Warum du dir selbst so selten etwas gönnst
Vielleicht kennst du diese Situation: Du bist unterwegs und entdeckst etwas, das dir wirklich gefällt. Es muss nichts Großes sein. Vielleicht ist es ein schönes Buch, eine Pflanze für dein Zuhause oder ein Kleidungsstück, in dem du dich wohlfühlen würdest.
Du bleibst stehen, schaust es dir an und stellst dir für einen Moment vor, wie schön es wäre, es mitzunehmen.
Doch fast gleichzeitig beginnt eine andere Stimme in deinem Kopf.
Brauche ich das wirklich? Habe ich nicht schon genug? Sollte ich das Geld nicht lieber für etwas Wichtigeres aufheben?
Vielleicht legst du den Gegenstand zurück und gehst weiter.
Nicht unbedingt, weil du ihn dir nicht leisten könntest. Sondern weil es dir schwerfällt, etwas nur für dich selbst zu kaufen.
Merkwürdigerweise ist diese Zurückhaltung manchmal viel geringer, wenn es um andere Menschen geht.
Für die Kinder, den Partner oder einen Menschen, den du gernhast, findest du schnell einen guten Grund. Du möchtest Freude machen, helfen oder einfach zeigen, dass dir jemand wichtig ist.
Bei dir selbst wird dieselbe Entscheidung plötzlich kompliziert.
Wenn die eigenen Wünsche immer begründet werden müssen
Natürlich ist es sinnvoll, mit Geld bewusst umzugehen. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden, und manchmal gibt es gute Gründe, auf etwas zu verzichten.
Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen, wenn wir bei uns selbst grundsätzlich strengere Maßstäbe anlegen als bei anderen.
Vielleicht kaufst du für deine Familie ohne langes Nachdenken etwas Schönes, während du dir selbst sogar eine Kleinigkeit ausredest.
Vielleicht würdest du gerne einmal ins Café gehen, einen Ausflug machen oder dir Zeit für eine Tätigkeit nehmen, die dir Freude bereitet. Aber sofort überlegst du, ob das wirklich notwendig ist.
Als müsste alles, was du für dich tust, einen besonderen Nutzen haben.
Ein Buch darf nicht einfach interessant sein, sondern sollte dich weiterbringen. Ein freier Nachmittag sollte möglichst sinnvoll genutzt werden. Und wenn du Geld für dich ausgibst, möchtest du wenigstens sicher sein, dass es eine vernünftige Entscheidung war.
Dabei braucht nicht alles, was uns Freude macht, eine Rechtfertigung.
Manchmal darf etwas einfach schön sein.
Was wir über unsere eigenen Wünsche gelernt haben
Vielleicht hast du früh erlebt, dass Bescheidenheit besonders geschätzt wurde. Du solltest nicht zu viel verlangen, keine Umstände machen und zufrieden sein mit dem, was da war.
Möglicherweise hast du gelernt, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger waren oder dass es Anerkennung gab, wenn du selbst auf etwas verzichtet hast.
Solche Erfahrungen müssen nicht dazu führen, dass wir später grundsätzlich unglücklich sind. Aber sie können beeinflussen, wie selbstverständlich wir uns selbst etwas erlauben.
Manche Menschen haben ein schlechtes Gewissen, sobald sie Geld oder Zeit für sich verwenden, obwohl sie bei anderen großzügig und verständnisvoll sind.
Sie würden einer Freundin sofort sagen: Wenn du es dir leisten kannst und es dir Freude macht, dann gönn es dir doch.
Doch bei sich selbst klingt die Antwort anders.
Vielleicht liegt das daran, dass wir uns selbst nicht mit derselben Freundlichkeit betrachten, die wir anderen entgegenbringen.
Wir haben gelernt, Rücksicht zu nehmen.
Aber nicht unbedingt, uns selbst dabei einzuschließen.
Es geht nicht um das Kaufen
Vielleicht denkst du jetzt, dass du gar nicht besonders gerne einkaufst oder dass du mit materiellen Dingen wenig anfangen kannst.
