Vielleicht bist du nicht erschöpft vom Leben – sondern vom ständigen Müssen
Manchmal ist es gar nicht die Menge der Dinge, die uns müde macht.
Es ist dieses Gefühl, dass alles erledigt werden muss.
Ich muss noch einkaufen.
Ich muss mich darum kümmern.
Ich muss daran denken.
Ich muss mich melden.
Ich muss vernünftig sein.
Ich muss durchhalten.
Ich muss das noch fertig machen.
Und irgendwo zwischen all diesen kleinen und großen Verpflichtungen kommt vielleicht noch ein weiterer Satz dazu:
Ich müsste eigentlich auch einmal etwas für mich tun.
Selbst das wird dann zur Aufgabe.
Das finde ich fast ein bisschen verrückt.
Sogar Erholung landet irgendwann auf unserer inneren Liste.
Nicht jede Aufgabe ist das Problem
Natürlich gibt es Dinge, die getan werden müssen.
Rechnungen verschwinden nicht, weil wir keine Lust darauf haben. Ein Haushalt erledigt sich nicht von allein. Arbeit, Familie und Verpflichtungen gehören zu unserem Leben.
Darum geht es mir nicht.
Mich beschäftigt etwas anderes:
Wie viel von unserem Müssen ist wirklich notwendig – und wie viel davon haben wir irgendwann einfach übernommen?
Vielleicht muss das Haus gar nicht immer so aussehen.
Vielleicht musst du nicht sofort antworten.
Vielleicht musst du nicht jedes Problem lösen, von dem du erfährst.
Vielleicht musst du nicht überall dabei sein.
Vielleicht musst du nicht jeden enttäuschten Blick verhindern.
Vielleicht musst du auch nicht ständig beweisen, dass auf dich Verlass ist.
Und plötzlich wird aus einer scheinbar kleinen Frage eine ziemlich große:
Wer hat eigentlich entschieden, was ich alles muss?
Manche Pflichten stehen auf keiner Liste
Die anstrengendsten Aufgaben sind manchmal gar nicht die sichtbaren.
Es ist das Mitdenken.
Das Erinnern.
Das Vorausplanen.
Das Gefühl, verantwortlich zu sein.
Die Gedanken, die noch abends mit ins Bett kommen.
Habe ich daran gedacht?
Ich darf das morgen nicht vergessen.
Darum muss ich mich auch noch kümmern.
Der Körper liegt vielleicht längst auf dem Sofa.
Aber innerlich sind wir immer noch im Dienst.
Vielleicht erklärt das auch, warum ein freier Nachmittag manchmal überhaupt nicht frei wirkt.
Es gibt nichts Dringendes zu tun – und trotzdem können wir nicht richtig abschalten.
Denn das Müssen sitzt längst nicht mehr im Kalender.
Es sitzt im Kopf.
Was wäre, wenn du heute aus einem „Muss“ ein „Ich entscheide“ machst?
Nicht bei allem.
Aber vielleicht bei einer Sache.
Statt:
Ich muss heute noch spazieren gehen.
Vielleicht:
Ich möchte hinaus, weil mir die Luft guttut.
Statt:
Ich muss mich endlich um mich selbst kümmern.
Vielleicht:
Ich möchte heute eine Stunde für mich haben.
Und manchmal wird aus:
Ich muss das noch erledigen.
vielleicht sogar:
Nein. Das mache ich heute nicht mehr.
Ich glaube, Sprache verändert nicht automatisch unser Leben.
Aber sie kann uns zeigen, wie wir unser Leben gerade empfinden.
Wenn fast jeder Tag nur noch aus Müssen besteht, lohnt es sich hinzuhören.
Nicht weil wir alle Verpflichtungen loswerden können.
Sondern weil vielleicht zwischen ihnen noch etwas fehlt:
du.
Deine Entscheidung.
Dein Wunsch.
Deine Freude.
Dein eigenes Tempo.
Vielleicht brauchst du nicht sofort mehr Kraft
Vielleicht ist auch das ein Gedanke, den wir überprüfen dürfen.
Wenn wir erschöpft sind, fragen wir oft:
Wie bekomme ich wieder mehr Energie?
Aber vielleicht lautet die bessere Frage manchmal:
Wofür verbrauche ich meine Energie eigentlich jeden Tag?
Das ist etwas anderes.
Denn vielleicht musst du nicht noch belastbarer werden.
Vielleicht muss auch nicht jede freie Minute der Erholung dienen, damit du anschließend wieder besser funktionieren kannst.
Vielleicht darfst du anfangen, dein Leben so zu verändern, dass du nicht ständig Erholung vom eigenen Alltag brauchst.
Das geht nicht von heute auf morgen.
Und manches können wir nicht einfach verändern.
Aber vielleicht können wir anfangen hinzuschauen.
Heute nur auf eine Sache.
Auf einen Satz, der mit „Ich muss …“ beginnt.
Und dann frag dich:
Muss ich wirklich?
Will ich?
Oder habe ich nur so lange geglaubt, dass ich muss, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke?
Vielleicht liegt genau dort ein kleines Stück Freiheit.
Nicht darin, plötzlich keine Verpflichtungen mehr zu haben.
Sondern wieder unterscheiden zu können:
Was gehört wirklich zu meinem Leben – und was trage ich nur noch aus Gewohnheit mit mir herum?
Herzlichst
Gudrun Marquardt