Gartenterrasse mit mehreren Stühlen und dem Gedanken, dass auch die eigenen Wünsche einen Platz haben dürfen.

„Ist mir egal.“ – Oder hast du dir abgewöhnt, nach deinen eigenen Wünschen zu fragen?

Stell dir vor, ihr plant einen gemeinsamen Ausflug.

Jemand schlägt ein Ziel vor, ein anderer möchte lieber woanders hin. Es wird diskutiert, überlegt und schließlich entschieden.

Du sitzt dabei und hörst zu.

Vielleicht hättest du selbst auch eine Idee gehabt. Einen Ort, den du schon lange besuchen möchtest. Etwas, das dir Freude machen würde.

Aber du sagst nichts.

Du möchtest die anderen nicht aufhalten. Vielleicht denkst du, dass dein Vorschlag ohnehin nicht so gut ankommen würde. Oder du möchtest einfach vermeiden, dass aus einer kleinen Entscheidung eine längere Diskussion wird.

Also fährst du mit.

Und irgendwann fällt dir auf, dass niemand gefragt hat, wohin du eigentlich gern gefahren wärst.

Wenn andere sich daran gewöhnen, für dich zu entscheiden

Manchmal entstehen solche Situationen nicht, weil andere Menschen grundsätzlich rücksichtslos sind.

Vielleicht haben sie einfach gelernt, dass du mit allem einverstanden bist.

Du sagst selten, was du möchtest. Du widersprichst kaum. Und wenn jemand einen Vorschlag macht, bist du meistens diejenige, die sagt: „Ja, das können wir machen.“

Mit der Zeit wird daraus eine Gewohnheit.

Die anderen entscheiden, und du passt dich an.

Vielleicht funktioniert das sogar viele Jahre ganz gut.

Bis du irgendwann bemerkst, dass deine Wünsche kaum noch eine Rolle spielen.

Und vielleicht bist du darüber enttäuscht.

Denn eigentlich würdest du dir wünschen, dass jemand von selbst daran denkt, dich zu fragen.

Doch wenn du immer wieder vermittelst, dass dir alles recht ist, können andere Menschen irgendwann glauben, dass es tatsächlich so ist.

Das macht deine Wünsche nicht weniger wichtig.

Aber vielleicht zeigt es, wie leicht sich ein Muster entwickeln kann, an dem mehrere Menschen beteiligt sind.

Vielleicht hast du gute Gründe, dich zurückzuhalten

Nicht jeder Mensch äußert seine Wünsche gleich offen.

Manche haben früh gelernt, dass ihre Meinung nicht besonders gefragt war. Vielleicht wurden ihre Vorschläge belächelt, abgewertet oder einfach übergangen.

Andere haben erlebt, dass es Streit gab, sobald sie etwas anderes wollten.

Dann kann es verständlich sein, sich lieber zurückzuhalten.

Manchmal erscheint es einfacher, nachzugeben, als eine unangenehme Reaktion auszuhalten.

Vielleicht hast du dich auch über viele Jahre um andere Menschen gekümmert und ihre Bedürfnisse so selbstverständlich berücksichtigt, dass du deine eigenen immer seltener ausgesprochen hast.

Irgendwann wird daraus ein Verhalten, über das du gar nicht mehr nachdenkst.

Du wartest ab, was die anderen möchten.

Und entscheidest dann, dass es für dich schon passen wird.

Rücksicht ist schön. Aber sie sollte nicht immer nur von einer Seite kommen.

Natürlich müssen wir nicht bei jeder Entscheidung unseren eigenen Willen durchsetzen.

Manchmal ist es uns tatsächlich egal, welches Restaurant wir besuchen oder welchen Film wir ansehen.

Manchmal möchten wir einem anderen Menschen eine Freude machen.

Und manchmal ist es einfach vernünftig, einen Kompromiss einzugehen.

Daran ist nichts falsch.

Schwierig wird es erst, wenn du grundsätzlich davon ausgehst, dass die Wünsche anderer Menschen wichtiger sind als deine eigenen.

Wenn du dich schon zurücknimmst, bevor überhaupt jemand widersprochen hat.

