Text: Ein heller Raum mit Blick in den Garten und dem Gedanken, dass das Leben mehr sein darf als ein funktionierender Alltag.

Ist das jetzt alles? Wenn dein Leben funktioniert – aber etwas in dir wieder lebendig werden möchte

Vielleicht kennst du diese Momente, in denen du mitten in deinem ganz gewöhnlichen Alltag plötzlich innehältst und dich fragst: Ist das jetzt eigentlich alles?

Nicht unbedingt, weil du unglücklich bist. Vielleicht hast du ein Zuhause, Menschen, die dir wichtig sind, deine Aufgaben und deine Gewohnheiten. Du stehst morgens auf, erledigst, was erledigt werden muss, kümmerst dich um die Dinge, die anstehen, und am Abend ist wieder ein Tag vergangen.

Eigentlich ist alles in Ordnung.

Und trotzdem gibt es manchmal diesen leisen Gedanken, dass dein Leben aus mehr bestehen könnte als aus dem, was du jeden Tag tust.

Vielleicht erschrickst du sogar ein wenig darüber. Denn darf man sich überhaupt mehr wünschen, wenn man doch eigentlich zufrieden sein müsste?

Ich glaube, genau an dieser Stelle beginnt eine Frage, die wir uns viel zu selten erlauben.

Wenn alles seinen Platz hat – nur du selbst nicht mehr richtig

Ein Alltag kann erstaunlich gut funktionieren, auch wenn wir selbst darin immer weniger vorkommen.

Wir wissen, wann wir aufstehen müssen, welche Aufgaben auf uns warten und was andere Menschen von uns brauchen. Vieles läuft inzwischen beinahe automatisch.

Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Gewohnheiten erleichtern uns das Leben. Sie geben Sicherheit und helfen uns, unseren Alltag zu bewältigen.

Aber manchmal werden aus Gewohnheiten Grenzen, die wir gar nicht mehr bemerken.

Wir gehen immer dieselben Wege, machen dieselben Dinge und verschieben unsere eigenen Wünsche auf einen späteren Zeitpunkt. Nicht unbedingt, weil jemand es verlangt. Oft haben wir uns einfach daran gewöhnt.

Vielleicht möchtest du schon lange einen bestimmten Ort besuchen. Vielleicht würdest du gern wieder etwas Kreatives machen, eine Sprache lernen oder dich mit etwas beschäftigen, das überhaupt keinen praktischen Nutzen hat.

Aber dann kommt der Alltag dazwischen.

Und weil morgen wieder ein Tag ist, verschiebst du es.

Bis aus einem gelegentlichen „Später“ irgendwann ein ganzes Lebensgefühl geworden ist.

Man kann dankbar sein und sich trotzdem etwas anderes wünschen

Ich finde, wir sollten mit diesem Gefühl vorsichtig umgehen.

Nicht jede Frau, die sich nach etwas Neuem sehnt, ist mit ihrem bisherigen Leben unzufrieden. Und nicht jeder Wunsch nach Veränderung bedeutet, dass etwas falsch gelaufen ist.

Vielleicht bist du dankbar für vieles, was du hast.

Vielleicht liebst du dein Zuhause, deine Familie oder dein vertrautes Umfeld.

Vielleicht möchtest du davon überhaupt nichts aufgeben.

Und trotzdem darfst du spüren, dass etwas in dir wieder mehr Raum haben möchte.

Dankbarkeit bedeutet nicht, dass du keine Wünsche mehr haben darfst.

Manchmal behandeln wir unser Leben, als müssten wir uns zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht entscheiden. Entweder wir sind glücklich mit dem, was wir haben, oder wir wollen etwas anderes.

Aber so einfach ist das nicht.

Du kannst dein Leben mögen und trotzdem neugierig darauf sein, was noch möglich ist.

Du kannst dich in deinem Zuhause wohlfühlen und trotzdem neue Orte sehen wollen.

