Offenes Notizbuch am herbstlichen Fenster mit einem Gedanken über eigene Wünsche und Erwartungen anderer.

Wenn du nicht mehr weißt, was du selbst möchtest

Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell wir eine Antwort haben, wenn es um andere Menschen geht. Wir wissen, was unsere Familie gerne isst, welche Wünsche unsere Kinder haben, worüber sich unser Partner freut und was unsere Kollegen von uns erwarten. Wir können uns auf unterschiedliche Menschen einstellen, ihre Bedürfnisse berücksichtigen und oft schon vorhersehen, was als Nächstes gebraucht wird.

Doch wenn uns jemand fragt, was wir selbst eigentlich möchten, wird es plötzlich still.

Vielleicht antworten wir mit einem Schulterzucken. Vielleicht sagen wir, dass es uns egal ist. Oder wir überlegen erst einmal, was für die anderen am besten wäre.

Dabei ist es nicht immer Gleichgültigkeit, die hinter dieser Antwort steckt. Manchmal haben wir einfach so lange nach den Erwartungen anderer gelebt, dass wir unsere eigenen Wünsche kaum noch wahrnehmen.

Wenn Anpassung zur Gewohnheit wird

Stell dir vor, du sitzt mit mehreren Menschen zusammen und jemand fragt, wohin ihr am Wochenende fahren möchtet. Du hast durchaus eine Vorstellung. Vielleicht würdest du gerne an einen See fahren, durch eine kleine Stadt bummeln oder einfach einen ruhigen Tag zu Hause verbringen.

Doch bevor du etwas sagst, hörst du dir erst die Vorschläge der anderen an.

Jemand möchte lieber einkaufen gehen. Ein anderer hat keine Lust auf einen Ausflug. Und schon beginnst du, deine eigenen Vorstellungen anzupassen.

Am Ende sagst du: „Mir ist es eigentlich egal.“

Vielleicht hast du das so oft getan, dass es sich längst selbstverständlich anfühlt.

Es geht dabei nicht um die Entscheidung für einen Wochenendausflug. Es geht um das Muster dahinter.

Wer immer zuerst prüft, was andere möchten, gewöhnt sich daran, die eigenen Wünsche erst an zweiter Stelle zu betrachten. Irgendwann stellt man sie vielleicht gar nicht mehr.

Warum eigene Wünsche manchmal Unsicherheit auslösen

Ein eigener Wunsch ist zunächst nur eine persönliche Vorstellung. Doch für manche Menschen fühlt er sich bereits wie eine Forderung an.

Sie haben früh gelernt, dass es einfacher ist, unkompliziert zu sein. Nicht zu widersprechen. Keine Umstände zu machen. Zufrieden zu sein mit dem, was angeboten wird.

Vielleicht wurde ihre Meinung früher übergangen oder belächelt. Vielleicht gab es Streit, sobald sie etwas anderes wollten. Oder sie wurden besonders dann gelobt, wenn sie bescheiden und angepasst waren.

Solche Erfahrungen können Spuren hinterlassen.

Später im Leben braucht es manchmal gar niemanden mehr, der unsere Wünsche zurückweist. Wir übernehmen diese Aufgabe selbst.

Noch bevor wir etwas aussprechen, denken wir: Das ist doch nicht so wichtig. Das kann warten. Die anderen haben bestimmt bessere Ideen.

Und so verlieren wir nicht unbedingt unsere Wünsche. Wir verlieren zunächst die Gewohnheit, ihnen zuzuhören.

Du musst nicht sofort wissen, was du willst

Vielleicht hast du schon einmal versucht, dir die große Frage zu stellen: Was möchte ich eigentlich von meinem Leben?

Und vielleicht hat dich diese Frage eher überfordert als weitergebracht.

Denn wenn du jahrelang funktioniert, dich angepasst und vieles zurückgestellt hast, lässt sich die Antwort nicht unbedingt an einem Nachmittag finden.

Deshalb würde ich kleiner anfangen.

Nicht mit der Frage, wie dein ganzes Leben aussehen soll.

Sondern mit dem heutigen Tag.

Was würde ich heute gerne essen, wenn ich allein entscheiden dürfte? Wie möchte ich meinen freien Nachmittag verbringen? Auf welches Gespräch habe ich Lust? Was möchte ich lernen, ausprobieren oder wieder einmal tun?

Vielleicht fällt dir zunächst nichts ein.

Dann beobachte dich in den kommenden Tagen.

Wann wirst du neugierig? Bei welchen Dingen bleibst du stehen? Was bewunderst du an anderen Menschen? Welche Tätigkeit lässt dich für einen Moment vergessen, auf die Uhr zu schauen?

Manchmal zeigen sich unsere Wünsche nicht als große Sehnsucht, sondern als kleine Regung im Alltag.

Ein Gedanke, der immer wiederkommt. Eine Idee, die wir schnell beiseiteschieben. Ein Interesse, dem wir bisher keinen Raum gegeben haben.

Deine Wünsche müssen nicht allen gefallen

Es kann sein, dass andere überrascht reagieren, wenn du plötzlich eine eigene Meinung äußerst.

Vielleicht sind sie es gewohnt, dass du dich nach ihnen richtest. Vielleicht fragen sie nach, warum du etwas anders machen möchtest.

Das bedeutet nicht automatisch, dass du etwas falsch machst.

Du darfst andere Menschen berücksichtigen, ohne jede deiner Entscheidungen von ihrer Zustimmung abhängig zu machen.

Und du darfst etwas mögen, das niemand sonst in deinem Umfeld interessant findet.

Dein Wunsch braucht nicht immer eine ausführliche Begründung.

Manchmal reicht es, dass dir etwas Freude macht.

Die Rückkehr beginnt mit Aufmerksamkeit

Wenn du dich selbst wiederfinden möchtest, musst du nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch werden.

Vielleicht genügt es für den Anfang, dass du aufhörst, deine eigenen Gedanken sofort zu übergehen.

Wenn du das nächste Mal gefragt wirst, was du möchtest, antworte nicht automatisch mit „Ist mir egal“.

Gib dir einen Moment.

Überlege, was du wirklich bevorzugen würdest.

Und wenn du eine Antwort findest, erlaube dir, sie auszusprechen.

Denn wenn du immer nur fragst, was andere von dir erwarten, vergisst du irgendwann, was du selbst vom Leben möchtest.

Aber du kannst wieder anfangen, dir diese Frage zu stellen.

Nicht, um dich von anderen Menschen zu entfernen.

Sondern damit du in deinem eigenen Leben wieder vorkommst.

Herzlichst
Gudrun Marquardt


Mein Gedanke für dich: Achte heute auf einen Moment, in dem du normalerweise sagen würdest: „Mir ist es egal.“ Frage dich vorher, ob du vielleicht doch einen eigenen Wunsch hast.

Zum Weiterlesen: Wenn du lernen möchtest, dich selbst wieder bewusster wahrzunehmen, findest du weitere Gedanken dazu in meinem Buch Achtsamkeit – Die Rückkehr zu dir und in meinen anderen Tagesimpulsen auf www.gudrunmarquardt.com.