Heller Schreibtisch mit Notizen und Text über die Gewohnheit, sich selbst kleiner zu machen – Gudrun Marquardt.

Warum wir uns selbst klein machen – ohne es überhaupt zu bemerken

Es sind oft die kleinen Sätze, die uns verraten.

„Ach, das war doch nichts.“

„Entschuldigung, dass ich störe.“

„Mir ist es egal, entscheidet ihr.“

Wir sagen sie beiläufig. Manchmal mit einem Lächeln. Manchmal so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr bemerken, was wir damit ausdrücken.

Jemand lobt uns, und wir erklären sofort, warum unsere Leistung eigentlich nichts Besonderes war. Wir möchten eine Frage stellen und entschuldigen uns schon dafür, dass wir überhaupt etwas brauchen. Oder wir haben einen eigenen Wunsch, sprechen ihn aber nicht aus, weil die anderen bereits etwas anderes vorgeschlagen haben.

Keine dieser Situationen wirkt besonders dramatisch.

Und doch kann sich darin etwas zeigen, das uns über viele Jahre begleitet: die Gewohnheit, uns selbst weniger wichtig zu nehmen als andere Menschen.

Vielleicht denkst du gar nicht jeden Tag bewusst: „Ich bin nicht gut genug.“

Vielleicht hast du nur gelernt, dich so zu verhalten, als wärst du weniger wichtig.

Wenn wir uns selbst zurücknehmen, bevor es jemand anderes tut

Stell dir eine ganz gewöhnliche Situation vor.

Du sitzt mit mehreren Menschen zusammen. Es wird überlegt, was ihr am Wochenende unternehmen könntet. Du hättest eine Idee. Vielleicht würdest du gern einen bestimmten Ort besuchen oder etwas machen, das dir schon lange im Kopf herumgeht.

Aber bevor du deinen Vorschlag aussprichst, beginnt jemand anderes zu erzählen, was er gern machen möchte.

Du hörst zu, nickst und sagst schließlich: „Ja, das ist auch schön.“

Deine eigene Idee behältst du für dich.

Vielleicht war es dir in diesem Moment tatsächlich nicht so wichtig. Vielleicht wolltest du einfach nett sein.

Aber vielleicht kennst du auch das Gefühl, später darüber nachzudenken und dich zu fragen, warum du eigentlich wieder nichts gesagt hast.

Warum du deinen Wunsch so schnell aufgegeben hast, obwohl noch niemand etwas dagegen eingewendet hatte.

Genau das ist ein wichtiger Punkt.

Manchmal warten wir gar nicht darauf, dass andere uns zurückweisen. Wir nehmen uns schon vorher zurück.

Wir entscheiden selbst, dass unsere Meinung wahrscheinlich nicht so wichtig ist, dass unser Wunsch warten kann oder dass wir lieber keinen zusätzlichen Aufwand verursachen möchten.

Und irgendwann wird daraus eine Gewohnheit.

Wie solche Muster entstehen können

Niemand kommt mit der Überzeugung auf die Welt, dass die eigenen Bedürfnisse weniger zählen.

Solche Vorstellungen können sich im Laufe des Lebens entwickeln.

Vielleicht bist du in einer Familie aufgewachsen, in der du besonders dann Anerkennung bekommen hast, wenn du angepasst und unkompliziert warst.

Vielleicht wurden deine Wünsche häufig übergangen. Vielleicht hat man dir vermittelt, dass du dich nicht so wichtig nehmen sollst oder dass andere Menschen es schwerer haben als du.

Manche Kinder lernen früh, aufmerksam auf die Stimmung anderer Menschen zu achten.

Sie merken, wann jemand gereizt ist, wann es besser ist, nichts zu sagen, und wann ein eigener Wunsch möglicherweise Ärger auslösen könnte.

Diese Aufmerksamkeit kann später zu einer großen Stärke werden. Sie kann uns feinfühlig und rücksichtsvoll machen.

Aber sie kann auch dazu führen, dass wir uns selbst immer seltener fragen, was wir eigentlich möchten.

Denn wenn du lange damit beschäftigt warst, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen, bleibt manchmal wenig Raum für deine eigenen.

Nicht jede Anpassung hat ihren Ursprung in der Kindheit. Auch Beziehungen, berufliche Erfahrungen oder belastende Lebensphasen können solche Gewohnheiten verstärken.

Entscheidend ist nicht, dass du für jedes Verhalten eine Erklärung aus deiner Vergangenheit finden musst.

Wichtiger ist vielleicht, dass du heute erkennst, wann du dich zurücknimmst, obwohl es gar nicht notwendig wäre.

