Zu viel Verantwortung übernehmen und lernen, Aufgaben und Belastungen loszulassen, die nicht mehr zum eigenen Leben gehören.

Nicht alles, was du kannst, musst du weiterhin tragen

Manche Dinge übernehmen wir nicht bewusst.

Sie wachsen langsam in unser Leben hinein.

Vielleicht brauchte jemand eine Zeit lang unsere Hilfe. Vielleicht gab es eine schwierige Phase, in der wir mehr Verantwortung übernehmen mussten. Vielleicht waren wir diejenigen, die einen klaren Kopf behielten, während um uns herum vieles durcheinandergeriet.

Also haben wir gemacht, was nötig war.

Wir haben organisiert, aufgefangen, mitgedacht, geregelt.

Und irgendwann wurde aus einer Ausnahme eine Gewohnheit.

Niemand hat gesagt:

Ab heute ist das für immer deine Aufgabe.

Aber irgendwie ist es trotzdem so geworden.

Was einmal notwendig war, muss nicht für immer notwendig bleiben

Das ist ein Gedanke, den ich wichtig finde.

Denn wir hinterfragen neue Aufgaben oft sehr viel stärker als alte.

Bei etwas Neuem überlegen wir:

Habe ich dafür überhaupt Zeit?

Will ich das?

Kann jemand anderes das übernehmen?

Aber bei Dingen, die wir seit Jahren tun, stellen wir diese Fragen kaum noch.

Wir machen sie.

Weil wir sie gestern gemacht haben.

Und vorgestern.

Und wahrscheinlich schon vor fünf Jahren.

Vielleicht kümmern wir uns um Dinge, die andere längst selbst erledigen könnten.

Vielleicht halten wir Beziehungen am Laufen, die nur noch funktionieren, weil wir uns ständig darum bemühen.

Vielleicht lösen wir Probleme, bevor jemand überhaupt darum gebeten hat.

Vielleicht tragen wir Sorgen für Menschen, deren Leben wir gar nicht leben können.

Nicht weil wir kontrollieren wollen.

Oft sogar aus Liebe.

Aus Verantwortungsgefühl.

Oder weil wir wissen, wie es ist, wenn niemand da ist.

Und trotzdem bleibt eine Frage:

Gehört das heute wirklich noch zu mir?

Loslassen kann sich zuerst falsch anfühlen

Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum wir so lange weitermachen.

Wenn du etwas jahrelang getragen hast und plötzlich einen Teil davon abgibst, fühlt sich das nicht unbedingt sofort befreiend an.

Vielleicht fühlst du dich egoistisch.

Unzuverlässig.

Vielleicht hast du ein schlechtes Gewissen.

Oder du denkst:

So bin ich doch gar nicht.

Denn manchmal geben wir nicht nur eine Aufgabe ab.

Wir verändern eine Rolle.

Die Frau, die immer hilft.

Die Mutter, die alles regelt.

Die Kollegin, die einspringt.

Die Freundin, die immer zuhört.

Diejenige, die niemanden hängen lässt.

Und plötzlich entsteht eine merkwürdige Frage:

Wer bin ich, wenn ich das nicht mehr immer mache?

Vielleicht ist genau das der schwierige Teil.

Du musst nicht alles fallen lassen

Darum geht es überhaupt nicht.

Wir brauchen einander.

Menschen füreinander da zu sein, gehört für mich zu einem guten Leben.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der jeder nur noch fragt: Was bringt mir das?

Aber zwischen füreinander da sein und für alles verantwortlich sein liegt ein großer Unterschied.

Vielleicht darfst du helfen, ohne alles zu übernehmen.

Vielleicht darfst du lieben, ohne jedes Problem zu lösen.

Vielleicht darfst du zuverlässig sein, ohne jederzeit verfügbar zu sein.

Vielleicht darfst du jemanden unterstützen und ihm trotzdem zutrauen, seinen eigenen Weg zu gehen.

Und vielleicht ist genau das manchmal sogar liebevoller.

Leg heute gedanklich eine Sache ab

Nicht für immer.

Nur für einen Moment.

Etwas, worum du dich schon lange kümmerst.

Eine Aufgabe.

Eine Sorge.

Eine Verantwortung.

Und dann stell dir vor, du würdest sie nicht automatisch wieder aufnehmen.

Was passiert in dir?

Erleichterung?

Unruhe?

Schuld?

Angst davor, was andere denken könnten?

Vielleicht sagt genau diese Reaktion etwas darüber, warum du sie noch trägst.

Und dann frag dich:

Trage ich das, weil es heute wirklich meine Verantwortung ist – oder weil ich irgendwann gelernt habe, dass ich dafür verantwortlich sein muss?

Du musst heute nichts entscheiden.

Aber vielleicht darfst du anfangen zu unterscheiden.

Zwischen dem, was wirklich zu deinem Leben gehört.

Und dem, was du irgendwann übernommen hast und seitdem einfach weiterträgst.

Denn vielleicht ist nicht alles, was du loslässt, ein Verlust.

Manches, das du ablegst, gibt dir ein Stück von dir selbst zurück.

Herzlichst
Gudrun Marquardt

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