Wenn du weißt, was alle anderen brauchen – aber nicht mehr, was du selbst brauchst
Ich konnte oft ziemlich schnell wahrnehmen, was andere Menschen brauchten.
Manchmal musste gar nichts ausgesprochen werden. Ein Blick, eine Stimmung oder ein veränderter Tonfall reichten, und ich begann darüber nachzudenken, was los sein könnte.
Braucht jemand Hilfe?
Ist jemand enttäuscht?
Habe ich etwas falsch gemacht?
Sollte ich etwas tun?
Lange hielt ich diese Aufmerksamkeit einfach für eine meiner Eigenschaften. Und natürlich ist es etwas Schönes, andere Menschen wahrzunehmen. Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Rücksicht möchte ich auch heute nicht verlieren.
Doch irgendwann fiel mir auf, dass ich eine andere Frage wesentlich seltener stellte:
Was brauche eigentlich ich?
Und manchmal hätte ich darauf gar nicht sofort antworten können.
Wenn der Blick ständig nach außen geht
Eigene Bedürfnisse verschwinden nicht einfach.
Aber wir können uns daran gewöhnen, sie zu übergehen.
Vielleicht merkst du, dass du müde bist, erledigst aber noch schnell etwas für jemanden.
Du möchtest eigentlich Ruhe, sagst aber trotzdem zu.
Etwas verletzt dich, doch bevor du überhaupt darüber nachdenkst, was es mit dir macht, versuchst du bereits zu verstehen, warum der andere so gehandelt hat.
Das kann so selbstverständlich werden, dass wir es gar nicht mehr als Anpassung wahrnehmen.
Wir funktionieren einfach.
Und vielleicht wundern wir uns irgendwann, warum wir erschöpft, gereizt oder innerlich leer sind, obwohl nach außen eigentlich alles weiterläuft.
„Was brauche ich?“ kann eine ungewohnte Frage sein
Eigentlich klingt diese Frage sehr einfach.
Was brauche ich?
Doch wenn du lange zuerst auf andere geschaut hast, kann sie überraschend schwierig werden.
Vielleicht weißt du sofort, was deine Familie braucht.
Was bei der Arbeit erledigt werden muss.
Was andere von dir erwarten.
Aber wenn es um dich geht, kommen zunächst Antworten wie:
Ich weiß nicht.
Ist doch nicht so wichtig.
Es geht schon.
Andere haben es schwerer.
Genau darin können wir uns langsam selbst verlieren.
Nicht in einem einzigen großen Moment.
Sondern in vielen kleinen Situationen, in denen wir uns selbst immer wieder nach hinten stellen.
Sich selbst wahrzunehmen ist nicht egoistisch
Ich glaube, genau hier liegt ein Missverständnis, das viele Menschen kennen.
Als gäbe es nur zwei Möglichkeiten:
entweder für andere da sein oder egoistisch sein.
Doch dazwischen liegt ein großer Raum.
Ich kann einen anderen Menschen lieben und trotzdem müde sein.
Ich kann helfen und trotzdem Grenzen haben.
Ich kann Verständnis für jemanden haben und gleichzeitig anerkennen, dass mich sein Verhalten verletzt.
Und ich kann die Bedürfnisse anderer ernst nehmen, ohne meine eigenen dafür unsichtbar zu machen.
Das musste ich selbst erst verstehen.
Die Rückkehr beginnt manchmal mit einer kleinen Frage
Vielleicht müssen wir gar nicht sofort unser ganzes Leben verändern.
Vielleicht beginnt die Rückkehr zu uns selbst viel unscheinbarer.
Mit einem kurzen Moment am Tag, in dem der Blick nicht nach außen geht.
Nicht:
Was muss ich noch erledigen?
Wer braucht mich?
Was erwarten die anderen?
Sondern:
Wie geht es mir eigentlich gerade?
Was fehlt mir?
Was ist mir zu viel?
Was wünsche ich mir?
Vielleicht kommt zunächst keine klare Antwort.
Das ist in Ordnung.
Wenn eine Stimme lange wenig Raum bekommen hat, wird sie nicht automatisch laut, nur weil wir einmal nach ihr fragen.
Aber wir können wieder anfangen zuzuhören.
Dein Gedanke für heute
Beobachte heute einmal, wie schnell du bemerkst, was andere Menschen brauchen.
Und dann richte dieselbe Aufmerksamkeit für einen Moment auf dich.
Frag dich:
Was brauche ich gerade?
Nicht: Was sollte ich brauchen?
Nicht: Was darf ich brauchen?
Und auch nicht: Ist mein Bedürfnis wichtig genug?
Nur:
Was brauche ich?
Vielleicht ist die Antwort etwas ganz Einfaches.
Ruhe.
Abstand.
Bewegung.
Ein Gespräch.
Zeit für dich.
Oder einfach einmal nichts.
Du musst nicht jede Antwort sofort erfüllen können.
Aber vielleicht liegt genau darin ein Anfang:
dich selbst wieder wahrzunehmen, bevor du dich selbst erneut übergehst.
Wenn du tiefer gehen möchtest
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Herzlichst
Gudrun Marquardt