Dann betrifft dich dieser Gedanke möglicherweise trotzdem.
Denn sich selbst etwas zu gönnen bedeutet nicht zwangsläufig, Geld auszugeben.
Vielleicht würdest du gerne eine Stunde ungestört lesen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Vielleicht möchtest du einen Sonntag verbringen, ohne Besuch einzuladen oder für andere etwas vorzubereiten.
Vielleicht würdest du gerne wieder etwas lernen, das dich schon lange interessiert. Einen Kurs besuchen, Musik machen oder regelmäßig Zeit draußen verbringen.
Auch dabei kann dieselbe innere Frage auftauchen: Darf ich das überhaupt, wenn noch so viele andere Dinge zu erledigen sind?
Manchmal sparen wir nicht nur Geld an uns selbst.
Wir sparen auch an Zeit, Aufmerksamkeit und Freude.
Und irgendwann wundern wir uns, warum unser Alltag so wenig von dem enthält, was uns persönlich wichtig ist.
Du darfst vernünftig sein und trotzdem Freude haben
Es geht nicht darum, jede Zurückhaltung abzulegen oder unüberlegt Entscheidungen zu treffen.
Verantwortung ist wichtig. Gerade wenn Geld knapp ist oder viele Verpflichtungen bestehen, braucht es einen bewussten Umgang mit den eigenen Möglichkeiten.
Aber Verantwortung muss nicht bedeuten, dass du selbst grundsätzlich zuletzt kommst.
Du kannst sorgfältig mit deinem Geld umgehen und dir trotzdem gelegentlich etwas Schönes erlauben.
Du kannst für deine Familie da sein und dennoch einen Nachmittag für dich reservieren.
Du kannst bescheiden leben, ohne deine Wünsche ständig kleinzureden.
Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht: Habe ich mir das verdient?
Sondern: Ist es im Rahmen meiner Möglichkeiten, und würde es mir guttun?
Das ist ein anderer Blickwinkel.
Er verlangt keine großen Veränderungen. Aber er gibt deinen eigenen Bedürfnissen einen gleichberechtigten Platz.
Eine kleine Entscheidung für dich
Vielleicht möchtest du heute einmal darauf achten, wie du mit deinen eigenen Wünschen umgehst.
Nicht nur beim Einkaufen.
Auch bei deiner Zeit.
Wenn du etwas Schönes entdeckst oder dir etwas vornimmst, beobachte, was als Erstes in dir auftaucht.
Freust du dich darauf?
Oder beginnst du sofort, dir Gründe dagegen zu nennen?
Vielleicht gibt es tatsächlich gute Gründe, darauf zu verzichten. Dann darfst du dich bewusst so entscheiden.
Aber vielleicht stellst du fest, dass du dir selbst etwas ausredest, das du einer anderen Person ohne Weiteres erlauben würdest.
Dann könntest du dich fragen, warum du mit dir selbst so viel strenger bist.
Für andere findest du immer einen guten Grund. Für dich selbst findest du oft nur einen, warum es gerade nicht geht.
Vielleicht ist es Zeit, diesen Unterschied ein wenig kleiner werden zu lassen.
Nicht, weil du mehr besitzen musst.
Sondern weil auch du Freude erleben darfst, ohne sie jedes Mal rechtfertigen zu müssen.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Ein Gedanke für heute: Gibt es etwas Kleines, das du dir schon lange wünschst, aber immer wieder aufschiebst, obwohl es im Rahmen deiner Möglichkeiten wäre?
Wenn du lernen möchtest, dich selbst wieder ernst zu nehmen
Sich selbst etwas zu erlauben hat manchmal weniger mit Geld zu tun als mit Selbstwert.
In meinen Büchern und Tagesimpulsen beschäftige ich mich damit, wie wir alte Überzeugungen erkennen und wieder einen freundlicheren Umgang mit uns selbst entwickeln können.