Warum wir uns selbst so schwer vertrauen – und wie wir unsere eigene Stimme wieder hören
Vielleicht kennst du diese Momente.
Eigentlich weißt du längst, was du möchtest.
Du hast ein Gefühl. Vielleicht sogar einen ziemlich klaren Gedanken. Für einen kurzen Moment scheint die Entscheidung getroffen.
Und dann erzählst du jemandem davon.
Ein skeptischer Blick genügt.
Ein Satz wie „Bist du dir da wirklich sicher?“
Oder jemand beginnt aufzuzählen, was alles schiefgehen könnte.
Und plötzlich ist die Klarheit weg.
Du fängst wieder an nachzudenken. Du suchst nach weiteren Informationen, fragst noch jemanden, liest noch etwas darüber. Aus einer Entscheidung, die sich vor einer Stunde noch richtig angefühlt hat, wird ein Problem, das du von allen Seiten untersuchst.
Bis du irgendwann selbst nicht mehr weißt, was du eigentlich wolltest.
Ich kenne das.
Und lange dachte ich, das wäre einfach vernünftig. Schließlich ist es doch gut, sich beraten zu lassen. Andere Meinungen zu hören. Nichts vorschnell zu entscheiden.
Das stimmt auch.
Aber irgendwann habe ich verstanden, dass es einen Unterschied gibt zwischen sich Rat zu holen und sich selbst nicht mehr zu vertrauen.
Und dieser Unterschied ist manchmal erstaunlich schwer zu erkennen.
Warum wir unserer eigenen Stimme irgendwann nicht mehr glauben
Niemand kommt auf die Welt und denkt:
Meine Wahrnehmung ist wahrscheinlich falsch.
Das lernen wir.
Manchmal ganz langsam.
Vielleicht hast du als Kind gespürt, dass dich etwas verletzt, und gehört:
Sei nicht so empfindlich.
Vielleicht warst du stolz auf etwas und jemand zeigte dir sofort, was daran noch nicht gut genug war.
Vielleicht hattest du einen Wunsch, der belächelt wurde.
Vielleicht hast du Nein gesagt und erlebt, dass jemand deshalb enttäuscht, beleidigt oder wütend wurde.
Vielleicht wurde dir oft erklärt, was für dich richtig ist, bevor du selbst herausfinden konntest, was sich für dich richtig anfühlt.
Ein einzelner solcher Moment verändert nicht unser ganzes Leben.
Aber viele davon können etwas hinterlassen.
Wir beginnen, einen winzigen Abstand zwischen uns und unsere eigene Wahrnehmung zu legen.
Vielleicht übertreibe ich.
Vielleicht sehe ich das falsch.
Vielleicht sollte ich lieber noch jemanden fragen.
Und irgendwann merken wir gar nicht mehr, wie selbstverständlich wir unsere eigene Stimme zur Diskussion stellen.
Wenn die Meinung anderer wichtiger wird als das eigene Gefühl
Das Schwierige daran ist: Von außen kann das sogar sehr vernünftig aussehen.
Du überlegst gründlich.
Du holst Informationen ein.
Du möchtest keine Fehler machen.
Du willst niemanden verletzen.
Du möchtest eine gute Entscheidung treffen.
Daran ist nichts falsch.
Problematisch wird es erst, wenn jede fremde Meinung automatisch mehr Gewicht bekommt als deine eigene.
Dann passiert etwas, das ich selbst gut kenne:
Jemand muss nur sehr überzeugt auftreten – und schon werde ich unsicher.
Nicht unbedingt, weil dieser Mensch mehr über mein Leben weiß.
Sondern weil seine Sicherheit stärker wirkt als meine eigene.
Und plötzlich suchen wir nicht mehr nach Informationen.
Wir suchen nach Erlaubnis.
Erlaubnis, Nein zu sagen.
Erlaubnis, etwas zu verändern.
Erlaubnis, etwas zu versuchen.
Erlaubnis, einen anderen Weg zu wählen.
Erlaubnis, etwas zu wollen, das andere vielleicht nicht verstehen.
