Warum wir uns selbst oft zuletzt wichtig nehmen mit Gudrun Marquardt

Warum wir uns selbst oft zuletzt wichtig nehmen

Viele Menschen kümmern sich liebevoll um andere – und vergessen dabei sich selbst.

Sie hören zu, helfen, organisieren, tragen Verantwortung und versuchen, für alle da zu sein. Oft wirkt das nach außen wie Stärke. Doch hinter dieser Stärke verbirgt sich nicht selten etwas anderes: die Gewohnheit, die eigenen Bedürfnisse immer wieder nach hinten zu stellen.

Manchmal geschieht das so lange, dass man es gar nicht mehr bemerkt.

Man fragt andere, wie es ihnen geht, aber nicht sich selbst. Man sorgt dafür, dass es allen gut geht, während die eigene Erschöpfung immer größer wird. Und irgendwann entsteht das Gefühl, dass das eigene Leben nur noch aus Verpflichtungen besteht.

Doch warum fällt es vielen Menschen so schwer, sich selbst wichtig zu nehmen?

Wir lernen früh, auf andere zu achten

Viele von uns wachsen mit der Vorstellung auf, dass es wichtig ist, rücksichtsvoll zu sein.

Das ist grundsätzlich etwas Schönes. Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl sind wertvolle Eigenschaften.

Problematisch wird es erst dann, wenn wir daraus ableiten, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als unsere eigenen.

Manche Menschen lernen schon als Kinder, Konflikte zu vermeiden. Sie versuchen, Erwartungen zu erfüllen und niemanden zu enttäuschen. Oft entwickeln sie ein feines Gespür für die Gefühle anderer.

Was sie dabei selten lernen, ist die gleiche Aufmerksamkeit für sich selbst.

Wenn Selbstfürsorge sich egoistisch anfühlt

Viele Frauen kennen diesen inneren Konflikt.

Sie möchten einmal Nein sagen, fühlen sich danach aber schuldig.

Sie möchten eine Pause machen, haben aber das Gefühl, etwas leisten zu müssen.

Sie möchten ihre eigenen Wünsche ernst nehmen, hören aber sofort eine innere Stimme, die sagt:

„Denk zuerst an die anderen.“

So entsteht ein Leben, in dem die eigenen Bedürfnisse immer weiter nach hinten rutschen.

Dabei ist Selbstfürsorge kein Egoismus.

Ein Mensch kann nicht dauerhaft geben, ohne selbst aufzutanken.

Wer immer nur für andere lebt, verliert irgendwann die Verbindung zu den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Träumen.

Die Folgen zeigen sich oft erst später

Am Anfang scheint das ständige Funktionieren noch zu funktionieren.

Doch mit den Jahren hinterlässt es Spuren.

Man wird müde.

Nicht nur körperlich, sondern auch innerlich.

Man fühlt sich leer, gereizt oder enttäuscht. Man fragt sich, warum das Leben sich nicht mehr leicht anfühlt. Manche Menschen verlieren sogar das Gefühl dafür, was ihnen eigentlich Freude macht.

Sie haben sich so lange an andere angepasst, dass sie sich selbst kaum noch kennen.

Dein Wert hängt nicht davon ab, was du für andere tust

Einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einem gesunden Selbstwert besteht darin, zu erkennen:

Dein Wert entsteht nicht dadurch, wie viel du leistest.

Nicht dadurch, wie hilfreich du bist.

Nicht dadurch, wie viele Menschen dich mögen.

Du bist nicht wertvoll, weil du alles für andere trägst.

Du bist wertvoll, weil du ein Mensch bist.

Das klingt einfach, doch viele Menschen haben genau das nie wirklich verinnerlicht.

Sie glauben unbewusst, ihren Platz verdienen zu müssen.

Doch echter Selbstwert entsteht nicht durch Leistung.

Er entsteht durch die Bereitschaft, sich selbst anzunehmen.

Sich selbst wichtig zu nehmen beginnt mit kleinen Schritten

Niemand verändert jahrzehntelange Gewohnheiten über Nacht.

Oft beginnt die Veränderung ganz leise.

Vielleicht damit, dass du dir jeden Tag ein paar Minuten nur für dich nimmst.

Vielleicht damit, dass du einmal ehrlich aussprichst, was du brauchst.

Vielleicht damit, dass du eine Grenze setzt, obwohl es sich ungewohnt anfühlt.

Jeder kleine Schritt sendet eine wichtige Botschaft an dich selbst:

„Auch ich bin wichtig.“

Die Rückkehr zu dir selbst

Viele Menschen verbringen Jahre damit, für alle anderen da zu sein.

Doch irgendwann kommt der Moment, in dem sie spüren, dass sie sich selbst verloren haben.

Dieser Moment kann schmerzhaft sein.

Aber er kann auch der Anfang von etwas Neuem werden.

Denn die Rückkehr zu dir selbst beginnt nicht mit einer großen Veränderung.

Sie beginnt oft mit einer einfachen Entscheidung:

Dich selbst nicht länger an die letzte Stelle zu setzen.


Abschluss

Vielleicht musst du nicht lernen, ein anderer Mensch zu werden.

Vielleicht musst du nur aufhören zu glauben, dass alle anderen wichtiger sind als du.

Denn dein Leben ist nicht weniger wertvoll als das Leben der Menschen, für die du jeden Tag da bist.

Und manchmal beginnt Heilung genau dort – in dem Moment, in dem du dir selbst den Platz gibst, den du anderen schon immer gegeben hast.

— Gudrun Marquardt