Alter Brief und leeres Notizbuch mit einem Gedanken über fremde Urteile und das eigene Selbstbild.

Du musst nicht jede Meinung über dich behalten

Manche Sätze vergessen wir erstaunlich schnell.

Andere bleiben.

Vielleicht hat dir vor vielen Jahren jemand gesagt, dass du zu empfindlich bist. Dass du nichts richtig machen kannst. Dass du schwierig bist oder nie etwas erreichen wirst.

Vielleicht war es nur eine Bemerkung in einem Streit. Vielleicht hast du solche Worte aber auch immer wieder gehört.

Die Situation liegt längst hinter dir. Der Mensch, der diese Worte ausgesprochen hat, spielt möglicherweise gar keine Rolle mehr in deinem Leben.

Und trotzdem taucht der Satz manchmal wieder auf.

Vielleicht dann, wenn du etwas Neues ausprobieren möchtest.

Wenn du eine Entscheidung treffen musst.

Oder wenn du dich fragst, ob du einer Aufgabe wirklich gewachsen bist.

Plötzlich hörst du innerlich wieder diese alte Stimme.

Und vielleicht bemerkst du gar nicht, dass es ursprünglich die Meinung eines anderen Menschen war.

Wenn fremde Worte zu unseren eigenen Gedanken werden

Stell dir vor, du möchtest etwas Neues lernen.

Du interessierst dich dafür, hast vielleicht schon erste Informationen gesammelt und würdest es gern versuchen.

Doch bevor du überhaupt anfängst, kommt dieser Gedanke:

„Dafür bin ich bestimmt nicht gut genug.“

Vielleicht erscheint er dir vollkommen selbstverständlich.

Du denkst nicht darüber nach, woher er kommt. Du nimmst ihn einfach als Tatsache hin.

Aber was wäre, wenn dieser Gedanke gar nicht aus deiner eigenen Erfahrung entstanden ist?

Vielleicht hat dir irgendwann jemand vermittelt, dass du für bestimmte Dinge nicht geeignet bist.

Vielleicht wurdest du häufig kritisiert, ausgelacht oder mit anderen verglichen.

Und irgendwann hast du begonnen, diese Einschätzung zu übernehmen.

Nicht unbedingt bewusst.

Sondern weil wir Menschen dazu neigen können, wiederholte Aussagen über uns selbst in unser Selbstbild aufzunehmen.

Besonders dann, wenn sie von Menschen kommen, deren Anerkennung uns wichtig ist.

Nicht jede Kritik ist falsch

Natürlich bedeutet das nicht, dass andere Menschen uns niemals etwas sagen dürfen.

Manchmal erkennen sie etwas, das wir selbst übersehen.

Vielleicht machen wir einen Fehler. Vielleicht verhalten wir uns ungeschickt oder verletzen jemanden, ohne es zu beabsichtigen.

Dann kann ehrliche Kritik hilfreich sein.

Aber zwischen einer Rückmeldung zu unserem Verhalten und einem Urteil über unseren Wert als Mensch liegt ein großer Unterschied.

„Bei dieser Aufgabe ist dir ein Fehler passiert“ beschreibt etwas Konkretes.

„Du kannst einfach nichts richtig machen“ macht aus einem Fehler eine Aussage über den ganzen Menschen.

Und genau solche pauschalen Urteile können lange nachwirken.

Sie lassen wenig Raum für Entwicklung.

Sie berücksichtigen nicht, was du gelernt hast, was dir gelungen ist oder wie du dich verändert hast.

Vielleicht darfst du deshalb genauer unterscheiden, welche Worte dir tatsächlich helfen und welche dich nur kleinhalten.

Du bist nicht mehr der Mensch von damals

Manchmal halten wir an alten Einschätzungen fest, obwohl unser Leben längst gezeigt hat, dass sie nicht mehr passen.

Vielleicht wurde dir als Kind gesagt, dass du unselbstständig bist.

Doch später hast du schwierige Entscheidungen getroffen, Verantwortung übernommen und Situationen gemeistert, von denen du früher nicht einmal wusstest, wie du sie bewältigen solltest.

Vielleicht hat jemand behauptet, dass du schwach bist.

Dabei hast du in deinem Leben Dinge durchgestanden, die viel Kraft gebraucht haben.

Oder man hat dir vermittelt, dass deine Meinung nicht besonders wichtig ist.

Und obwohl du heute längst eigene Erfahrungen gesammelt hast, fällt es dir noch immer schwer, dich offen auszusprechen.

Manchmal verändert sich unser Leben schneller als das Bild, das wir von uns selbst haben.

Wir entwickeln uns weiter, lernen dazu und wachsen an unseren Erfahrungen.

Aber innerlich beurteilen wir uns noch immer nach Maßstäben, die andere Menschen vor vielen Jahren angelegt haben.

Vielleicht ist es Zeit, diese Maßstäbe zu überprüfen.

Wer hat das eigentlich über dich gesagt?

