Herbstlicher Gartenweg im warmen Licht mit einem Gedanken darüber, wieder nach den eigenen Werten zu leben.

Wie du wieder herausfindest, was dir wirklich wichtig ist – und anfängst, danach zu leben

Es gibt einen Moment im Leben, der oft ganz unspektakulär beginnt. Vielleicht sitzt du an einem Sonntagmorgen am Küchentisch, trinkst deinen Kaffee und schaust aus dem Fenster. Niemand verlangt gerade etwas von dir. Für einen Augenblick ist es ruhig.

Und plötzlich kommt ein Gedanke, den du lange nicht zugelassen hast: Ist das eigentlich noch das Leben, das ich führen möchte?

Du schaust auf die vergangenen Jahre zurück. Auf alles, was du geschafft hast, auf die Verantwortung, die du getragen hast, und auf die Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Du hast gearbeitet, dich um andere gekümmert, Schwierigkeiten bewältigt und immer wieder versucht, das Richtige zu tun.

Vielleicht hast du dabei vieles erreicht, worauf du stolz sein kannst.

Und trotzdem spürst du, dass etwas fehlt.

Nicht unbedingt ein anderer Mensch, ein besseres Zuhause oder mehr Geld. Vielleicht fehlt dir etwas, das viel schwerer zu benennen ist: das Gefühl, dass du in deinem eigenen Leben noch eine Rolle spielst.

Du hast so lange darauf geachtet, was getan werden muss, dass du irgendwann aufgehört hast zu fragen, was du selbst möchtest.

Wenn das eigene Leben aus lauter Verpflichtungen besteht

Die meisten Menschen verlieren sich nicht von einem Tag auf den anderen.

Es geschieht langsam.

Zuerst gibt es Dinge, die wichtiger sind als unsere persönlichen Wünsche. Die Kinder sind klein, die Arbeit fordert viel Zeit, jemand braucht Unterstützung oder das Geld reicht gerade nur für das Notwendigste.

Also verschieben wir unsere Pläne.

Wir sagen uns, dass später wieder mehr Zeit sein wird. Wenn die Kinder größer sind. Wenn das Haus fertig ist. Wenn es im Beruf ruhiger wird. Wenn wir finanziell besser dastehen.

Das klingt vernünftig. Und manchmal ist es das auch.

Doch während wir auf den richtigen Zeitpunkt warten, verändert sich unser Alltag. Aus vorübergehenden Verpflichtungen werden feste Gewohnheiten. Andere Menschen verlassen sich darauf, dass wir bestimmte Aufgaben übernehmen. Und wir selbst beginnen, unsere eigenen Interessen immer weniger ernst zu nehmen.

Irgendwann müssen wir gar nicht mehr gefragt werden, ob wir zurückstecken können.

Wir tun es automatisch.

Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum so viele Menschen erst spät bemerken, dass sie sich selbst aus den Augen verloren haben.

Sie haben nicht bewusst entschieden, auf ihr eigenes Leben zu verzichten.

Sie haben nur immer wieder entschieden, dass etwas anderes gerade wichtiger ist.

Woran erkennst du, was dir wirklich wichtig ist?

Vielleicht hast du schon einmal versucht, eine Liste mit deinen Zielen zu schreiben.

Was möchte ich erreichen? Wie soll mein Leben in fünf Jahren aussehen? Welche Veränderungen wünsche ich mir?

Solche Fragen können hilfreich sein. Aber sie können auch überfordern, besonders wenn du lange nicht mehr darüber nachgedacht hast, was du selbst möchtest.

Manchmal beginnen wir dann, Ziele aufzuschreiben, von denen wir glauben, dass wir sie haben sollten.

Mehr Erfolg. Mehr Disziplin. Ein schöneres Zuhause. Eine bessere Figur. Mehr Geld.

Das alles können durchaus persönliche Wünsche sein.

Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Möchtest du etwas wirklich, weil es dir wichtig ist? Oder weil du glaubst, dass du dann endlich zufrieden mit dir sein könntest?

Vielleicht möchtest du beruflich erfolgreicher werden, weil du Freude an deiner Arbeit hast und etwas Eigenes aufbauen willst.

Vielleicht möchtest du es aber auch, weil du hoffst, dass andere Menschen dich dann endlich ernst nehmen.

Von außen kann beides gleich aussehen.

Innerlich ist es ein großer Unterschied.

Deshalb würde ich nicht zuerst nach den großen Zielen fragen.

Ich würde bei den Dingen beginnen, die dich im Alltag berühren.

Worüber kannst du dich wirklich freuen? Welche Gespräche geben dir etwas? Bei welchen Tätigkeiten vergisst du für einen Moment die Zeit? Welche Situationen hinterlassen das Gefühl, dass du ganz bei dir warst?

Und genauso wichtig: Wann spürst du, dass etwas nicht mehr zu dir passt?

Vielleicht merkst du, dass bestimmte Verpflichtungen dich inzwischen mehr Kraft kosten, als du aufbringen möchtest. Vielleicht hast du Interessen entwickelt, die in deinem bisherigen Umfeld kaum jemand teilt. Oder du stellst fest, dass dir Ruhe und Einfachheit heute wichtiger sind als Dinge, nach denen du früher gestrebt hast.

Auch das gehört dazu.

Du darfst dich verändern.

Was dir wichtig ist, muss nicht anderen gefallen

Manchmal wissen wir längst, was wir möchten. Wir trauen uns nur nicht, es ernst zu nehmen.

Vielleicht würdest du gerne weniger Zeit mit bestimmten Menschen verbringen. Vielleicht möchtest du einen Kurs besuchen, ein Buch schreiben oder dich beruflich noch einmal verändern.

Doch sobald du darüber nachdenkst, tauchen die möglichen Reaktionen anderer Menschen auf.

Was werden sie sagen? Werden sie mich verstehen? Halten sie mich für egoistisch? Finden sie meine Idee lächerlich?

Und schon beginnst du, deinen Wunsch infrage zu stellen.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass andere Menschen unsere Vorstellungen zunächst nicht verstehen.

Sie kennen uns vielleicht seit vielen Jahren in einer bestimmten Rolle. Als die Vernünftige. Die Hilfsbereite. Diejenige, die immer erreichbar ist und alles organisiert.

Wenn wir plötzlich andere Entscheidungen treffen, passt das nicht mehr zu dem Bild, das sie von uns haben.

Aber dieses Bild muss nicht bestimmen, wie du den Rest deines Lebens gestaltest.

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir die Gefühle anderer Menschen grundsätzlich ignorieren sollten. Beziehungen leben von Rücksichtnahme, Gesprächen und gegenseitigem Verständnis.

Doch Rücksichtnahme sollte nicht dazu führen, dass du deine eigenen Wünsche grundsätzlich aufgibst.

Du darfst anderen zuhören und trotzdem eine andere Entscheidung treffen.

Der Unterschied zwischen einem Wunsch und einer Entscheidung

Vielleicht hast du schon lange eine Vorstellung davon, wie du gerne leben würdest.

Du möchtest mehr Zeit für dich haben, gesünder leben, etwas Neues lernen oder dir ein eigenes kleines Projekt aufbauen.

Du denkst darüber nach. Du liest vielleicht Bücher, schaust dir Videos an und stellst dir vor, wie schön es wäre, wenn sich etwas verändern würde.

Aber im Alltag bleibt alles beim Alten.

Das muss nicht daran liegen, dass dir dein Wunsch nicht wichtig genug ist.

Manchmal erscheint die Veränderung einfach zu groß.

Wir sehen sofort alles, was dafür notwendig wäre. Die Zeit, die wir brauchen. Die Schwierigkeiten, die auftreten könnten. Die Dinge, auf die wir möglicherweise verzichten müssten.

