Was bleibt von dir, wenn du nicht mehr nur gebraucht wirst?
Gebraucht zu werden kann sich schön anfühlen.
Jemand fragt nach deinem Rat.
Jemand braucht deine Hilfe.
Du bist diejenige, die angerufen wird, wenn etwas nicht funktioniert.
Du weißt, was zu tun ist.
Und vielleicht gibt es Menschen in deinem Leben, für die du über viele Jahre ganz selbstverständlich da warst.
Das verbindet.
Es gibt uns auch das Gefühl, wichtig zu sein.
Daran ist überhaupt nichts falsch.
Aber irgendwann kann sich etwas verändern.
Menschen brauchen uns weniger.
Kinder werden selbstständiger.
Aufgaben fallen weg.
Beziehungen verändern sich.
Vielleicht können andere plötzlich Dinge allein, um die wir uns jahrelang gekümmert haben.
Eigentlich müssten wir erleichtert sein.
Und trotzdem kann sich etwas merkwürdig leer anfühlen.
Wenn niemand etwas braucht, wird es plötzlich still
Vielleicht kennst du solche Momente.
Endlich wäre Zeit.
Niemand verlangt gerade etwas.
Du könntest tun, worauf du Lust hast.
Und dann sitzt du da und weißt plötzlich gar nicht:
Worauf habe ich eigentlich Lust?
Diese Frage finde ich viel größer, als sie zunächst klingt.
Denn wenn wir über Jahre vor allem darauf achten, was andere brauchen, trainieren wir etwas sehr gut:
Wir bemerken ihre Bedürfnisse.
Wir sehen, was getan werden muss.
Wir spüren, wenn irgendwo etwas nicht stimmt.
Wir denken voraus.
Nur eine andere Stimme wird dabei manchmal immer leiser:
die eigene.
Nicht weil sie verschwunden wäre.
Vielleicht wurde sie einfach sehr lange nicht gefragt.
Wer bist du, wenn gerade niemand etwas von dir möchte?
Diese Frage kann ungewohnt sein.
Vielleicht sogar ein bisschen unangenehm.
Denn natürlich bist du Mutter, Partnerin, Kollegin, Freundin, Tochter oder diejenige, auf die andere sich verlassen.
Aber du bist nicht nur das.
Da ist auch eine Frau mit eigenen Gedanken.
Mit Dingen, über die sie lachen kann.
Mit Neugier.
Mit Vorlieben.
Mit Träumen, von denen vielleicht manche ziemlich klein und andere überraschend groß sind.
Mit Dingen, die sie noch sehen möchte.
Mit etwas, das sie vielleicht lernen möchte.
Mit Musik, die sie mag.
Mit Orten, an denen sie gerne wäre.
Mit einem Leben, das nicht erst dann einen Wert bekommt, wenn jemand anderes etwas davon hat.
Vielleicht haben wir genau das manchmal vergessen.
Es ist ein Unterschied, wichtig zu sein und gebraucht zu werden
Darüber habe ich nachgedacht.
Wir können einem Menschen wichtig sein, ohne ständig etwas für ihn tun zu müssen.
Wir können geliebt werden, ohne permanent nützlich zu sein.
Wir können dazugehören, ohne jede Lücke zu füllen.
Und wir dürfen einen Platz im Leben anderer haben, obwohl wir gerade nichts leisten.
Das klingt eigentlich selbstverständlich.
Aber wenn man lange über das Funktionieren Anerkennung bekommen hat, kann sich genau das erstaunlich ungewohnt anfühlen.
Dann tun wir vielleicht weiter.
Nicht nur, weil etwas getan werden muss.
Sondern weil das Tun uns bestätigt:
Ich werde gebraucht. Also bin ich wichtig.
Doch vielleicht darf sich dieser Satz irgendwann verändern.
Zu:
Ich bin wichtig – auch wenn gerade niemand etwas von mir braucht.
Vielleicht ist die Leere gar keine Leere
Vielleicht ist sie Platz.
Dieser Gedanke gefällt mir.
Wenn eine Aufgabe wegfällt, eine Rolle kleiner wird oder andere Menschen selbstständiger werden, entsteht zunächst etwas, das wir nicht kennen.
Zeit.
Raum.
Stille.
Und vielleicht versuchen wir viel zu schnell, diesen Raum wieder zu füllen.
Mit der nächsten Aufgabe.
Dem nächsten Menschen, um den wir uns kümmern.
Dem nächsten Projekt.
Vielleicht sollten wir manchmal ein wenig warten.
Denn was, wenn dort nicht nur Leere entstanden ist?
Was, wenn dort Platz für dich entstanden ist?
Für etwas, das lange warten musste.
Vielleicht weißt du heute noch gar nicht, womit du diesen Platz füllen möchtest.
Das musst du auch nicht.
Vielleicht reicht es zunächst, ihn nicht sofort wieder herzugeben.
Frag dich nicht nur, wer dich braucht
Frag dich auch:
Was brauche ich?
Was interessiert mich?
Was macht mir Freude?
Was würde ich gerne einmal ausprobieren?
Was habe ich vielleicht jahrelang verschoben?
Nicht jede Antwort muss vernünftig sein.
Und nicht aus jeder Antwort muss ein neues Ziel entstehen.
Vielleicht möchtest du einfach öfter draußen sein.
Wieder lesen.
Etwas gestalten.
Eine Stadt besuchen, die du noch nicht kennst.
Musik hören.
Etwas lernen.
Menschen treffen, bei denen du nicht immer die Starke sein musst.
Oder vielleicht möchtest du erst einmal herausfinden, was du überhaupt möchtest.
Auch das ist ein Anfang.
Denn zurück ins eigene Leben zu finden bedeutet nicht, plötzlich nur noch an sich selbst zu denken.
Es bedeutet vielleicht etwas viel Einfacheres:
Dich selbst wieder mit in dein Leben hineinzunehmen.
Nicht erst, wenn alle anderen versorgt sind.
Nicht nur in der Zeit, die zufällig übrig bleibt.
Sondern als einen Menschen, der ebenfalls darin vorkommen darf.
Und vielleicht ist das die Frage für heute:
Wenn heute niemand etwas von dir bräuchte – was würdest du mit diesem Tag machen?
Hör nicht sofort auf die vernünftige Antwort.
Vielleicht kommt darunter noch eine andere.
Eine, die du lange nicht gefragt hast.
Deine.
Herzlichst
Gudrun Marquardt