Genau dort verlieren wir uns manchmal wieder ein kleines Stück.
Rat ist etwas anderes als Erlaubnis
Dieser Satz ist für mich wichtig geworden:
Rat ist etwas anderes als Erlaubnis.
Ich möchte andere Menschen weiterhin fragen.
Ich möchte zuhören, wenn jemand etwas weiß, das ich nicht weiß.
Ich möchte mich korrigieren können.
Und ich möchte meine Meinung ändern dürfen.
Aber ich möchte nicht mehr jede Entscheidung so lange herumreichen, bis jemand anderes sie für mich freigegeben hat.
Denn irgendwann muss ich mit meinem Leben selbst nach Hause gehen.
Der andere Mensch nicht.
Er kann mir sagen, was er tun würde.
Aber er lebt nicht mit meiner Geschichte, meinen Wünschen, meinen Grenzen und den Folgen meiner Entscheidung.
Das tue ich.
Und deshalb darf meine eigene Stimme in meinem Leben nicht immer die leiseste sein.
Vielleicht hast du Angst, die falsche Entscheidung zu treffen
Ich glaube, hier liegt ein großer Teil unseres Problems.
Wir wünschen uns Sicherheit.
Wenn jemand anderes unsere Entscheidung bestätigt, fühlt es sich an, als hätten wir ein kleines Stück dieser Sicherheit bekommen.
Wenn es später schiefgeht, können wir zumindest denken:
Ich war nicht die Einzige, die das für richtig gehalten hat.
Aber was wäre, wenn wir aufhören würden, Selbstvertrauen mit Fehlerfreiheit zu verwechseln?
Denn sich selbst zu vertrauen kann niemals bedeuten:
Ich werde immer richtig entscheiden.
Das wird niemand.
Wir werden Dinge ausprobieren, die nicht funktionieren.
Wir werden Menschen falsch einschätzen.
Wir werden Entscheidungen treffen, die wir später ändern.
Wir werden manchmal zu lange bleiben.
Manchmal zu früh gehen.
Manchmal werden wir denken:
Das würde ich heute anders machen.
Das gehört zum Leben.
Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Definition von Selbstvertrauen.
Selbstvertrauen bedeutet nicht: Ich weiß immer, was richtig ist
Vielleicht bedeutet es:
Ich vertraue mir zu, mit dem umzugehen, was aus meiner Entscheidung entsteht.
Für mich verändert dieser Gedanke sehr viel.
Denn plötzlich muss ich die Zukunft nicht mehr kennen.
Ich muss nicht vorher jede Möglichkeit durchdenken.
Ich brauche keine Garantie.
Ich darf eine Entscheidung mit dem Wissen treffen, das ich heute habe.
Und wenn ich morgen etwas Neues erfahre?
Dann darf ich neu entscheiden.
Wenn etwas nicht funktioniert?
Dann darf ich korrigieren.
Wenn ich mich irre?
Dann darf ich daraus lernen.
Wenn ich hinfalle?
Dann darf ich wieder aufstehen.
Vielleicht entsteht Selbstvertrauen genau dadurch.
Nicht indem wir nie mehr zweifeln.
Sondern indem wir immer wieder erleben:
Auch wenn nicht alles so läuft, wie ich gehofft habe, kann ich mit mir weitergehen.
Die eigene Stimme wird nicht plötzlich wieder laut
Wenn du viele Jahre gewohnt warst, zuerst nach außen zu schauen, wirst du wahrscheinlich nicht morgen aufwachen und bei jeder Entscheidung vollkommen sicher sein.
Das musst du auch nicht.
Vielleicht beginnt es viel kleiner.
Du merkst, dass du müde bist – und machst eine Pause, bevor jemand dir sagt, dass du sie verdient hast.
Du merkst, dass dir etwas zu viel wird – und nimmst dieses Gefühl ernst.
Du möchtest etwas – und redest es dir nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten wieder aus.
Du sagst Nein – und hältst das unangenehme Gefühl aus, dass jemand darüber enttäuscht sein könnte.