Und weil wir noch nicht wissen, wie wir das alles schaffen sollen, beginnen wir gar nicht erst.

Dabei muss eine Entscheidung nicht bedeuten, dass du bereits den gesamten Weg kennst.

Vielleicht bedeutet sie zunächst nur, dass du einem Wunsch einen festen Platz in deinem Alltag gibst.

Wenn du gerne schreiben möchtest, könntest du dir jede Woche eine bestimmte Stunde dafür reservieren.

Wenn du wieder mehr Bewegung in dein Leben bringen möchtest, könntest du mit einem kurzen Spaziergang beginnen, der zu deinen Möglichkeiten passt.

Wenn du lernen möchtest, deine Meinung auszusprechen, könntest du bei einer kleinen Entscheidung bewusst sagen, was du bevorzugst.

Das klingt unspektakulär.

Aber genau darin liegt etwas Entscheidendes: Du wartest nicht mehr ausschließlich darauf, dass sich irgendwann die passenden Umstände ergeben.

Du beginnst, innerhalb deiner heutigen Möglichkeiten zu handeln.

Warum wir so oft auf den richtigen Zeitpunkt warten

Vielleicht hast du dir schon einmal gesagt: Wenn es endlich ruhiger wird, kümmere ich mich wieder mehr um mich.

Dieser Gedanke ist verständlich.

Doch das Leben wird nicht automatisch ruhiger, nur weil wir lange genug warten.

Oft entstehen neue Aufgaben, sobald andere erledigt sind. Es kommen unerwartete Probleme dazu, Menschen brauchen Unterstützung und unsere Pläne müssen wieder angepasst werden.

Wer erst dann mit seinen eigenen Wünschen beginnen möchte, wenn keine Verpflichtungen mehr bestehen, wartet möglicherweise sehr lange.

Das bedeutet nicht, dass du alles sofort umsetzen musst.

Manche Veränderungen brauchen Vorbereitung. Andere sind finanziell oder gesundheitlich im Moment nicht möglich. Und manchmal ist es tatsächlich sinnvoll, noch etwas zu warten.

Aber auch während dieser Zeit kannst du dich mit deinen Wünschen beschäftigen.

Du kannst Informationen sammeln, Möglichkeiten prüfen, etwas lernen oder kleine Schritte vorbereiten.

Warten und aufgeben sind nicht dasselbe.

Entscheidend ist, ob du deinen Wunsch weiterhin ernst nimmst oder ihn innerlich längst beiseitegelegt hast.

Du musst dein bisheriges Leben nicht bereuen

Vielleicht blickst du auf vergangene Jahre zurück und denkst daran, wie viel Zeit du für andere Menschen aufgebracht hast.

Vielleicht fragst du dich, was möglich gewesen wäre, wenn du früher andere Entscheidungen getroffen hättest.

Solche Gedanken können schmerzen.

Aber du musst deine Vergangenheit nicht verurteilen, um heute etwas verändern zu dürfen.

Viele deiner Entscheidungen hast du unter Bedingungen getroffen, die damals anders waren als heute. Du hattest bestimmte Verpflichtungen, Erfahrungen und Möglichkeiten. Vielleicht hast du manches noch nicht gewusst, was du inzwischen verstanden hast.

Du kannst anerkennen, dass du damals nach bestem Wissen gehandelt hast, und trotzdem entscheiden, künftig anders mit deiner Zeit und deinen Bedürfnissen umzugehen.

Es geht nicht darum, verlorene Jahre nachzuholen.

Es geht darum, die kommenden Jahre bewusster zu gestalten.

Und dafür ist es nicht notwendig, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Du bringst bereits vieles mit: Erfahrungen, Fähigkeiten, Erkenntnisse und vielleicht auch eine Klarheit darüber, was du nicht mehr möchtest.

All das kann dir helfen, Entscheidungen zu treffen, die heute besser zu dir passen.