Die kleinen Sätze, mit denen wir uns selbst abwerten

Besonders deutlich wird dieses Muster in unserer Sprache.

Jemand sagt: „Das hast du wirklich gut gemacht.“

Du antwortest: „Ach, das war doch nichts.“

Vielleicht hast du viel Zeit investiert, dich angestrengt und zwischendurch sogar an dir gezweifelt.

Aber sobald jemand deine Leistung anerkennt, machst du sie kleiner.

Oder du hast etwas geschafft, worauf du eigentlich stolz sein könntest.

Doch kaum ist die Freude da, fällt dir ein, was noch besser hätte laufen können.

„Ja, aber es hat viel zu lange gedauert.“

„Ja, aber andere können das besser.“

„Ja, aber eigentlich hätte ich mehr schaffen müssen.“

Manchmal scheint es, als dürfte ein Erfolg nur dann zählen, wenn wirklich nichts daran auszusetzen ist.

Doch wann ist das schon der Fall?

Wenn wir immer zuerst nach unseren Fehlern suchen, verlieren wir irgendwann den Blick für das, was uns gelingt.

Dabei müssen wir uns nicht für großartig halten, um unsere eigenen Leistungen anzuerkennen.

Wir dürfen einfach wahrnehmen, was wir geschafft haben.

Ohne es sofort wieder zurückzunehmen.

Wenn wir uns sogar für unsere Bedürfnisse entschuldigen

Eine andere Gewohnheit ist das häufige Entschuldigen.

Natürlich ist eine ehrliche Entschuldigung wichtig, wenn wir einen Fehler gemacht oder jemanden verletzt haben.

Aber vielleicht kennst du Sätze wie:

„Entschuldigung, darf ich dich etwas fragen?“

„Tut mir leid, dass ich Hilfe brauche.“

„Entschuldige, aber ich möchte das eigentlich nicht.“

Manchmal entschuldigen wir uns nicht für unser Verhalten, sondern für die Tatsache, dass wir überhaupt etwas möchten.

Wir versuchen, möglichst wenig Umstände zu machen.

Wir möchten niemanden enttäuschen, niemandem zur Last fallen und möglichst keine unangenehme Reaktion auslösen.

Vielleicht ist das lange gut gegangen.

Vielleicht haben andere Menschen dich gerade deshalb als besonders freundlich und unkompliziert erlebt.

Aber irgendwann kann es anstrengend werden, ständig darauf zu achten, dass niemand durch unsere Bedürfnisse gestört wird.

Denn auch du bist ein Mensch, der Fragen hat, Hilfe braucht, Grenzen setzt und manchmal anderer Meinung ist.

Das ist keine Zumutung.

Das gehört zum Leben.

Warum andere unsere Grenzen manchmal gar nicht kennen

Wenn wir unsere Wünsche selten aussprechen, kann noch etwas geschehen.

Andere Menschen gewöhnen sich daran.

Sie fragen vielleicht irgendwann nicht mehr so häufig nach unserer Meinung, weil wir bisher ohnehin meistens einverstanden waren.

Sie verlassen sich darauf, dass wir bestimmte Aufgaben übernehmen, weil wir bisher selten Nein gesagt haben.

Und sie merken möglicherweise gar nicht, dass uns etwas zunehmend belastet.

Das bedeutet nicht, dass wir für jedes rücksichtslose Verhalten anderer Menschen verantwortlich sind.

Es gibt Menschen, die Grenzen bewusst übergehen. Und es gibt Beziehungen, in denen es nicht einfach oder sicher ist, die eigene Meinung offen auszusprechen.

Aber in vielen alltäglichen Situationen können wir beginnen, unsere Wünsche und Grenzen deutlicher zu zeigen.

Nicht durch Vorwürfe.

Nicht durch lange Erklärungen.

Sondern durch klare, freundliche Sätze.

„Heute schaffe ich das nicht.“

„Ich würde gern etwas anderes machen.“

„Ich brauche dabei Unterstützung.“

„Das möchte ich nicht.“

Vielleicht werden andere überrascht sein, wenn du solche Sätze bisher selten gesagt hast.

Vielleicht musst du selbst erst lernen, sie auszusprechen, ohne dich dabei schuldig zu fühlen.

Doch deine Wünsche können nur dann berücksichtigt werden, wenn sie überhaupt einen Platz bekommen.

Du musst nicht plötzlich ein anderer Mensch werden

Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Situationen wieder.

Dann könnte es sein, dass du jetzt denkst, du müsstest unbedingt selbstbewusster werden, konsequenter auftreten und dich endlich verändern.