Du hast eine Idee – und gibst ihr ein bisschen Zeit, bevor du fünf Menschen fragst, ob sie gut genug ist.
Das sind keine spektakulären Entscheidungen.
Aber vielleicht sind genau das die Momente, in denen Selbstvertrauen zurückkommt.
Nicht als Gefühl. Sondern als Erfahrung.
Du hörst auf dich.
Du handelst danach.
Und du erlebst:
Ich kann mich auf mich verlassen.
Stell dir vor, du müsstest dich nicht mehr ständig überzeugen
Wie viel Kraft würde frei werden?
Wie viele Gedanken würden leiser?
Wie viele Entscheidungen wären plötzlich einfacher?
Nicht weil du alles weißt.
Sondern weil du nicht mehr jede innere Regung vor ein imaginäres Gericht stellen musst.
Darf ich das?
Ist das vernünftig genug?
Was werden die anderen denken?
Was, wenn ich mich irre?
Natürlich werden solche Gedanken trotzdem auftauchen.
Aber sie müssen nicht mehr automatisch entscheiden.
Vielleicht kannst du irgendwann sagen:
Ich höre euch. Und jetzt höre ich auch mich.
Das ist etwas anderes als Trotz.
Es ist auch keine Gleichgültigkeit gegenüber anderen.
Es bedeutet lediglich, dass du selbst wieder einen Platz in deinen eigenen Entscheidungen bekommst.
Eine Frage, die vieles verändern kann
Wenn du gerade vor einer Entscheidung stehst, probiere einmal etwas aus.
Frag nicht sofort:
Was soll ich tun?
Frag dich zuerst:
Was würde ich tun, wenn ich niemandem diese Entscheidung erklären müsste?
Lass die Antwort einen Moment stehen.
Nicht sofort korrigieren.
Nicht vernünftig machen.
Nicht prüfen, ob jemand anderes sie verstehen würde.
Einfach hören.
Vielleicht ist sie nicht die endgültige Antwort.
Vielleicht brauchst du danach tatsächlich Informationen oder einen guten Rat.
Aber dann gehst du anders in dieses Gespräch.
Nicht als jemand, der sagt:
Sag mir, was ich tun soll.
Sondern als jemand, der sagen kann:
Das ist meine Wahrnehmung. Was siehst du, das ich vielleicht noch nicht sehe?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Denn jetzt gibst du deine Entscheidung nicht ab.
Du erweiterst deinen Blick.
Vielleicht weißt du mehr über dein Leben, als du denkst
Nach all den Jahren, in denen wir uns selbst infrage gestellt haben, erwarten wir manchmal einen großen Moment, in dem plötzlich alles anders wird.
Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass es so funktioniert.
Die Rückkehr zu uns selbst geschieht wahrscheinlich in vielen kleinen Momenten.
Wenn wir einen Wunsch nicht sofort wegschieben.
Wenn wir unsere Müdigkeit ernst nehmen.
Wenn wir ein Nein stehenlassen.
Wenn wir etwas ausprobieren, obwohl nicht alle davon überzeugt sind.
Wenn wir einen Fehler machen und daraus nicht wieder den Beweis formen, dass wir uns selbst nicht vertrauen können.
Und wenn wir uns nach einer falschen Entscheidung nicht verlassen.
Vielleicht ist das sogar der wichtigste Teil:
Bei sich zu bleiben, auch wenn man sich geirrt hat.
Denn dann brauchen wir keine perfekte Version von uns mehr, um uns selbst vertrauen zu dürfen.
Wir dürfen Menschen sein.
Lernend.
Manchmal unsicher.
Manchmal mutig.
Manchmal falsch.
Und trotzdem fähig, den nächsten Schritt zu gehen.
Vielleicht kennst du deine Antwort heute noch nicht.
Das ist in Ordnung.
Aber bevor du wieder alle anderen fragst, frag einmal dich.
Und wenn da eine leise Antwort kommt, dann mach sie nicht sofort klein.
Vielleicht weißt du längst viel mehr über dein eigenes Leben, als du dir bisher zugetraut hast.
Herzlichst
Gudrun Marquardt