Mach dein Leben nicht kleiner, nur damit du dich sicher fühlst
Sicherheit fühlt sich erst einmal gut an.
Wir wissen, was kommt. Wir kennen unsere Abläufe. Wir wissen ungefähr, wie andere reagieren. Selbst etwas, das uns längst nicht mehr richtig guttut, kann sich beruhigend anfühlen, wenn es nur vertraut genug ist.
Und genau das macht es manchmal so schwer, etwas zu verändern.
Denn Vertrautheit kann sich täuschend ähnlich wie Sicherheit anfühlen.
Sie sagt:
Bleib lieber hier.
Du weißt wenigstens, was du hast.
Mach nichts Unüberlegtes.
Vielleicht wird es irgendwann von allein besser.
Das klingt vernünftig. Vielleicht sogar verantwortungsvoll.
Aber irgendwann lohnt sich eine andere Frage:
Fühle ich mich hier wirklich wohl – oder kenne ich mich hier nur gut aus?
Dieser Unterschied kann größer sein, als wir denken.
Manchmal richten wir uns in einem Leben ein, das längst zu klein geworden ist
Nicht unbedingt, weil wir es so gewählt hätten.
Vielleicht haben wir uns angepasst. Rücksicht genommen. Dinge auf später verschoben. Uns eingeredet, dass manches eben nicht mehr möglich ist.
Und irgendwann kennen wir dieses Leben so gut, dass selbst eine Veränderung zum Guten beängstigender erscheint als das Vertraute.
Ich glaube, wir unterschätzen manchmal, wie leicht wir unser Leben kleiner machen können, ohne es überhaupt zu bemerken.
Nicht mit einer großen Entscheidung.
Sondern mit vielen kleinen Sätzen:
Dafür bin ich nicht gut genug.
Das macht man in meinem Alter doch nicht mehr.
Was werden die anderen denken?
Sei zufrieden mit dem, was du hast.
Vielleicht sollte ich lieber vernünftig sein.
Und jedes Mal wird die Grenze ein kleines Stück enger.
Bis wir irgendwann gar nicht mehr genau wissen, ob wir etwas wirklich nicht wollen – oder ob wir nur gelernt haben, es uns nicht mehr zu erlauben.
Nicht jeder Käfig hat Gitter
Manche bestehen aus Gewohnheiten.
Aus Erwartungen.
Aus Angst.
Und manchmal sogar aus einem Bild von uns selbst, das irgendwann einmal entstanden ist und das wir nie wieder überprüft haben.
So bin ich eben.
Aber bist du wirklich noch so?
Oder hast du dich nur daran gewöhnt, dich so zu sehen?
Das ist eine Frage, die ich spannend finde.
Denn vielleicht gibt es Seiten an uns, die gar nicht verschwunden sind.
Vielleicht haben wir ihnen nur lange keinen Platz gegeben.
Den Wunsch, etwas Neues zu lernen.
Einen anderen Ort zu sehen.
Etwas aufzubauen.
Nein zu sagen.
Ja zu etwas zu sagen, das andere vielleicht nicht verstehen.
Oder einfach wieder neugierig darauf zu werden, was in unserem eigenen Leben noch möglich sein könnte.
Du musst deshalb heute nicht alles verändern.
Du musst keine große Entscheidung treffen und schon gar nicht alles Vertraute über Bord werfen.
Aber vielleicht solltest du dieses leise Gefühl in dir auch nicht jedes Mal sofort wieder beruhigen, wenn es sagt:
Da wäre noch mehr von mir.
Frag dich heute einmal:
Wo mache ich mein Leben kleiner, nur damit ich mich sicherer fühle?
Vielleicht kennst du die Antwort längst.
Und vielleicht geht es gar nicht darum, sofort zu wissen, wohin ein anderer Weg führen würde.
Vielleicht geht es zunächst nur darum, dir selbst wieder zu erlauben, ihn überhaupt zu sehen.
Herzlichst
Gudrun Marquardt
→ Weitere Tagesimpulse
→ Mehr über mein Buch „Nicht gut genug“