Du kannst Menschen lieben und trotzdem Zeit brauchen, die nur dir gehört.

Vielleicht beginnt eine neue Lebensphase nicht damit, dass du dein bisheriges Leben ablehnst. Vielleicht beginnt sie damit, dass du ihm etwas hinzufügst.

Wann hast du aufgehört, dich auf etwas zu freuen?

Denk einmal an eine Zeit zurück, in der du dich auf etwas richtig gefreut hast.

Vielleicht war es eine Reise, ein Besuch, ein Konzert oder etwas, das du zum ersten Mal ausprobieren wolltest. Schon Tage vorher hast du daran gedacht. Du hast dir vorgestellt, wie es sein würde, und allein diese Vorfreude hat deinen Alltag ein bisschen verändert.

Wann hast du dieses Gefühl zuletzt erlebt?

Ich meine nicht die Erleichterung, wenn eine anstrengende Woche vorbei ist oder endlich alles erledigt wurde.

Ich meine echte Vorfreude.

Etwas, das du nicht tun musst, sondern tun möchtest.

Vielleicht liegt genau hier ein Unterschied, den wir im Laufe der Jahre manchmal aus den Augen verlieren.

Wir planen zuverlässig, was erledigt werden muss. Arzttermine, Einkäufe, Verpflichtungen, Reparaturen und all die kleinen Dinge, die unseren Alltag zusammenhalten.

Aber wie oft planen wir eigentlich etwas, auf das wir uns freuen?

Manchmal warten wir darauf, dass sich irgendwann eine Gelegenheit ergibt.

Dabei dürfen wir uns solche Gelegenheiten auch selbst schaffen.

Vielleicht vermisst du nicht dein früheres Leben

Wenn wir das Gefühl haben, dass etwas fehlt, schauen wir häufig zurück.

Wir erinnern uns an frühere Jahre, an Menschen, mit denen wir viel gelacht haben, an Reisen oder an eine Zeit, in der vieles noch offen war.

Vielleicht denken wir dann, dass das Leben damals lebendiger gewesen sei.

Aber vielleicht vermissen wir gar nicht unbedingt diese Zeit.

Vielleicht vermissen wir ein Gefühl, das wir damals häufiger hatten.

Neugier.

Vorfreude.

Das Gefühl, dass etwas passieren könnte, mit dem wir noch nicht gerechnet haben.

Vielleicht vermissen wir auch die Frau, die sich Dinge zugetraut hat, ohne vorher alles zu wissen.

Doch du musst nicht wieder die Frau von damals werden.

Du bist heute eine andere. Du hast Erfahrungen gemacht, vieles gelernt und möglicherweise auch einiges durchgestanden.

Du darfst mit all dem, was heute zu dir gehört, neue Erfahrungen machen.

Es muss sich nicht anfühlen wie früher.

Vielleicht darf es sich sogar besser anfühlen, weil du heute bewusster entscheiden kannst, was dir wirklich wichtig ist.

Ein lebendiges Leben muss nicht aufregend aussehen

Wenn wir von einem erfüllten Leben sprechen, entstehen schnell große Bilder.

Reisen in ferne Länder. Neue Beziehungen. Ein völlig anderer Beruf. Abenteuer, von denen man später erzählen kann.

Aber vielleicht ist das gar nicht das, wonach du suchst.

Vielleicht möchtest du einfach wieder öfter einen Tag erleben, an dem du abends denkst: Das war schön.

Nicht, weil du besonders viel geschafft hast.

Sondern weil etwas darin war, das dir Freude gemacht hat.

Ein spontaner Ausflug. Ein gutes Gespräch. Ein Nachmittag ohne Verpflichtungen. Etwas Neues lernen. Wieder einmal Musik hören und dabei die Zeit vergessen.

Vielleicht auch ein eigenes Projekt, das du lange aufgeschoben hast.