Eine Übung, die mehr verändern kann als eine lange Wunschliste

Wenn du heute etwas für dich tun möchtest, nimm dir ein Blatt Papier.

Schreibe nicht auf, was du alles verbessern musst.

Schreibe drei Dinge auf, die dir persönlich wichtig sind.

Das können Beziehungen sein, Gesundheit, Freiheit, Kreativität, Ruhe, Unabhängigkeit, Lernen oder etwas ganz anderes.

Versuche, nicht darüber nachzudenken, welche Antworten besonders vernünftig oder beeindruckend klingen.

Es geht um deine Antworten.

Dann schaue dir deinen vergangenen Monat an.

Wie viel Platz hatten diese drei Dinge tatsächlich in deinem Alltag?

Vielleicht stellst du fest, dass dir deine Gesundheit sehr wichtig ist, du aber kaum Zeit für Erholung einplanst. Vielleicht wünschst du dir mehr Nähe zu Menschen, die dir guttun, verbringst aber einen großen Teil deiner freien Zeit mit Verpflichtungen.

Oder du merkst, dass du gerne etwas Eigenes schaffen möchtest, dafür aber bisher keinen festen Platz vorgesehen hast.

Diese Erkenntnis soll kein weiterer Grund sein, dich selbst zu kritisieren.

Sie soll dir helfen, den Unterschied zwischen deinen Wünschen und deinem Alltag zu erkennen.

Wähle anschließend eine Sache aus, der du in der kommenden Woche etwas mehr Raum geben möchtest.

Nicht alles auf einmal.

Nur eine.

Und überlege, welcher kleine Schritt tatsächlich möglich ist.

Die Rückkehr in dein eigenes Leben beginnt nicht mit einer großen Veränderung

Vielleicht wird dein Alltag morgen noch genauso aussehen wie heute.

Du wirst weiterhin arbeiten, Verpflichtungen haben und Entscheidungen treffen müssen, bei denen du andere Menschen berücksichtigst.

Aber vielleicht verändert sich etwas in deiner Haltung.

Du beginnst, deine eigenen Wünsche nicht mehr automatisch für unwichtig zu halten.

Du hörst genauer hin, wenn etwas in dir Widerstand auslöst. Du bemerkst, wenn dir eine Tätigkeit Freude macht. Und du fragst dich öfter, ob die Entscheidungen, die du triffst, wirklich noch zu deinem heutigen Leben passen.

Manchmal sind es gerade diese kleinen Veränderungen, aus denen später größere Entscheidungen entstehen.

Du kannst dein ganzes Leben damit verbringen, es anderen recht zu machen. Aber irgendwann wirst du dich fragen, wann du eigentlich angefangen hast, für dich selbst zu leben.

Vielleicht musst du auf diese Frage nicht erst in vielen Jahren eine Antwort finden.

Vielleicht kannst du heute damit beginnen.

Nicht mit einem vollkommen neuen Leben.

Sondern mit einer Entscheidung, in der auch du selbst vorkommst.

Herzlichst
Gudrun Marquardt


Ein Gedanke, den du mitnehmen kannst

Was ist dir wirklich wichtig – und woran würde man in deinem Alltag erkennen, dass es dir wichtig ist?

Vielleicht liegt zwischen diesen beiden Antworten bereits der erste Schritt zu einer Veränderung.

Wenn du dich selbst wieder besser kennenlernen möchtest

In meinem Buch Achtsamkeit – Die Rückkehr zu dir beschäftige ich mich damit, wie wir wieder lernen können, unsere Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse bewusst wahrzunehmen.

Nicht als schnelle Lösung für alle Schwierigkeiten, sondern als Möglichkeit, uns selbst im Alltag wieder näherzukommen.

Wenn dich diese Gedanken begleiten, findest du auf meiner Website weitere Tagesimpulse und Informationen zu meinen Büchern.

www.gudrunmarquardt.com