Warmer Novembermorgen am Fenster mit einem Gedanken darüber, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.

Du musst nicht warten, bis alle anderen versorgt sind

Es gibt Menschen, die merken sofort, wenn jemand etwas braucht. Sie sehen, dass noch Arbeit liegen geblieben ist, hören die Müdigkeit in einer Stimme und spüren, wenn die Stimmung im Raum kippt. Oft reagieren sie, bevor überhaupt jemand um Hilfe bittet.

Vielleicht gehörst du zu diesen Menschen.

Du hast gelernt, aufmerksam zu sein, Verantwortung zu übernehmen und vieles im Blick zu behalten. Du bist zuverlässig. Andere können sich auf dich verlassen. Und wahrscheinlich ist das auch eine Eigenschaft, die du an dir magst.

Doch irgendwann kann aus dieser Aufmerksamkeit für andere eine Gewohnheit werden, bei der du selbst immer seltener vorkommst.

Wenn für dich nur noch die Zeit übrig bleibt

Du möchtest dich eigentlich ausruhen, aber jemand braucht deine Hilfe. Du hast dir etwas vorgenommen, doch plötzlich gibt es etwas Wichtigeres zu erledigen. Du wolltest einen ruhigen Nachmittag verbringen, aber am Ende hast du wieder für alle anderen Zeit gefunden.

Und für dich?

Vielleicht morgen.

Das Schwierige daran ist, dass es oft keine einzelne große Entscheidung gibt, mit der du dich selbst zurückstellst. Es sind die vielen kleinen Entscheidungen im Alltag. Jede für sich erscheint vernünftig. Zusammen können sie dazu führen, dass deine eigenen Bedürfnisse kaum noch Platz haben.

Mit der Zeit fragst du dich vielleicht gar nicht mehr, was du möchtest. Du überlegst nur noch, was notwendig ist.

Warum wir auf den richtigen Moment warten

Manchmal glauben wir, wir dürften erst dann an uns denken, wenn alles erledigt ist.

Wenn die Familie versorgt ist. Wenn die Wohnung aufgeräumt ist. Wenn niemand enttäuscht ist. Wenn endlich Ruhe eingekehrt ist.

Aber das Leben kennt selten einen Zeitpunkt, an dem wirklich alles erledigt ist.

Es wird immer Aufgaben geben. Immer Menschen, die etwas möchten. Immer einen Grund, den eigenen Wunsch noch einmal aufzuschieben.

Wenn du dein Leben erst dann ernst nimmst, wenn niemand mehr etwas von dir braucht, kann es passieren, dass du sehr lange wartest.

Dabei geht es nicht darum, deine Verantwortung abzugeben oder anderen die kalte Schulter zu zeigen. Es geht darum, einen Unterschied zu erkennen: Für andere da zu sein ist etwas Wertvolles. Sich selbst dabei dauerhaft zu übergehen, ist etwas anderes.

Du darfst in deinen eigenen Entscheidungen vorkommen

Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit einem großen Entschluss, sondern mit einer kleinen Unterbrechung.

Bevor du das nächste Mal automatisch Ja sagst, könntest du dich fragen: Habe ich heute wirklich die Kraft dafür? Möchte ich das übernehmen? Oder sage ich nur zu, weil ich es immer so gemacht habe?

Du musst nicht jede Bitte ablehnen. Aber du darfst prüfen, ob du sie erfüllen möchtest.

Und vielleicht nimmst du dir heute etwas vor, das nur für dich wichtig ist. Einen Spaziergang. Eine Stunde mit einem Buch. Einen Besuch, auf den du dich freust. Oder einfach einen Nachmittag, an dem du nicht ständig verfügbar bist.

Nicht als Belohnung dafür, dass du vorher genug geleistet hast.

Sondern weil auch dein Leben aus mehr bestehen darf als aus Verpflichtungen.

Du musst nicht warten, bis niemand mehr etwas von dir braucht, um endlich auch an dich selbst zu denken.

Vielleicht ist das der Anfang deiner Rückkehr zu dir: dass du bei deinen täglichen Entscheidungen wieder mit am Tisch sitzt.

Herzlichst
Gudrun Marquardt