Es geht nicht darum, möglichst viel zu erleben oder ständig beschäftigt zu sein.

Denn auch das könnte wieder zu einer neuen Form von Druck werden.

Es geht darum, dass dein Leben nicht nur aus dem besteht, was getan werden muss.

Dass du wieder etwas hast, auf das du dich freust.

Und dass du nicht immer erst warten musst, bis alles andere erledigt ist.

Du musst nicht dein ganzes Leben verändern

Vielleicht denkst du jetzt: Das klingt schön, aber mein Alltag lässt sich nicht einfach umstellen.

Das stimmt.

Es gibt Verpflichtungen, die bleiben. Menschen, die uns brauchen. Finanzielle Grenzen. Gesundheitliche Einschränkungen. Und manchmal fehlt schlicht die Kraft.

Deshalb möchte ich dir auch nicht sagen, du müsstest jetzt endlich aus deiner Komfortzone ausbrechen oder dein Leben völlig neu gestalten.

Vielleicht wäre das sogar genau der falsche Weg.

Denn wenn du bereits viel trägst, brauchst du nicht noch eine Aufgabe, bei der du das Gefühl hast, etwas leisten zu müssen.

Vielleicht reicht es zunächst, wieder wahrzunehmen, was dich interessiert.

Was würdest du gern einmal sehen?

Was möchtest du lernen?

Mit wem würdest du gern mehr Zeit verbringen?

Was hast du schon lange nicht mehr gemacht, obwohl es dir früher Freude bereitet hat?

Und gibt es vielleicht etwas, das du noch nie getan hast, aber gern einmal ausprobieren würdest?

Du musst daraus heute keinen Plan machen.

Aber vielleicht darfst du einen dieser Wünsche ernst nehmen.

Nicht als Pflicht.

Sondern als Möglichkeit.

Was möchtest du noch erleben?

Ich glaube, diese Frage verändert sich im Laufe unseres Lebens.

Früher wollten wir vielleicht etwas erreichen, etwas aufbauen oder beweisen, dass wir es schaffen können.

Später wird manches davon weniger wichtig.

Vielleicht merken wir, dass wir nicht mehr alles haben müssen, was andere besitzen. Dass Anerkennung nicht dasselbe ist wie Zufriedenheit. Und dass ein voller Terminkalender noch lange kein erfülltes Leben bedeutet.

Vielleicht wird dann eine andere Frage wichtiger:

Wie möchte ich die Zeit verbringen, die vor mir liegt?

Nicht jede Antwort muss groß sein.

Und nicht jeder Wunsch wird sich erfüllen lassen.

Aber es macht einen Unterschied, ob wir überhaupt noch danach fragen.

Denn vielleicht fehlt deinem Leben gar nicht die große Veränderung.

Vielleicht fehlt ihm nur hin und wieder etwas, das du nicht aus Gewohnheit tust.

Etwas, das dich neugierig macht.

Etwas, das dich wieder daran erinnert, dass du nicht nur für deine Aufgaben da bist.

Du bist auch hier, um dein eigenes Leben zu erleben.

Und vielleicht ist genau das der Gedanke, den ich dir heute mitgeben möchte:

Dein Leben muss nicht erst schlecht sein, damit du dir noch etwas Schönes wünschen darfst.

Herzlichst

Gudrun Marquardt

Ein Gedanke zum Mitnehmen

Vielleicht fragst du dich heute nicht, was du noch alles schaffen musst.

Vielleicht fragst du dich stattdessen einmal:

Worauf möchte ich mich in meinem Leben wieder freuen können?

Wenn du dich oft selbst zurückstellst, an deinen Wünschen zweifelst oder das Gefühl hast, erst für andere da sein zu müssen, bevor du an dich denken darfst, findest du in meinem Buch Nicht gut genug weitere Gedanken darüber, wie alte Überzeugungen unser Leben prägen und wie wir lernen können, uns selbst wieder mehr zu vertrauen.

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