langsam wieder nach deinem eigenen anfühlt.

Zum Nachdenken

Wenn du heute niemandem erklären müsstest, warum du etwas möchtest:

Was würdest du dir wünschen?

Beantworte die Frage nicht danach, was möglich, vernünftig oder sinnvoll ist.

Hör nur einen Moment hin.

Vielleicht ist die erste Antwort sehr klein.

Aber vielleicht ist sie deine.

Wenn du weiterlesen möchtest

Wenn du dich in diesen Gedanken wiedererkennst, findest du auf meiner Webseite weitere Blogartikel und Tagesimpulse über Selbstwert, innere Stärke und die leise Rückkehr zu dir selbst.

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Gudrun Marquardt