Wenn du dich selbst irgendwo unterwegs verloren hast – wie du langsam wieder zu dir zurückfindest
Vielleicht gibt es keinen Tag, an dem man sich selbst verliert.
Keinen großen Moment, an den man später zurückdenken und sagen könnte:
Da ist es passiert. Da habe ich aufgehört, ich selbst zu sein.
Vielleicht geschieht es viel leiser.
Du übernimmst etwas, weil es gerade notwendig ist.
Du kümmerst dich um jemanden.
Du stellst einen eigenen Wunsch zurück, weil etwas anderes wichtiger ist.
Du funktionierst durch eine schwierige Zeit.
Du bist vernünftig.
Du passt dich an.
Du hältst durch.
Und nichts davon muss falsch sein.
Das Leben verlangt uns manchmal Dinge ab, die wir uns nicht ausgesucht haben. Menschen brauchen uns. Verantwortung gehört dazu. Es gibt Zeiten, in denen unsere eigenen Wünsche tatsächlich warten müssen.
Das Problem beginnt vielleicht erst dann, wenn aus einer Zeit unser ganzes Leben wird.
Wenn wir irgendwann gar nicht mehr merken, dass wir uns selbst immer wieder nach hinten stellen.
Bis eines Tages eine merkwürdig einfache Frage auftaucht:
Was möchte ich eigentlich?
Und wir keine Antwort mehr darauf haben.
Sich selbst zu verlieren fühlt sich nicht immer dramatisch an
Vielleicht funktioniert dein Leben sogar ziemlich gut.
Du gehst arbeiten.
Du erledigst deine Aufgaben.
Du kümmerst dich.
Andere können sich auf dich verlassen.
Von außen sieht vielleicht überhaupt niemand, dass etwas fehlt.
Und möglicherweise kannst du es selbst lange nicht benennen.
Du bist nicht unbedingt unglücklich.
Aber auch nicht richtig lebendig.
Es gibt Tage, die einfach vorbeigehen.
Wochen.
Manchmal Jahre.
Du machst, was getan werden muss.
Und irgendwann merkst du:
Ich komme in meinem eigenen Leben kaum noch vor.
Dieser Satz kann weh tun.
Aber vielleicht ist er gleichzeitig etwas anderes.
Ein Anfang.
Denn sobald du bemerkst, dass du dich vermisst, gibt es offensichtlich noch etwas in dir, das sich erinnert.
Vielleicht musst du dich gar nicht neu erfinden
Wenn Menschen merken, dass etwas fehlt, entsteht schnell der nächste Druck:
Jetzt muss ich herausfinden, wer ich wirklich bin.
Und schon wird sogar die Rückkehr zu uns selbst zum nächsten Projekt.
Wir suchen Antworten.
Lesen.
Analysieren.
Überlegen, was wir verändern sollten.
Vielleicht brauchen wir das manchmal.
Aber ich glaube inzwischen, dass wir uns nicht immer neu erfinden müssen.
Vielleicht müssen wir uns zunächst wieder bemerken.
Das ist etwas anderes.
Wie reagierst du auf etwas?
Was tut dir gut?
Was macht dich müde?
Wann wirst du plötzlich lebendig?
Bei welchen Menschen wirst du still?
Wann lachst du, ohne darüber nachzudenken?
Was interessiert dich, obwohl es überhaupt keinen Nutzen hat?
Was würdest du gerne einmal ausprobieren, wenn niemand deine Entscheidung bewerten würde?
Das sind keine großen Lebensfragen.
Und vielleicht liegt genau darin ihre Kraft.
Fang nicht mit deinem ganzen Leben an
Wenn wir lange funktioniert haben, kann die Frage „Was will ich eigentlich?“ viel zu groß sein.
Vielleicht weißt du es wirklich nicht.
Dann musst du keine Antwort erzwingen.
Frag kleiner.
Was möchte ich heute?
Nicht für die nächsten zehn Jahre.
Nicht für alle anderen.
Nicht vernünftig.
Heute.
Vielleicht möchtest du Ruhe.
Vielleicht möchtest du hinaus.
Vielleicht möchtest du jemanden sehen.
Vielleicht möchtest du allein sein.
Vielleicht möchtest du etwas beginnen.
Oder endlich etwas nicht tun.
Das klingt unspektakulär.
Aber wenn du lange hauptsächlich darauf gehört hast, was notwendig ist, kann ein ehrliches „Das möchte ich“ etwas sehr Bedeutendes sein.
Denn damit passiert etwas:
Du hörst deine eigene Stimme wieder.
Vielleicht erst ganz leise.