Wenn du bemerkst, dass du wieder einmal schlecht über dich denkst, könntest du dir eine einfache Frage stellen:

„Woher weiß ich eigentlich, dass das stimmt?“

Vielleicht denkst du, du seist nicht klug genug.

Aber woran machst du das fest?

An deinen tatsächlichen Fähigkeiten?

Oder an einer Bemerkung, die jemand vor vielen Jahren gemacht hat?

Vielleicht glaubst du, dass du schwierig bist.

Aber bist du wirklich schwierig?

Oder hat jemand so über dich gesprochen, weil du irgendwann begonnen hast, deine eigenen Wünsche auszusprechen?

Nicht jede negative Einschätzung lässt sich einfach widerlegen.

Manchmal gibt es tatsächlich Eigenschaften oder Verhaltensweisen, an denen wir arbeiten möchten.

Aber das ist etwas anderes, als ein altes Urteil ungeprüft für die Wahrheit zu halten.

Du darfst dich verändern.

Du darfst dazulernen.

Und du darfst heute anders über dich denken als Menschen, die dich früher beurteilt haben.

Du musst niemanden überzeugen, der dich nicht sehen möchte

Vielleicht kennst du auch den Wunsch, einem bestimmten Menschen irgendwann zu beweisen, dass er sich in dir geirrt hat.

Du möchtest zeigen, was du erreicht hast.

Du möchtest, dass er anerkennt, wie sehr du dich angestrengt hast und wie viel du inzwischen kannst.

Vielleicht wartest du schon lange auf diesen Moment.

Auf ein freundliches Wort.

Auf eine Entschuldigung.

Oder einfach darauf, dass jemand sagt: „Ich habe dich damals falsch eingeschätzt.“

Solche Wünsche sind verständlich.

Aber manchmal kommt diese Anerkennung nicht.

Manche Menschen verändern ihre Meinung nicht, selbst wenn sich unser Leben längst verändert hat.

Und vielleicht ist genau das besonders schmerzhaft.

Doch du musst nicht dein ganzes Leben damit verbringen, einen Menschen von deinem Wert zu überzeugen.

Du darfst selbst erkennen, was du geschafft hast.

Du darfst deine Entwicklung ernst nehmen, auch wenn jemand anderes sie nicht anerkennt.

Und du darfst aufhören, deine Zukunft nach einem Urteil auszurichten, das möglicherweise schon vor vielen Jahren ausgesprochen wurde.

Du darfst selbst entscheiden, was du glaubst

Vielleicht kannst du nicht verhindern, dass alte Worte manchmal wieder auftauchen.

Manche Erinnerungen bleiben lange mit Gefühlen verbunden.

Aber du kannst beginnen, anders mit ihnen umzugehen.

Wenn du innerlich hörst: „Das schaffst du sowieso nicht“, könntest du dich fragen:

„Ist das wirklich meine Überzeugung? Oder habe ich diesen Satz irgendwann übernommen?“

Vielleicht hast du noch keine sichere Antwort.

Vielleicht zweifelst du weiterhin.

Das ist in Ordnung.

Du musst nicht jeden alten Gedanken sofort durch einen positiven ersetzen.

Aber du darfst anfangen, ihn zu hinterfragen.

Du darfst Erfahrungen sammeln, die nicht zu diesem Urteil passen.

Und du darfst dir erlauben, ein anderes Bild von dir selbst zu entwickeln.

Nicht jedes Urteil verdient einen Platz in deinem Leben

Vielleicht haben andere Menschen dich früher unterschätzt.

Vielleicht haben sie dich auf deine Fehler reduziert oder Eigenschaften an dir kritisiert, die ihnen unbequem waren.

Vielleicht gab es aber auch berechtigte Kritik, aus der du inzwischen gelernt hast.

Du musst nicht alles aus deiner Vergangenheit verwerfen.

Aber du darfst heute genauer hinsehen.

Welche Worte helfen dir, dich selbst besser zu verstehen?

Und welche halten dich noch immer in einem Bild fest, das längst nicht mehr zu dir passt?

Vielleicht ist das ein wichtiger Teil der Rückkehr zu dir selbst.

Nicht plötzlich jemand anderes zu werden.

Sondern zu erkennen, dass du mehr bist als die Urteile, die andere Menschen irgendwann über dich gefällt haben.

Nicht alles, was jemand über dich gesagt hat, muss zu dem werden, was du über dich glaubst.

Herzlichst

Gudrun Marquardt


Ein Gedanke zum Mitnehmen

Wenn heute ein abwertender Gedanke über dich auftaucht, frage dich einmal:

„Ist das wirklich meine eigene Überzeugung – oder höre ich gerade eine alte Meinung über mich?“

Du musst darauf nicht sofort eine Antwort finden. Aber vielleicht beginnt genau dort ein anderer Blick auf dich selbst.

In meinem Buch Nicht gut genug beschäftige ich mich damit, wie frühe Erfahrungen unser Selbstbild prägen und warum wir manchmal noch als Erwachsene versuchen, alten Erwartungen gerecht zu werden.

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