Oder wenn du dich später ärgerst, dass wieder einmal etwas entschieden wurde, das du eigentlich gar nicht wolltest.

Dann lohnt es sich vielleicht, genauer hinzuschauen.

Nicht auf die anderen allein.

Sondern auch darauf, welche Rolle du selbst in diesen Situationen übernommen hast.

Du darfst einen Vorschlag machen

Vielleicht beginnt eine Veränderung damit, dass du beim nächsten Mal nicht sofort zustimmst.

Du hörst dir an, was die anderen möchten.

Und dann sagst du:

„Ich hätte auch eine Idee.“

Oder:

„Ich würde heute gern etwas anderes machen.“

Vielleicht sind die anderen überrascht.

Vielleicht fragen sie nach.

Vielleicht findet dein Vorschlag Zustimmung. Vielleicht auch nicht.

Aber allein dadurch, dass du ihn ausgesprochen hast, verändert sich etwas.

Dein Wunsch ist nicht länger nur ein Gedanke, den niemand kennt.

Er bekommt einen Platz im Gespräch.

Und selbst wenn ihr euch am Ende anders entscheidet, hast du dich nicht schon vorher ausgeschlossen.

Nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden, um wichtig zu sein

Vielleicht ist das ein Gedanke, den wir uns öfter bewusst machen dürfen.

Wenn du sagst, was du möchtest, bedeutet das nicht, dass alle anderen sich danach richten müssen.

Dein Wunsch darf neben den Wünschen anderer stehen.

Ihr könnt darüber sprechen, abwägen und gemeinsam entscheiden.

Manchmal wirst du nachgeben.

Manchmal werden andere auf dich eingehen.

Und manchmal findet ihr eine Möglichkeit, mit der alle zufrieden sind.

Aber das kann nur geschehen, wenn die Menschen um dich herum überhaupt wissen, was du möchtest.

Niemand kann deine Gedanken zuverlässig erraten.

Auch Menschen, die dich lieben, wissen nicht immer, was in dir vorgeht.

Deshalb ist es wichtig, dass du dich selbst nicht ständig aus dem Gespräch herausnimmst.

Vielleicht darfst du wieder sichtbarer werden

Wenn du lange gewohnt warst, dich anzupassen, kann es ungewohnt sein, eigene Wünsche auszusprechen.

Vielleicht fühlst du dich zunächst egoistisch.

Vielleicht überlegst du, ob du damit jemandem Umstände machst.

Aber einen Wunsch zu äußern ist noch keine Forderung.

Eine Meinung zu haben bedeutet nicht, dass du anderen ihre Meinung nehmen möchtest.

Und etwas anderes vorzuschlagen heißt nicht, dass du unzufrieden oder schwierig bist.

Du darfst als Mensch mit eigenen Vorstellungen wahrgenommen werden.

Vielleicht werden andere eine Weile brauchen, um sich daran zu gewöhnen, dass du häufiger sagst, was du möchtest.

Vielleicht wird es auch Situationen geben, in denen du bemerkst, dass deine Wünsche tatsächlich wenig berücksichtigt werden.

Dann darfst du überlegen, wie du damit umgehen möchtest.

Aber der erste Schritt kann ganz klein sein.

Vielleicht sagst du beim nächsten gemeinsamen Plan einfach einmal, was dir gefallen würde.

Ohne lange Erklärung.

Ohne dich dafür zu entschuldigen.

Und ohne deinen Wunsch sofort wieder zurückzunehmen.

Denn wenn du möchtest, dass deine Wünsche in deinem Leben einen Platz haben, dürfen andere Menschen sie auch kennenlernen.

Herzlichst

Gudrun Marquardt


Ein Gedanke zum Mitnehmen

Achte heute einmal darauf, ob du wirklich einverstanden bist oder ob du zustimmst, weil es einfacher erscheint.

Vielleicht gibt es eine kleine Gelegenheit, bei der du sagen kannst:

„Ich würde heute gern etwas anderes machen.“

Wenn du dich häufig anpasst, um niemanden zu enttäuschen, findest du in meinem Buch Nicht gut genug weitere Gedanken darüber, wie alte Erfahrungen unser Verhalten beeinflussen und wie wir lernen können, uns selbst wieder mehr zu vertrauen.

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