Deine Wünsche müssen sich nicht rechtfertigen
Das finde ich besonders wichtig.
Wir sind erstaunlich schnell darin, unsere Wünsche zu prüfen.
Ist das sinnvoll?
Kann ich mir das erlauben?
Was bringt mir das?
Was denken andere?
Bin ich nicht zu alt dafür?
Und ehe ein Wunsch überhaupt richtig da sein darf, haben wir ihn schon wieder vernünftig gemacht.
Vielleicht möchtest du etwas lernen, obwohl du es beruflich niemals brauchen wirst.
Vielleicht möchtest du verreisen.
Schreiben.
Tanzen.
Einen Garten anlegen.
Deine Wohnung verändern.
Wieder schöne Kleidung tragen.
Allein einen Kaffee trinken gehen.
Ein Instrument lernen.
Oder einfach häufiger einen Nachmittag haben, an dem du niemandem etwas schuldest.
Ein Wunsch muss nicht immer der Beginn eines neuen Lebensplans sein.
Manchmal darf er einfach zeigen, dass noch Leben in dir ist.
Vielleicht musst du lernen, dich wieder ernst zu nehmen
Nicht jeder Wunsch kann erfüllt werden.
Nicht jede Situation lässt sich sofort verändern.
Wir haben Verpflichtungen, finanzielle Grenzen, gesundheitliche Grenzen und Menschen, die uns wichtig sind.
Zurück zu sich selbst zu finden bedeutet nicht, all das plötzlich zu ignorieren.
Aber vielleicht bedeutet es, dass die eigene Stimme wieder mit am Tisch sitzt.
Nicht mehr:
Was brauchen alle anderen – und was bleibt dann für mich übrig?
Sondern:
Was brauchen die anderen – und was brauche auch ich?
Dieses kleine Wort auch verändert viel.
Denn du musst dich nicht zwischen dir und allen anderen entscheiden.
Vielleicht musst du nur aufhören, dich selbst grundsätzlich aus der Rechnung zu streichen.
Die Rückkehr zu dir beginnt vielleicht unspektakulär
Nicht mit einer großen Kündigung.
Nicht mit einem neuen Leben.
Nicht damit, dass du plötzlich keine Zweifel mehr hast.
Vielleicht beginnt sie an einem Mittwochabend, an dem du sagst:
Nein, heute nicht.
An einem Sonntag, an dem du etwas machst, nur weil es dir Freude bereitet.
Mit einem Wunsch, den du diesmal nicht sofort wegdiskutierst.
Mit einer Entscheidung, die nicht jeder verstehen muss.
Mit einer Stunde, die du nicht sofort wieder mit einer Aufgabe füllst.
Oder mit dem Gedanken:
Ich möchte in meinem eigenen Leben wieder vorkommen.
Vielleicht ist das genug für den Anfang.
Du bist noch da
Das ist vielleicht das Wichtigste, was ich heute sagen möchte.
Wenn du das Gefühl hast, dich irgendwo unterwegs verloren zu haben, bedeutet das nicht, dass die Frau, die du einmal warst, verschwunden ist.
Und vielleicht geht es auch gar nicht darum, wieder genau diese Frau zu werden.
Du hast gelebt.
Erfahrungen gemacht.
Dinge überstanden.
Dich verändert.
Vielleicht ist die Rückkehr zu dir deshalb keine Reise zurück.
Vielleicht ist sie eine Begegnung mit der Frau, die heute da ist.
Mit allem, was sie inzwischen weiß.
Mit ihren Grenzen.
Mit ihrer Stärke.
Mit ihren Wünschen.
Und vielleicht auch mit einer Neugier, die lange keinen Platz hatte.
Du musst heute noch nicht wissen, wie dein nächstes Kapitel aussieht.
Aber vielleicht darfst du anfangen, dich wieder darin vorkommen zu lassen.
Frag dich deshalb heute nicht:
Wer muss ich werden?
Frag dich:
Was von mir möchte wieder mehr Platz in meinem Leben haben?
Und hör einen Moment hin.
Vielleicht ist die Antwort leiser, als du erwartet hast.
Aber vielleicht ist sie schon da.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
Wenn du dich selbst wieder spüren möchtest
Zurück zu dir zu finden bedeutet nicht, dein ganzes Leben auf einmal verändern zu müssen. Manchmal beginnt es damit, wieder wahrzunehmen, was in dir geschieht – deine Gedanken, deine Grenzen, deine Bedürfnisse und die leisen Signale, die im Alltag schnell untergehen.
Genau darum geht es auch in meinem Buch „Achtsamkeit – Die Rückkehr zu dir“.
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