Aber vielleicht wäre das schon wieder die alte Gewohnheit, etwas an dir finden zu müssen, das noch nicht gut genug ist.

Du musst nicht von heute auf morgen zu einem völlig anderen Menschen werden.

Du darfst weiterhin freundlich sein.

Du darfst Rücksicht nehmen, Kompromisse eingehen und anderen Menschen helfen.

Es geht nicht darum, dass du plötzlich nur noch an dich denkst.

Es geht darum, dass du dich selbst nicht länger grundsätzlich ausnimmst, wenn es um Rücksicht, Verständnis und Wertschätzung geht.

Vielleicht beginnt das mit etwas ganz Einfachem.

Du nimmst ein Kompliment an, ohne es abzuschwächen.

Du sagst, was du möchtest, auch wenn andere eine andere Idee haben.

Du erkennst eine eigene Leistung an, ohne sie sofort mit der Leistung eines anderen Menschen zu vergleichen.

Oder du stellst eine Frage, ohne dich dafür zu entschuldigen.

Das sind keine spektakulären Veränderungen.

Aber sie können etwas an deinem Verhältnis zu dir selbst verändern.

Drei Fragen, die dir helfen können, genauer hinzusehen

Wenn du bemerkst, dass du dich in einer Situation wieder einmal zurücknehmen möchtest, musst du nicht sofort anders handeln.

Vielleicht reicht es zunächst, kurz innezuhalten und dich zu fragen:

1. Möchte ich das wirklich – oder möchte ich nur niemanden enttäuschen?

Manchmal stimmen wir zu, obwohl wir innerlich längst wissen, dass wir etwas anderes möchten.

2. Würde ich mit einem Menschen, den ich liebe, genauso streng umgehen wie mit mir selbst?

Vielleicht würdest du einer Freundin ihre Leistung nicht kleinreden oder ihr sagen, dass ihre Wünsche unwichtig sind.

3. Was würde ich sagen, wenn ich keine Angst hätte, unbequem zu wirken?

Nicht jede Antwort muss sofort ausgesprochen werden. Aber manchmal ist es wichtig, sie selbst erst einmal zu kennen.

Diese Fragen sollen dich nicht unter Druck setzen.

Sie können dir helfen, Gewohnheiten zu erkennen, die bisher beinahe automatisch abgelaufen sind.

Und vielleicht bemerkst du dabei, dass du mehr Möglichkeiten hast, als du bisher geglaubt hast.

Du darfst in deinem eigenen Leben vorkommen

Ich glaube, es gibt Menschen, die über viele Jahre sehr viel für andere getan haben.

Sie haben organisiert, geholfen, zugehört, vermittelt und Verantwortung übernommen.

Sie waren da, wenn jemand sie gebraucht hat.

Und vielleicht haben sie irgendwann kaum noch bemerkt, wie selten sie selbst gefragt haben, was ihnen eigentlich guttun würde.

Nicht unbedingt, weil andere Menschen es ihnen verboten hätten.

Sondern weil sie sich so sehr daran gewöhnt hatten, ihre eigenen Wünsche hintenanzustellen.

Wenn du dich darin wiedererkennst, musst du dein bisheriges Leben nicht verurteilen.

Vielleicht hast du damals so gehandelt, wie es dir möglich erschien.

Vielleicht war Anpassung manchmal notwendig. Vielleicht hat sie dir geholfen, schwierige Zeiten zu bewältigen.

Aber was dir früher geholfen hat, muss nicht für immer bestimmen, wie du heute lebst.

Du darfst neu entscheiden.

Du darfst deine Meinung aussprechen, ohne sie sofort wieder zurückzunehmen.

Du darfst stolz auf etwas sein, das dir gelungen ist.

Und du darfst deine eigenen Bedürfnisse genauso ernst nehmen wie die anderer Menschen.

Du musst dich nicht größer machen, als du bist. Aber du darfst aufhören, dich ständig kleiner zu machen.

Vielleicht beginnt genau dort ein anderes Verhältnis zu dir selbst.

Herzlichst

Gudrun Marquardt


Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst

Vielleicht begleitet dich schon lange das Gefühl, nicht ganz gut genug zu sein. Vielleicht zeigt es sich gar nicht in großen Selbstzweifeln, sondern in den kleinen Situationen des Alltags, in denen du dich immer wieder zurücknimmst.

In meinem Buch „Nicht gut genug“ beschäftige ich mich damit, wie solche inneren Überzeugungen entstehen und wie wir lernen können, uns selbst wieder mehr zu vertrauen.

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→ Weitere Gedanken und Tagesimpulse findest du hier auf meiner Webseite.